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Berufswahl Was die Familie aus Ihnen macht

Sie lieben sich, sie zoffen sich, sie prägen sich. Welche Rolle Geschwister bei der Berufswahl spielen. Wieso Zwillinge häufig denselben Job machen oder Erstgeborene in die Fußstapfen der Eltern treten. Und was das familiäre Umfeld aus einem macht.

Liane Borghardt | , aktualisiert

Oft tragen Christian und Stephan Bank dieselben Klamotten, wenn sie sich morgens im Flur ihrer WG begegnen. Und weil es "behämmert aussähe", als eineiige Zwillinge im gleichen Outfit in der Kölner Uni-Bibliothek zu sitzen, zieht sich einer von ihnen freiwillig um.

Doch die Bank-Brüder greifen nicht nur intuitiv zu denselben T-Shirts. Stephan und Christian haben auch dieselben Vorlieben in Sachen Jobs und Arbeitgeber (siehe Porträt rechts). Von der Grundschule bis zur Promotion sind ihre Werdegänge identisch.

Mächtiges Erbe

Für solche Sensationen hat die Zwillings- und Geschwisterforschung Erklärungen parat. "Die Berufswahl ist durch Schulleistungen, Talente, Interessen bedingt. Alles Faktoren, bei denen der genetische Einfluss bedeutsam ist", erläutert Rainer Riemann, Professor für Psychologie an der Uni Jena. Und bei eineiigen Zwillingen sind die Erbanlagen nun mal zu 100 Prozent deckungsgleich.

Dass das zu verblüffend ähnlichen Lebenswegen führen kann, zeigte der Wissenschaftler Thomas Bouchard Anfang der 80er Jahre mit einer umfangreichen Studie an getrennt aufgewachsenen Zwillingen in den USA: Ohne Kontakt zueinander hatte das Gros der befragten Paare exakt dieselben Berufe ergriffen.

Heute suchen Zwillingsforscher nach dem Verhältnis von genetischen und Umwelteinflüssen bei Zwillingspaaren - und kommen zu ähnlichen Ergebnissen. Viele von ihnen, vor allem eineiige Zwillinge, findet man in verwandten Berufen, sagt Riemann. Auf den ersten Blick mögen ihre Jobs unterschiedlich sein. Aber wenn der eine Zwillingsbruder Architekt und der andere Web-Designer ist, so "bauen" doch beide etwas, arbeiten kreativ, brauchen ästhetisches Gespür. Bei zweieiigen Zwillingen dagegen, die in derselben Umgebung groß werden, seien die Abweichungen stärker.

Genau wie zweieiige Zwillinge haben auch "normale" Geschwister im Schnitt zu 50 Prozent die gleichen Gene. "Das heißt: Die Schnittmenge kann sogar weit größer sein. Nämlich bis zu 95 Prozent", betont Hartmut Kasten, Frühpädagoge und Psychologe am Staatsinstitut für Familienforschung. Nicht verwunderlich also, wenn es in einer Familie reihenweise Chemiker oder Technikfreaks gibt: Talente wollen im Beruf ausgelebt werden.

Was Eltern wollen

Allerdings macht eine ungewöhnliche Reaktionsgeschwindigkeit allein noch keinen Schumi. Hinter jedem Profisportler stünden "karriereorientierte Eltern", die ihre Kinder auf die Kartbahn oder den Sportplatz brächten, erklärt Familienforscher Kasten.

Bei den drei Rahmlow-Schwestern (siehe Porträt links) holte die Mutter stets die Bastelkiste hervor. Heute gestalten die Frauen Grafiken und Gebäude. "Es kommt auf die Feinfühligkeit der Eltern an, Tätigkeitsvorlieben anzuregen, die die Kinder von sich aus zeigen", sagt Kasten. Der Grundstein für die Karriere, weiß der Pädagoge, wird in den ersten Lebensjahren gelegt.

Ob Geschwister beruflich in "konstruktiven Wettbewerb" oder "destruktive Rivalität" treten, ist laut Entwicklungspsychologen auch eine Frage der Harmonie im Elternhaus. Gleiches Geschlecht, geringer Altersabstand und ähnliche Anlagen begünstigen die Konkurrenz. "Jedoch gehören Verlässlichkeit und Loyalität in ausgeglichenen Familien zu Werten, die schließlich immun gegen solche Konflikte machen", erklärt Horst Petri, Psychoanalytiker und Autor von "Geschwister - Liebe und Rivalität". Petri erzählt von zwei Brüdern, die sich als angestellter und freier Physiker gegenseitig Aufträge verschaffen.

Nischen besetzen

Erbanlagen, Einfluss durch das soziale Umfeld: Diese Faktoren in der persönlichen Entwicklung räumen mit der klassischen "Positionstheorie" und deren Klischees über Geburtsränge und Berufe auf. Das Erstgeborene als herrischer Chef, das "Sandwichkind" als diplomatischer Seelsorger und das sorglose Nesthäkchen als Künstler sind nach der aktuellen Geschwisterforschung nicht mehr haltbar.

Doch dass der älteste Sohn oft Geschäft, Kanzlei oder Praxis der Eltern übernimmt, ist bis heute empirisch belegt. Nie hätten seine Eltern ihn gedrängt, den Hof zu übernehmen, "aber gehofft haben sie es schon", erzählt Martin Voß-Krüger. Diese Hoffnung wirkt unterschwellig auf den Stammhalter. Schon als kleiner Junge wusste Martin, dass er einmal Landwirt sein würde. Ebenso früh war seiner Schwester Anne klar, dass sie nicht mit den Händen arbeiten will. Heute ist sie als Lehrerin glücklich. Jüngere Kinder suchen sich eine "freie Nische", sagen Experten.

Egal, ob Anwalt, Architektin oder Landwirt - unsere Geschwister bleiben der Christian, die Birgit oder der Martin. Denn sie sind, schreibt Autor Petri, "die längste Beziehung unseres Lebens".

Erfolgreiches Doppel

Als Christian und Stephan Bank sich am Londoner University College bewarben, landeten Christians Unterlagen dort direkt im Müll. Zwei Mal dieselbe Bewerbung für ein juristisches Masterprogramm, dachte die Sekretärin und warf die von Christian weg. Die Bank-Zwillinge nahmen es mit Humor. Schließlich sind die Unterschiede in ihren Lebensläufen kleiner als in kniffligen Suchrätseln. "Mein Bruder macht mir alles nach", frotzelt der eine über den anderen.

Im Ernst sagt jeder von sich, einfach das zu tun, was seinen Neigungen entspricht. Und wenn da jemand zufällig genauso gestrickt ist - was soll´s? "Wir haben nie versucht, dagegen anzugehen", erzählt Christian. "Warum auch?" Und so wählten beide Banks in der Schule Englisch und Geschichte als Leistungskurs, brauchten wegen Lebensmittelallergie nicht zum Bund und machten eine Lehre bei der Deutschen Bank - weil weder der eine noch der andere wusste, was er studieren sollte. Im Berufsschulfach Recht waren beide "sehr gut" und entschieden sich deshalb fürs Jura-Studium in Köln.

Inzwischen sind Christian und Stephan 29 Jahre alt und haben beide ihr erstes Staatsexamen, einen Master of Laws und einen Doktor über deutsch-britische Rechtsvergleiche in der Tasche. Der eine mit "summa cum laude", der andere mit "magna cum laude". Rivalität gäbe es zwischen ihnen nicht, eher würden sie sich anspornen, meint Stephan: "Wenn einer eine Prüfung brillant besteht und der andere durchfällt, weiß man doch, dass das an seiner Faulheit gelegen haben muss."

Zurzeit jobben die Banks bei der internationalen Anwaltskanzlei Freshfields, für die Wahlstation im juristischen Vorbereitungsdienst bewerben sie sich beim Auswärtigen Amt und der Deutsch-Amerikanischen Handelskammer in ihrer Lieblingsstadt New York. Im gemeinsamen Praktikum in Sydney fanden sie es damals auch "cool, jemanden dabei zu haben, mit dem man Party machen kann".

Ob es für Arbeitgeber Gründe gibt, den einen und nicht den anderen einzustellen? Hm, schwere Frage - ihre Freundinnen wüssten ja auch immer genau, warum sie genau mit dem einen zusammen sind. Also überlassen Christian und Stephan die Antwort lieber den Personalern. Bis jetzt haben die sich sowieso immer für beide entschieden. Auf die Gefahr hin, dass verwirrte Kollegen glauben, dieser nette Herr Bank würde doppelt so viel arbeiten wie sie.

Kreatives ABC

Klopapierrollen, Kartons von Erfrischungsstäbchen - bei den Rahmlows wurde früher alles verbastelt. "Ich bin froh, dass meine Eltern nicht so viel Geld für Spielzeug hatten", sagt Corinna. Kein Familienausflug, zu dem die Mutter nicht Malblock und Stifte für die drei Töchter einpackte. Die guten Buntstifte bekamen sie vom Großonkel, dem Künstler, geschenkt. Das Haus ihrer Lieblingstante, einer Grafikerin, hing voll mit selbstgemalten Bildern. Und der Onkel, ein Architekt, werkelte an seinen Modellen, wenn die Nichten zu Besuch kamen.

Jetzt setzt die jüngere Rahmlow-Generation die kreative Tradition fort: Corinna und ihre drei Jahre ältere Schwester Anke sind Grafikerinnen, Corinnas sechs Jahre ältere Schwester Birgit ist Architektin. "Heute ist uns schon klar, dass wir uns bei der Berufswahl in der Familie umgeschaut haben." Der physik- und techniklastige Job des Vaters - ein Elektroingenieur - kam für keine der Schwestern in Frage. Eher etwas, wofür man Hände und Geschick braucht, das die Mutter schon so früh förderte.

Dass bei den bastelnden Rahmlow-Schwestern fortwährend nur eitel Sonnenschein geherrscht hätte - Fehlanzeige, erzählt Corinna. Der letzte gemeinsame Familienurlaub findet statt, als sie 13 ist, dann gehen die Schwestern getrennte Wege. Birgit ist die "brave Älteste". Anke, die Mittlere, "darf immer alles". "Und ich war das lästige Übel, auf das man aufpassen muss", sagt Corinna lachend. "Wieder zueinander gefunden und richtig kennen gelernt haben wir uns erst in Studium und Beruf."

Corinnas Nachhauseweg von der FH Krefeld, an der sie Kommunikationsdesign studierte, führte meist über Ankes Wohnung, zum Pasta kochen. Die besten Silvesterpartys feierten die drei bei Birgit, die sich in Aachen für Architektur eingeschrieben hatte. Heute wohnen Corinna und Anke in Krefeld sogar im gleichen Haus, beraten sich gegenseitig bei Entwürfen von Logos und Anzeigenkampagnen. Birgit kommt zwei, drei Mal die Woche vorbei. "Wir sind inzwischen ein unzertrennliches ABC", sagt Corinna. Wenn "Mädelsabend" ist, bringen die Rahmlows ihre Kinder zu den Großeltern. Dort wird dann - was denn sonst - mit der Oma gebastelt.

Gute Landluft, schlechte Landluft

Kühe melken, Stroh einfahren, Schweine füttern: "Seit wir helfen konnten, haben wir auf dem Hof mitgearbeitet." Die Krüger-Geschwister Anne, 34, und Martin, 35, sind im 300-Seelen-Dorf bei Lemgo aufgewachsen. Sie haben die gleiche Erziehung genossen, gemeinsam in ihrer Freizeit in den Stallungen geackert und mit denselben Freunden gespielt. Doch während Martin schon mit drei Jahren wusste, dass er Landwirt werden wollte, dachte Anne nur ans Fortgehen. "Mein Vater hat mich zum Landwirt erzogen", sagt der Erstgeborene. "Er hat gehofft, dass ich einmal in seine Fußstapfen treten würde, aber er hat es nie verlangt." Mit 16 Jahren machte Martin eine landwirtschaftliche Lehre.

Nach Fachabi, Studium und einem sechsmonatigen Aufenthalt auf einer kanadischen Farm kehrte er zurück auf den elterlichen Hof, den er jetzt schon seit zehn Jahren leitet. "Ich liebe das Leben im dünn besiedelten Raum, meinen Beruf, der extrem hohe Abwechslung bietet, und die intensive Nachbarschaft", schwärmt er. Anne dagegen ist froh, dem dörflichen Tratsch entronnen zu sein und preist das Stadtleben. "Ich wollte immer weg", sagt sie. "Und meine Eltern haben mich darin unterstützt."

Denn eigentlich sei unausgesprochen klar gewesen, dass der älteste Sohn den Hof übernehmen werde. Mit 19 Jahren kehrte sie Afendorf im Kalletal den Rücken, lebte in Israel, studierte Biologie und Mathematik in Aachen und arbeitet nun als Gymnasiallehrerin in Düsseldorf. Nicht einmal das Biologie-Studium kann sie mit ihrer Herkunft erklären: "In Pflanzenbestimmung war ich schon als Kind nicht besonders gut. Am liebsten beschäftige ich mich mit Vorgängen auf zellulärer Ebene. Noch heute arbeite ich nicht gerne mit meinen Händen."

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