Berufswahl Das falsche Bild von MINT-Jobs

Nicht nur Frauen, auch junge Männer wollen mit Naturwissenschaft und Technik nichts zu tun haben. Der Grund: Sie verwechseln MINT-Jobs mit Fließbandarbeit oder Schlimmerem. Das hat fatale Folgen.

Kerstin Dämon, wiwo.de | , aktualisiert

Das falsche Bild von MINT-Jobs

Foto: industrieblick / fotolia.com

"Mathe ist ein Arschloch – und Physik sein kleiner Bruder": Diese Weisheit steht so und in abgeänderter Form auf Schultoiletten, Hausaufgabenheften und sogar T-Shirts. Und sie spiegelt den Schulalltag zahlreicher Jugendlicher wieder. Mathe ist für viele ein Angstfach, Physik unverständlich, Chemie scheint keinen Realitätsbezug zu haben und Informatik findet an den meisten Schulen wenn überhaupt nur als Projektfach statt.

Auch Männer verlieren Lust auf Tech-Jobs

Da braucht man sich eigentlich nicht wundern, dass der deutschen Wirtschaft derzeit rund 360.000 Fachkräfte aus dem MINT-Bereich – also aus Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik – fehlen, wie vor kurzem der MINT-Herbstreport gezeigt hat. Eines der Resultate der Untersuchung war: Nicht nur Frauen haben keine Lust auf Tech-Jobs, auch Männer werden lieber Arzt, Anwalt oder Einzelhandelskaufmann – nur eben bitte nichts mit Technik.

Das aktuelle MINT Nachwuchsbarometer von acatech, der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften, und der Körber-Stiftung ist deshalb der Frage nachgegangen, woher diese Abneigung kommt. Folgende Gründe sprechen aus Sicht der Jugendlichen gegen eine Ausbildung oder ein Studium in einem naturwissenschaftlichen oder technischen Bereich.
 
Jugendliche haben ein falsches Bild von den Berufen

Wenig Kontakt mit Menschen, ein gefährlicher – und dazu noch kalter – Arbeitsplatz und körperlich anstrengende Aufgaben: So stellen sich viele Schülerinnen und Schüler die Arbeit in MINT-Berufen vor. Eine Studie der Impuls-Stiftung des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbauer (VDMA) beleuchtet dies näher. Für die Studie wurden Schüler gefragt, welche technischen Berufe sie kennen. Mehr als den Kfz-Mechatroniker konnte jedoch niemand nennen. Was beispielsweise ein Zerspanner macht, konnte sich niemand vorstellen. Jobs in der Industrie werden mit Fließbandarbeit gleichgesetzt, man höre über Industrieberufe "nichts Gutes", so die Befragten.
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Eine Befragung der Schweizer Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Chur unter Schülern im Alter von zwölf bis 21 Jahren zeigt, dass die Mehrheit der Jugendlichen zwischen zwölf und 16 Jahren gar nicht wissen, was beispielsweise ein Bauingenieur macht. Knapp ein Drittel der Befragten ging davon aus, dass man einen Elektroingenieur anruft, wenn eine Deckenlampe angeschlossen werden muss.

Laut Analysen auf Basis der VDMA-Daten befürchten viele Schülerinnen und Schüler, dass es bei der Arbeit in technischen Berufen laut und kalt sei, dass die Aufgaben monoton und die Jobs gesellschaftlich wenig sinnvoll seien und man leicht körperlichen Schaden nehme. 61 Prozent der Schülerinnen und Schüler gehen außerdem davon aus, dass man in technischen Berufen wenig mit Menschen zu tun habe – gerade Mädchen wünschen sich jedoch Berufe, in denen Kommunikation und die Zusammenarbeit mit Menschen eine Rolle spielt. Ein Schüler fasst zusammen, wie er sich technische Berufe vorstellt: "… dass es kraftaufwendig ist, man viele Überstunden leisten muss; dass man sich vielleicht nach drei, vier Jahren nicht mehr richtig bücken kann, wenn man schwere Sachen heben muss; dass man eine größere Verletzungsgefahr hat."

Keine Vorstellung von Verdienstmöglichkeiten

Selbst von den Verdienstmöglichkeiten in technischen Berufen haben die Jugendlichen keine Ahung: Die Schweizer Studie zeigt, dass fast die Hälfte der 12- bis 16-Jährigen keine Vorstellung davon hat, ob ein Ingenieur eher gut oder schlecht verdient. 17- bis 21-Jährigen wissen zwar, dass Ingenieurinnen und Ingenieure gut verdienen – einordnen können sie das Gehalt jedoch nicht.

Sich für ein vermutlich schlechtes Gehalt in kalten Fabrikhallen am Fließband den Rücken krumm schaffen – das wollen die Jugendlichen verständlicherweise nicht. Nur: Wer ist schuld daran, dass sie dieses Bild von MINT-Berufen haben? Auch auf diese Fragen findet das MINT-Nachwuchsbarometer Antworten.

Nur Bekanntes ist interessant

Wie kürzlich eine Studie der Vodafone-Stiftung zeigte, haben Jugendliche keine Pläne für ihre berufliche Zukunft – weil sie schlicht nicht wissen, welche Berufe es gibt und was zum jeweiligen Arbeitsalltag gehört. Demnach fühlen sich 56 Prozent der Schüler in Deutschland ausreichend über ihre beruflichen Möglichkeiten informiert. Und wer schon in der Schule weiß, welchen Beruf er gerne lernen möchte, der tendiert zu einem Beruf, den er aus seinem eigenen Umfeld kennt. "Es sind immer die bekanntesten Berufe. Es sind nie die, die man nicht so kennt. Ich kenne zum Beispiel jetzt nicht alle Berufe und ja, die bekanntesten sprechen einen halt an", zitiert der VDMA einen Schüler. Ein weiterer sagt: "Durch den Alltag sieht man auch viele verschiedene Berufe, zum Beispiel den Einzelhandelskaufmann sieht man ja in verschiedenen Läden. Dann kommt man auf die Idee, das mal zu recherchieren."

Weil MINT-Jobs seltener beziehungsweise weniger sichtbar sind, rangieren Berufe aus dem IT- und dem Computersektor auf dem letzten Platz der von Schülern gegenüber der Vodafone-Stiftung genannten Traumberufe.

Hier sollte die Berufsvorbereitung an Schulen und in den Arbeitsagenturen greifen und zumindest die Palette der existierenden Berufe vorstellen, doch das geschieht nicht beziehungsweise unzureichend, wie es im MINT-Nachwuchsbarometer heißt.

Einseitige Beratung an Gymnasien

In den Gymnasien liege der Fokus außerdem meist einseitig auf der Studienorientierung, Informationen zu Berufen und Ausbildung finde so gut wie gar nicht statt. "In der 10. Klasse im Gymnasium sind mit 26 Prozent noch genauso viele Schülerinnen und Schüler an MINT-Berufen interessiert wie Haupt- und Realschülerinnen und -schüler im Abschlussjahr. Das Interesse sinkt dann in der Oberstufe des Gymnasiums kontinuierlich von Klassenstufe zu Klassenstufe bis auf rund 13 Prozent kurz vor dem Schulabschluss", heißt es in der Studie.

Wer als Gymnasiast deshalb zum Berufsberater geht, bekommt auch keinen entsprechenden Hinweis, wie eine Schülerin dem VDMA erzählt: "Der Berufsberater hätte mehr auf mich eingehen müssen. Wir mussten einen Zettel ausfüllen und dann hat er eigentlich nur gefragt ‚Ja, notentechnisch würde Schule passen, das könntest du machen. Und sonst, was würdest du denn gerne tun?‘ Und dann habe ich gesagt, Management oder Tourismus vielleicht, und dann hat er mir einfach nur Studienunterlagen geschickt. Aber der hätte einfach mal mit mir die Berufe durchgehen müssen! Vielleicht mal nach meinen Stärken/Schwächen schauen müssen, sich einfach mit mir beschäftigen müssen, die einzelnen Sachen erklären müssen."

Eltern raten Mädchen von MINT-Berufen ab

Wie die Vodafone-Studie zeigte, spielen die Eltern bei der Wahl des Berufes ebenfalls eine wichtige Rolle: Je besser sie ihre Kinder bei der Suche nach einem Job unterstützen, umso leichter fällt ihnen die Berufswahl. Und je weniger die Schule vorbereitet, desto mehr werden die Eltern um Rat gefragt. Deshalb hat es besonders große Auswirkungen, wenn Eltern ihren technikbegeisterten Kindern von einer entsprechenden Ausbildung oder Studium abraten.

Hierbei gibt es übrigens deutliche Unterschiede, ob es sich um Söhne oder Töchter handelt: Eltern, Familie, Freunden und Bekannten raten Mädchen fünfmal häufiger von einer technischen Ausbildung ab als Jungen. Und das mit entsprechenden Auswirkungen: Fast 38 Prozent der Frauen, die mit einem MINT-Job geliebäugelt, dann aber doch lieber einen frauentypischeren Beruf ergriffen haben, taten dies wegen des Drucks durch das soziale Umfeld. "Das ist doch nichts für Mädchen." Dieser Meinung sind übrigens auch 22 Prozent der vom VDMA befragten männlichen Auszubildenden in technischen Berufen. Sie sind überzeugt, dass Frauen für diesen Beruf weniger geeignet seien, weil ihnen technisches Verständnis, handwerkliches Geschick sowie die körperlichen Voraussetzungen fehlten.

Um junge Menschen – egal welchen Geschlechts – an technische Berufe heranzuführen, braucht es laut dem MINT-Nachwuchsbarometer deshalb vor allem eine bessere Berufsvorbereitung und -information an allen Schulen. Außerdem zeigen Studien, dass Schüler, die Technikunterricht oder Technik-Arbeitsgruppen besucht haben, einer Ausbildung oder einem entsprechenden Studium deutlich positiver gegenüber stehen. Auch nach Untersuchungen der OECD haben Jugendliche aus Staaten, die einen regelmäßigen Technikunterricht an allgemeinbildenden Schulen anbieten, weniger Berührungsängste mit Technik und technischen Berufen.

An deutschen Schulen gibt es Technikunterricht allerdings nicht als Pflichtfach und wenn doch, dann in Fachverbindungen mit Wirtschaft, Hauswirtschaft, Mensch, Umwelt, Recht oder Kunst. Dabei hätten gerne mehr Schüler die Möglichkeit, sich im Unterricht mit Technik zu befassen. Die Studie der HTW Chur belegt, dass über ein Drittel der 17- bis 21-Jährigen mehr Technikunterricht in der Schule wünscht. Wichtig ist dabei nur, den Schülern den Praxisbezug zu vermitteln: Wissenschaftler der Universität Tübingen haben bewiesen: Gymnasiasten, die sich mit dem Nutzen von Mathematik im alltäglichen Leben beschäftigt haben, schnitten bei Tests besser ab und waren motivierter als Schüler, die bloß stur Formeln pauken. Denn wieso sollte man Zeit in etwas investieren, das keinen praktischen Nutzen hat?

Leistungskurs entscheidet

Auch die Wahl der Leistungskurse in der gymnasialen Oberstufe spielen später eine Rolle bei der Wahl des Studienfachs oder der Ausbildung. Das Nachwuchsbarometer bestätigt, dass Schülerinnen und Schüler, die einen Mathe-, Physik- oder Informatik-Leistungskurs belegt haben, deutlich häufiger eine MINT-Ausbildung planen. Das Problem ist nur: Die Mehrheit der Schüler belegt die Fächer Deutsch (20 Prozent), Englisch (19 Prozent) und Mathematik (18 Prozent). Im Schuljahr 2013/14 besuchten nur 16 Prozent der Schüler einen naturwissenschaftlichen Leistungskurs, wobei das Fach Biologie mit neun Prozent wiederum mehr als die Hälfte ausmacht und das nur vereinzelt angebotene Fach Informatik mit unter einem Prozent kaum ins Gewicht fällt. Physik- und Chemie-Interessierte scheinen in den Gymnasien Exoten zu sein.

Alarmierend ist auch die Nachwuchssituation bei den Lehrer für die naturwissenschaftlichen und technischen Fächer: Rund 21 Prozent der Lehrer geben entsprechenden Unterricht, Tendenz fallend. Im Jahr 2012/2013 lag der Anteil der Physiklehrer unter der Neulehrern "immerhin" noch bei vier Prozent, im Jahr 2013/2014 waren es schon nur noch drei Prozent.

Auch bei Chemie- und Informatiklehrern für das Gymnasium ist der Anteil rückläufig, nur bei den Mathematiklehrern stagniert der Wert. Zum Vergleich: Binnen eines Jahres hat sich in der Sekundarstufe II der Anteil der Geschichtslehrer, die frisch von der Uni kamen, von gut acht auf knapp elf Prozent erhöht. Und das trotz geringer Nachfrage.

Ein ganz ähnliches Bild bietet sich an den Berufsschulen: Während im Jahr 2004 noch rund 17 Prozent der Berufsschullehrer ein technisches Fach studiert haben, waren es 2014 noch neun Prozent.

Jeder Student ist ein Azubi weniger

Zwar schreiben sich mittlerweile wieder mehr junge Menschen für ein MINT-Studium ein, eine echte Trendwende sei das jedoch nicht. Zum einen ist der Beginn eines Studiums nicht mit dem Abschluss gleichzusetzen. Deutschlandweit beenden weniger als 40 Prozent ein Studium, gerade in MINT-Fächern sind die Abbruchquoten hoch.

Außerdem sei das Interesse bei Schülerinnen und Schülern, Auszubildenden sowie Studierenden weiterhin zu gering, um den Bedarf an Fachkräften zu decken.
 
Gerade im Ausbildungsbereich ist die Entwicklung drastisch: Binnen zehn Jahren ist die Zahl der neu abgeschlossenen MINT-Ausbildungsverträge um acht Prozent gesunken. Die Zahl der vorzeitig gelösten Ausbildungsverträge ist im gleichen Zeitraum weiter gestiegen. "Wir müssen jungen Menschen klar machen, dass MINT-Ausbildungen viel attraktiver sind, als sie glauben", fordert deshalb Ortwin Renn, Mitglied des acatech Präsidiums und wissenschaftlicher Leiter der Studie.

Nur MINT-Studenten reichen nicht

Und Henning Kagermann, Präsident von acatech, sowie Lothar Dittmer, Vorstandsvorsitzender der Körber-Stiftung, betonen, dass jeder MINT-Student mehr ein MINT-Azubi weniger ist. "Diese Rechnung kann auf Dauer nicht aufgehen, denn Deutschland braucht beides: Spitzenkräfte bei den Ingenieurinnen und Ingenieuren sowie gleichzeitig hervorragend ausgebildete Fachkräfte in Industrie und Handwerk", schreiben sie im Vorwort zur Studie. Und weiter: "Die digitale Transformation der Wirtschaft und der demografische Wandel erfordern zunehmend digital kompetente und technisch versierte Nachwuchskräfte. Wir brauchen nicht nur ein Mehr an MINT-Bildung für den Einzelnen, sondern allgemein eine größere Zahl an Personen, die über MINT-Qualifikationen verfügen."

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de

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