Berufsleben "Beim Poker geht es um sehr viel Geld"

Sandra Naujoks ist die beste Pokerspielerin Deutschlands. Im Interview spricht sie über das Leben als professionelle Pokerspielerin, worauf es beim Spiel ankommt, und wie es ihr als Frau in einer Männerdomäne ergeht.

Yoko Anna Rückerl / Zeit.de | , aktualisiert

Frau Naujoks, Sie sind mit 28 Jahren bereits Deutschlands erfolgreichste Pokerspielerin. Wie lange spielen Sie schon?
Seit fünf Jahren. Durch Zufall bin ich im Internet auf eine Pokerseite gestoßen und habe schnell gemerkt: Das kann ich. Kurz darauf saß ich im Casino. Und dann ging es eigentlich ganz schnell nach oben. Professionell in der internationalen Pokerszene und mit einem Sponsorenvertrag spiele ich seit zwei Jahren.

Was muss ein guter Pokerspieler können?
Bluffen natürlich. Wenn Sie schon bei der kleinsten Notlüge rote Ohren bekommen, können Sie es gleich sein lassen. Ein Pokerspieler muss seine Körpersprache beherrschen. Es kommt darauf an, dem Gegner keinerlei Schwächen zu zeigen. Man sollte Wahrscheinlichkeitsrechnung können.

Wie läuft so ein internationales Pokertreffen denn ab?
So ein Turnier hat meist ein Teilnehmerfeld von 1000 Spielern. Über fünf Tage wird jeden Tag zwölf Stunden lang gepokert. Da ist es wichtig, nicht die Geduld und Disziplin zu verlieren. Es gibt Situationen, in denen ein Spieler gar nicht spielen sollte. Sonst spielt er Hände, die er lieber nicht gespielt hätte und fliegt vorzeitig raus.

Worauf achten Sie bei ihren Gegnern?
Auf die Körpersprache. Ich sehe oft unter den Tisch. Sind Spieler entspannt, wippen die meisten mit dem Fuß. Bei einem schlechten Blatt sind die Füße meistens ganz still. Manchmal ist es auch nur ein Augenzucken, ein nervöses Schlucken oder eine pochende Halsschlagader, durch die sich jemand verrät. Deshalb tragen viele Spieler auch Schal und Sonnenbrille.

Klingt ja fast nach James Bond.
Pokern hat keinen James-Bond-Glamour. Die internationale Turnierszene funktioniert anders. Stellen Sie sich einen sterilen Raum mit Teppichboden vor, sechzig, siebzig Tische mit hunderten, schwitzenden Spielern. Casino-Royale-Atmosphäre kommt da sicher nicht auf. Wir packen heute auch nicht mehr die Autos in die Mitte und die Frau noch oben drauf. In der Top-Liga geht es um Ruhm, Ehre und sportlichen Ehrgeiz, nicht um den Autoschlüssel.

Sie gehören zu den vier Prozent Frauen in der professionellen Poker-Liga. Wie reagieren die Männer, die gegen Sie verlieren?
Es gibt Männer, die offenbar ein Problem damit haben, gegen eine Frau zu verlieren. Die nehmen ihr Ego mit an den Tisch. Im Poker muss man als Frau viel einstecken können, sich dreimal von dem Typen eins drüber braten lassen und sich sagen: "Alles klar, irgendwann krieg ich Dich!" Das können viele nicht. Kommt mir einer besonders blöd, versuche ich, den am besten gleich vom Tisch zu nehmen.

Und wenn Sie privat pokern, lassen Sie die Männern dann immer gewinnen?
Das brauche ich gar nicht. Meine Freunde spielen alle selbst ganz gut. Es ist ja nicht so, dass ich immer gewinne. Dazu brauchen Sie immer ein bisschen Glück.

Pokern Männer anders als Frauen?
Männer spielen wesentlich direkter, aggressiver. Sie sind mehr der Wettkampftyp am Tisch. Frauen spielen überlegter.

Hilft Ihnen Ihr Aussehen bei Ihrem Job?
Wer gegen mich pokert, muss auf seine Chips aufpassen und hat gar keine Zeit, mir in den Ausschnitt zu schielen. Ich spiele gegen Profis, und wir spielen um sehr viel Geld. Da lässt sich niemand mit einem netten Lächeln beeindrucken. Mir hilft eher, dass ich ein sehr gutes Pokerface drauf habe. Das heißt, mir sieht niemand an, wenn ich nervös bin. Am Tisch trage ich eine Maske.

Wie haben Ihre Eltern reagiert, als Sie Ihnen mit 27 Jahren sagten: Ich werde professionelle Pokerspielerin?
Da gab es erstmal erstaunte Gesichter. Meine Eltern haben sich sicher etwas anderes für mich vorgestellt, zum Beispiel einen Job als Lehrerin. Aber ich habe sehr schnell gut verdient und dann wurde da auch nicht mehr diskutiert.

Was haben Sie sich von Ihren ersten Gewinnen geleistet?
Erstmal nichts. Ich kenne es, mit ganz wenig auskommen zu müssen, vielleicht kann ich deshalb auch gut mit Geld umgehen. Erst als ich 2009 900.000 Euro gewann, habe ich meinen Eltern und mir etwas gegönnt. Mein Vater bekam eine Harley, mit Mama war ich auf den Malediven.

Vor ihrer Poker-Karriere studierten Sie Germanistik und Geschichte und jobbten als Kellnerin. Dann, Sie sagten es, haben Sie bei der European Poker Tour 900.000 Euro abgeräumt. Was ist das für ein Gefühl, so viel Geld zu erspielen?
Ich hatte mich an 700 Spielern vorbei gekämpft. Da genießt man zuerst den sportlichen Erfolg. Ein EPT-Gewinn ist wie ein Champions-League-Sieg, das ist das Größte, was einem im Leben passieren kann und passiert einem wahrscheinlich auch nur einmal. Dass ich so viel Geld gewonnen hatte, habe ich erst realisiert, als der Brief vom Finanzamt kam.

Immer höhere Preisgelder locken immer mehr Spieler an und schüren die Hoffnung aufs große, schnelle Geld. Wie hoch ist das Risiko, spielsüchtig zu werden?
Für mich ist Pokern ein Sport. Und jeder Sport kann süchtig machen. Ein Fußballspieler will nach ein paar Tagen wieder auf den Rasen, ich will wieder an den Tisch.

Ein Fußballspieler kann aber nicht Haus und Hof verzocken.
Ich kenne keinen, der sich verschuldet hat, um weiter zu pokern. Ein Pokerspieler braucht Disziplin und muss mit Geld umgehen können. Sie haben einen kleinen Betrag, mit dem Sie spielen und den Sie versuchen zu vermehren. Seine Miete mit an den Tisch zu nehmen, ist keine gute Idee.

Welchen Tipp geben Sie jungen Pokerspielern?
Auf Internetseiten gibt es Pokerschulen, die man durchlaufen kann. Dort spielen Sie mit Spielgeld und können sich ausprobieren. Außerdem sollte ein junger Pokerspieler realistisch bleiben. Gerade mal zehn Prozent gewinnen bei einem Turnier, der Rest verliert und bleibt auf teuren Startprämien und Reisekosten sitzen. Bevor Sie daran denken, als Pokerspieler um die Welt zu reisen, sollten Sie erstmal Ihren Küchentisch auf Pokertauglichkeit testen, mit Freunden spielen und sich ein gutes Kartendeck besorgen.

(Zuerst erschienen auf ZEIT ONLINE)

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