Berufseinstieg 25000 neue Jobs für junge Akademiker

Fast die Hälfte der Firmen will 2008 mehr Nachwuchskräfte rekrutieren als im Vorjahr. Allein die Top 50-Einsteller planen 25 000 neue Stellen für junge Hochschulabsolventen.

D. Rettig | , aktualisiert

Wenn es nach Peer Steinbrück geht, beginnt die Suche nach zukünftigen Führungskräften künftig schon im Kindergarten. Vor kurzem appellierte der Bundesfinanzminister an die deutsche Wirtschaft, auf der Suche nach beruflichem Nachwuchs auch Kinder und Jugendliche anzusprechen. Die Firmen könnten in Projekten mit Schulen oder gar Kindergärten schon früh Interessen wecken und so dem Fachkräftemangel entgegenwirken.

Ob Steinbrücks Vorschlag angenommen wird, wird sich zeigen. Klar ist aber: Den Unternehmen in Deutschland geht es richtig gut. Laut einer aktuellen Befragung des Instituts der Deutschen Wirtschaft (www.iwkoeln.de) geben sich die Unternehmen derzeit zwar zurückhaltender als noch im Frühjahr, sind aber von einem anhaltenden Aufschwung überzeugt. Von mehr als 2000 befragten Firmen erwarteten 45 Prozent für das Jahr 2008 eine steigende Produktion, nur zwölf Prozent rechnen mit einem Rückgang. Um ihr Wachstum zu bewältigen, brauchen die Unternehmen vor allem eins: qualifizierte Mitarbeiter. Das spiegelt die Umfrage wieder, die der Recruiting-Dienstleister Hobsons exklusiv für Junge Karriere durchgeführt hat: 46 Prozent der befragten Unternehmen wollen 2008 mehr Nachwuchsakademiker einstellen als 2007. Knapp ein Drittel sucht die gleiche Anzahl an Mitarbeitern, nur ein Zehntel will weniger neue Leute einstellen als 2007. Allein die Tabelle der Top 50 zeigt ein Plus von 5 000 Neueinstellungen - und fast jedes Unternehmen will mindestens genau so viele neue Stellen schaffen wie im vergangenen Jahr.

Wie in den letzten Jahren liegt Siemens ( www.siemens.de) wieder ganz vorne: Im kommenden Jahr will der Konzern, der gerade dabei ist, sich neu aufzustellen, etwa 3 000 junge Akademiker, davon allein 2 400 Ingenieure, unter Vertrag nehmen - eventuell sogar mehr. Bei der Umfrage zu den Top-Einstellern 2007 gab Siemens an, 2 300 Absolventen und junge Berufserfahrene einstellen zu wollen. Diese Zahl wurde jedoch weit übertroffen. Allein im vergangenen Geschäftsjahr habe der Konzern insgesamt 10 000 neue Leute eingestellt, berichtet Siemens-Sprecher Marc Langendorf: 2 700 davon waren akademische Nachwuchskräfte. Besonders stark wächst bei Siemens momentan die Kraftwerksparte, dort sucht das Unternehmen 700 Leute. Dahinter folgen die Stromübertragung und der Healthcare-Bereich. Robert Bosch will 2008 mit 1500 neuen Mitarbeitern im nächsten Jahr sogar fast doppelt so viele neue Absolventen und junge Akademiker einstellen wie 2007: Fast zwei Drittel davon sollen ein Ingenieurstudium absolviert haben. Wirtschaftswissenschaftler und Juristen haben besonders gute Chancen in den Bereichen Wirtschaftsprüfung, Steuern und Beratung: Vor allem Ernst & Young ( www.ey.com) und Deloitte (www.deloitte.com) wollen aufstocken und suchen jeweils rund 200 Mitarbeiter mehr als im Vorjahr.

Doch auch IT-Fachleute sowie auch Naturwissenschaftler (nicht gesondert aufgeschlüsselt) haben gute Chancen quer durch alle Branchen. Neben jeweils 350 Informatikern und Wirtschaftswissenschaftlern will die IT-Beratung Accenture (www.accenture.com) im kommenden Jahr in Deutschland, Österreich und der Schweiz genauso viele Naturwissenschaftler einstellen: Gleich 300 mehr als im Jahr 2007. Insgesamt gilt: Wer direkt von der Uni kommt und noch keine Berufserfahrung vorweisen kann, braucht sich nicht zu fürchten: Laut Umfrage suchen die Firmen zwar 5.700 junge Berufserfahrene, die so genannten "Young Professionals" mit zwei bis drei Jahren Berufserfahrung. Aber die Nachfrage nach Hochschulabsolventen ist mit 7 800 geplanten Neueinstellungen sogar noch größer.

Die Methode

Der Recruiting-Dienstleister Hobsons (www.hobsons.de) befragte Personalverantwortliche aus 500 Unternehmen nach ihren Rekrutierungsplänen für 2008. Angesprochen wurden die wichtigsten Einsteller von Hochschulabsolventen quer durch alle Branchen. In die FächerRankings wurden nur Unternehmen aufgenommen, die ihre Angaben nach Studienrichtungen aufgeschlüsselt hatten.

Die Branchen in der Detailansicht

Ingenieure: Kampf um Technik-Talente 

Die deutsche Wirtschaft hat ein Problem: Sie braucht Ingenieure, aber viele Firmen finden nicht genug qualifizierte Bewerber. Auch im Jahr 2008 werden Techniker besonders umworben: Die Top-10- Einsteller der Umfrage suchen insgesamt über 6 500 Nachwuchsingenieure, der größte Teil geht auf das Konto von Siemens ( www.siemens.com) und Bosch (www.bosch.de). Trotz Umstrukturierung und Korruptionskrise ist man bei Siemens davon überzeugt, genügend Mitarbeiter zu finden: "Der Ingenieurmangel trifft uns nur bedingt", sagt Siemens-Sprecher Marc Langenbach. Und auch Susann Doege, bei Bosch zuständig für Personalmarketing, geht davon aus, die Stellen qualifiziert besetzen zu können: "Allerdings merken wir, dass wir unsere Anstrengungen dafür verstärken mussten." Um im Wettbewerb um die besten Mitarbeiter erfolgreich zu sein, greifen die Unternehmen tiefer in die Tasche. Im Jahr 2007 stiegen die Gehälter von Ingenieuren im Vergleich zum Vorjahr um durchschnittlich 4,1 Prozent. Eine Führungskraft bekam laut einer Studie der Managementberatung Kienbaum (www.kienbaum.de) im Schnitt 95 000 Euro, eine Fachkraft immerhin noch 59.000 Euro Jahresgehalt. Und auch Berufsanfänger profitieren: Das durchschnittliche Einstiegsgehalt in der Forschung und Entwicklung lag 2007 bei knapp 45 000 Euro.

Die Hobsons-Umfrage spiegelt einen weiteren Trend der Branche wider: Flugzeug- und Fahrzeugbauer greifen immer öfter auf Ingenieure von Dienstleistern zurück. Firmen wie Brunel (www.brunel.de) und Yacht Teccon (www.yacht-teccon.de) haben sich in der Top-10-Tabelle deutlich vor die Autoindustrie geschoben. Die sechs größten Unternehmen der Branche wollen allein in Deutschland in den nächsten Monaten über 3000 neue Mitarbeiter einstellen. Aus der Automobilindustrie, die traditionell zu den großen Einstellern von Ingenieuren gehört, sind nur noch Daimler und MAN in den Top 10 vertreten. Allerdings machten BMW (www.BMW.de) und Audi (www.audi.de) zu den Neueinstellungen für 2008 keine Angaben, genauso wie Continental. Der Konzern will seinen Bedarf an frischen Ingenieuren erst dann benennen, wenn die Übernahme von Siemens VDO sicher ist.

Informatiker: Beratung boomt

Die Stimmung in der deutschen IT-Branche ist prächtig: 79 Prozent der kleinen und mittleren IT-Unternehmen erwarteten laut dem aktuellen Stimmungsbarometer des Branchenverbandes Bitkom (www.bitkom.org) steigende Umsätze. 57 Prozent der befragten Unternehmen wollen zusätzliche Mitarbeiter einstellen, nur zwölf Prozent Arbeitsplätze abbauen. Der Mehrbedarf konzentriert sich vor allem auf Software-Firmen und IT-Dienstleister, die Programmierer und IT-Berater suchen. Aber auch unter den Herstellern von Computer-Hardware wollen deutlich mehr Unternehmen neue Arbeitsplätze schaffen.

Dieses Bild bestätigt auch die Hobsons-Umfrage. Die Top 10 wollen über 1200 Stellen neu besetzen, angeführt wird die Liste von der Unternehmens- und IT-Beratung Accenture. Allein in Deutschland, Österreich und der Schweiz arbeiten knapp 5000 Menschen für das Unternehmen. Diese Zahl wird sich 2008 vergrößern, Accenture braucht allein 50 Informatiker mehr als noch im vergangenen Jahr: "Speziell in den Unternehmensbereichen Managementberatung- sowie Systemintegration und Technologie besteht Bedarf", sagt Simone Wamsteker von Accenture. Wer lieber eine Beamtenlaufbahn anpeilt, kann sich beim Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung (BWB) (www.bwb.org) bewerben. Die Behörde mit Hauptsitz in Koblenz ist mit knapp 10.000 Mitarbeitern dem Verteidigungsministerium unterstellt: IT-Fachkräfte werden für alle Bereiche der Informationstechnologie in der Bundeswehr gesucht, unter anderem für Projektmanagement, Sensortechnologien oder Kommunikationsdienste.

Wirtschaftswissenschaftler: Viele Jobs, hohe Anforderungen

Gute Stimmung bei den Wirtschaftsstudenten: Nur 17 Prozent der angehenden BWLer und VWLer erwarten derzeit Probleme bei der späteren Arbeitsplatzsuche. Im Jahr 2006 rechneten laut Trendence-Institut noch über die Hälfte der Befragten mit Problemen. Mit steigenden Aussichten steigen auch die Erwartungen: Wiwis gingen bei der Umfrage von einem Jahresgehalt von 42 000 Euro aus, knapp 2 000 Euro mehr als im Vorjahr. Der Optimismus ist berechtigt: Im vergangenen Jahr gaben die Top-10-Einsteller an, etwa 4 800 Ökonomen rekrutieren zu wollen. In diesem Jahr ist diese Zahl auf über 5 600 gestiegen. 2 630 davon wollen allein die Prüfungs- und Beratungsgesellschaften Ernst & Young, KPMG (www.kpmg.de) und Deloitte einstellen.

Trotz des großen Bedarfs machen diese Firmen keine Abstriche, was die Anforderungen angeht: Ernst & Young fordert ein mit überdurchschnittlichen Noten und zügig abgeschlossenes Hochschulstudium, Praktika und gute Englisch-Kenntnisse. Dafür locken sie neue Mitarbeiter mit Zusatzleistungen wie betrieblicher Altersvorsorge und großzügigen Leistungs-Boni. Und auch die Banken suchen wieder Nachwuchs: Die Sparkassen-Finanzgruppe (www.sparkasse.de) setzt bei den geplanten 467 Nachwuchskräften vor allem auf Vertriebstalente. Neben Commerzbank und Citigroup (siehe Tabelle) plant auch die HypoVereinsbank 172 Neueinstellungen (www.hypovereinsbank.de), die Deutsche Bank 160 (www.deutsche-bank.de). Bachelor-Abschlüsse sind in der Finanzbranche übrigens bei allen Instituten gern gesehen. Insgesamt wollen die Top-10-Einsteller 1 000 Stellen gezielt mit Absolventen der neuen Kurzstudiengänge besetzen.

Juristen: Alternativen zur Kanzlei

Jedes Jahr drängen in Deutschland knapp 11.000 examinierte Juristen auf den Arbeitsmarkt. Wichtigstes Kriterium für den späteren Job ist meist die Examensnote. Wer ein Prädikatsexamen geschafft hat, kann sich die Stelle aussuchen und viel Geld verdienen: In großen Kanzleien verdienen Berufseinsteiger 70 000 Euro im Jahr und mehr. Klar ist jedoch: Solche Gehälter sind in anderen Bereichen illusorisch und Top-Kanzleien wie Clifford Chance (www.cliffordchance.com) oder Linklaters Oppenhoff & Rädler (für diese Studie nicht befragt) stehen nur wenigen Absolventen offen. Eine Alternative mit sehr guten Karriereaussichten ist der Einstieg in die Wirtschaftsprüfung oder Steuerberatung. Allein KPMG will im kommenden Jahr 1400 Hochschulabsolventen einstellen, davon 250 Juristen. Der Bedarf ergebe sich in erster Linie aus dem Wachstum des Geschäftsbereichs Steuern: "Hier suchen wir Juristen, die uns in den verschiedenen Bereichen wie Corporate Tax, Tax Financial Services oder auch im Bereich Mergers & Acquisitions unterstützen", sagt KPMG-Sprecher Thomas Blees. Aber Juristen stehe auch der Weg in die Trainee-Programme oder der Einstieg in die Wirtschaftsprüfung offen.

Bewerber sollten zwei überdurchschnittliche juristische Staatsexamen und Praktika vorweisen können, die der Schwerpunktsetzung im Studium entsprechen: "Aufgrund unserer europäischen Struktur setzen wir natürlich sehr gute Englischkenntnisse voraus", so Blees. Die 40 Rechtsexperten, die die Firma Randstad (www.randstad.de) sucht, sollen übrigens nicht als Zeitarbeiter, sondern bei Randstad selbst beschäftigt werden. Unter den Top-10-Einstellern gibt es auch noch einen ungewöhnlichen Neuling: den Bundesnachrichtendienst (BND) (www.bnd.bund.de). Dort werden aktuell 20 Juristen für die Bereiche Verwaltung und Auswertung gesucht. Wer zwei Prädikatsexamen hat, kann sich auf der Internetseite des BND den siebenseitigen Personalbogen herunterladen. Auf diesem müssen unter anderem alle Auslandsreisen angegeben werden. Warnend heißt es dort auch mal: "Bitte behandeln Sie Ihre Bewerbung beim Bundesnachrichtendienst in Ihrem Umfeld ebenso diskret, wie Sie es von uns erwarten."

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