Belastungen im Job Das macht uns krank

Wenn Mitarbeiter über einen längeren Zeitraum unter großem Druck stehen, ist das Risiko hoch, dass sie krank werden. Wie Unternehmen ihre Angestellten schützen können.

Lisa Oenning, wiwo.de | , aktualisiert

Das macht uns krank

Foto: Korta / fotolia.com

Stellen Sie sich einmal Folgendes vor: Sie sind die Marionette Ihres Chefs. Sie machen für "den da oben" ständig Überstunden. Sie müssen schneller arbeiten, immer mehr Leistung erbringen und natürlich wird Ihre Arbeit niemals anerkannt. So weit, so bekannt?

Weiter im Gedankenspiel: Sie haben keinerlei Entscheidungsspielraum. Ihr Chef hat ganz genaue Vorstellungen davon, wie das Produkt oder die Dienstleistung auszusehen haben. Aus Angst, dass Sie alles falsch machen, gibt es nicht nur genaue Vorschriften für jeden Handgriff – 8.03 Uhr bis 8.17 Uhr: Mails checken und beantworten, 8.17 Uhr bis 8.25 Uhr Reporting schreiben – Ihr Vorgesetzter kontrolliert auch alles, was Sie tun. Kein gutes Gefühl, oder?

Depressionen und Angststörungen, Muskel- und Herzerkrankungen

Wenn ein Mensch über einen längeren Zeitraum einer hohen Arbeitsbelastung ausgesetzt ist, kann sich der Stress negativ auf seine Gesundheit auswirken. Die Initiative Gesundheit und Arbeit (IGA) hat in ihrem aktuellen Report untersucht, wozu diese psychischen Belastungen in der Arbeitswelt führen können: Es gebe Hinweise darauf, dass durch die Belastungen nicht nur psychische Erkrankungen wie Depressionen und Angststörungen, sondern auch Muskel- und Herzerkrankungen mitverursacht werden können.

Denn: Wenn der Chef seine Mitarbeiter trotz hoher Arbeitsbelastung nicht auch mal lobt, ihn aber gleichzeitig permanent Überstunden machen lässt, kann das im schlimmsten Fall zu Depressionen, Diabetes oder sogar zu einem Herzinfarkt führen. Und es gibt zahlreiche weitere Faktoren auf der Arbeit, die Mitarbeiter möglicherweise krank machen.

Bislang gibt es keine statistischen Daten darüber, wie viele Arbeitnehmer in den vergangenen Jahren krankfeierten, weil die Arbeitsbelastung zu hoch war. Allerdings erreichte der Krankenstand in Deutschland im vergangenen Jahr den höchsten Wert seit der Jahrtausendwende: 4,1 Prozent der Erwerbstätigen waren 2015 laut dem DAK-Gesundheitsreport durchschnittlich an einem Tag so krank, dass sie arbeitsunfähig waren. Zum Vergleich: 2005 waren es 3,3 Prozent. Mehr als die Hälfte aller Krankheitstage entfielen auf Erkrankungen des Muskel-Skelettsystems, der Atemwege und der Psyche.

Unklar ist, wie lange es dauert, bis Stress womöglich gesundheitsgefährdend ist. "Ob ein Arbeitnehmer krank wird, hängt davon ab, wie lange der Stress anhält, wie intensiv er ist und wie ausgeprägt die Stresskompetenzen der Person sind", sagt Patricia Lück, Expertin für betriebliche Gesundheitsförderung beim AOK-Bundesverband. Eine extreme Herausforderung, die über mehrere Wochen anhält, kann ihrer Meinung nach eine ähnliche Wirkung auf die Gesundheit eines Angestellten haben wie eine starke Belastung über mehrere Monate.

Dauerhafte Erreichbarkeit fördert Stress Diese starken Beanspruchungen sind laut den Experten Lück und Arbeitspsychologe Tim Hagemann ein Phänomen der modernen Arbeitswelt: "Die Digitalisierung führt dazu, dass viele Angestellte scheinbar grenzenlos arbeiten", sagt Lück. Dank Smartphone sind Arbeitnehmer heutzutage quasi zu jeder Uhrzeit und überall erreichbar, selbst nach Feierabend beantworten viele ihre E-Mails.

Abschalten und lange Urlaubszeiten

Der letzte Gedanke vorm Einschlafen gilt dann oftmals der Arbeit, weil Arbeitnehmer verlernen, sich eine Auszeit zu gönnen. Gerade weil viele Angestellte unter Zeitdruck arbeiten und versuchen, gleich mehrere Aufgaben gleichzeitig zu erledigen – bei denen sie auch noch ständig unterbrochen werden – ist es laut Hagemann umso wichtiger, dass sie in ihrer Freizeit abschalten, indem sie sich mit Bekannten treffen, Sport machen oder einfach nur faulenzen. Und: "Es bringt einem Arbeitnehmer wenig, wenn er immer nur zwei Tage am Stück Urlaub nimmt. Er braucht lange Urlaubszeiten, zum Beispiel über einen Zeitraum von zwei Wochen, um sich richtig auszuruhen", sagt Lück.
 
Denn wenn Arbeitnehmer in der Lage sind, sich richtig zu erholen und grundsätzlich Spaß an ihrem Job haben, kann Stress gesundheits- und leistungsfördernd sein, meint Hagemann. Denn wenn der Angestellte unter Druck gerät, schüttet sein Körper Stresshormone aus. Das macht ihn aufmerksamer und er reagiert schneller. Die Ausschüttung des Stresshormons geht allerdings zulasten anderer körperlicher Funktionen wie die des Magendarmtraktes und des Immunsystems. Schließlich sind die Ressourcen des Körpers begrenzt. "Diesen Reflex gab es bereits, als die ersten Menschen einem Säbelzahn-Tiger begegneten. Heute ist es allerdings der Chef, der diese Reaktion hervorrufen kann", sagt Hagemann. In diesen Situationen nutzt der Körper automatisch seine Energie, um die Ursache des Stresses
zu bewältigen. Sobald sich die Lage beruhigt hat, werden die Immun- und Darmfunktionen wieder hochgefahren.

Wenn der Druck aber permanent anhält und es immer wieder Ärger mit dem Vorgesetzten gibt, stellt sich beim Arbeitnehmer Unzufriedenheit ein. Die Konsequenz: Er identifiziert sich weniger mit dem Unternehmen und seiner Tätigkeit – und schmeißt leichtfertiger als seine Kollegen das Handtuch. In vielen Fällen ist das reiner Selbstschutz.

Dieser scheinbar natürliche Mechanismus setzt aber bei vielen Arbeitnehmern aus. Trotz Belastung bleiben sie ihrem Arbeitgeber treu und ignorieren typische Warnsignale: Abends finden sie nur schwer in den Schlaf, tagsüber sind sie so müde und erschöpft, dass sich das Unbehagen selbst bei den Kollegen bemerkbar macht. "Stress macht Mitarbeiter auch emotional dünnhäutiger. Sie reagieren dann in scheinbar harmlosen Situationen gereizt oder aggressiv", sagt Lück. Dann ist es höchste Zeit zu handeln: Denn in dieser Situation ist das Risiko hoch, dass die Angestellten ernsthaft erkranken. Während laut IGA-Report die hohe Arbeitsbelastung und der eingeschränkte Handlungsspielraum vor allem bei Männern häufig zu erhöhtem Blutdruck führen, erhöhen sie insbesondere bei Frauen das Risiko, an Diabetes zu erkranken. Aber auch für psychische Krankheiten wie Depressionen, Burn-out oder Angststörungen werden Arbeitnehmer anfälliger.

Krankheitsausfälle sind teuer

Umso wichtiger ist es, dass Unternehmen ihre Mitarbeiter schützen – auch aus wirtschaftlicher Perspektive. Denn durch präventive Maßnahmen haben sie die Möglichkeit, den Krankheitsausfall zu verringern. Denn der kommt der deutschen Wirtschaft teuer zu stehen. Laut Bundesanstalt für Arbeitsschutz und-medizin verursachten die Krankheitstage 2014 volkswirtschaftliche Produktionsausfälle in Höhe von 57 Milliarden Euro.

Dabei können Chefs ihre Mitarbeiter durch einfache und kostenlose Maßnahmen bei Laune halten. "Es ist wichtig, dass ein Vorgesetzter seine Mitarbeiter wertschätzt, offen ist, ihnen Rückmeldungen gibt, Erfolge sichtbar und die Indikatoren transparent macht, anhand derer er Entscheidungen trifft", sagt Hagemann.
 
Wenn der Chef allerdings bemerkt, dass ein Mitarbeiter kurz davor ist, krank zu werden, sollte er laut dem Arbeitspsychologen das Einzel-Gespräch suchen. "In dieser Situation ist es ratsam, wenn die Führungskraft ihrem Mitarbeiter Unterstützung anbietet, ihn fragt, ob er Urlaub braucht oder die Arbeitszeit reduzieren will", sagt Hagemann. Oft helfen aber auch Qualifizierungsmaßnahmen, um Arbeitsbelastungen weniger bedrohlich erscheinen zu lassen.

Krankenversicherungen bieten zudem betriebliche Gesundheitsförderungen an: Unternehmen erfahren, wie sie die Arbeitsbedingungen verbessern können und Mitarbeiter lernen, wie sie Stress systematisch abbauen.

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de

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