Befristete Teilzeitarbeit Zurück in die Vollzeit

Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles will die Rechte von Teilzeitbeschäftigten stärken. Keine Frage: Bedarf ist da. Doch Arbeitgeber sind nicht überzeugt.

Sybille Klormann , Zeit.de | , aktualisiert

Zurück in die Vollzeit

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Foto: Sergey Nivens / Fotolia.com

Freie Einteilung der Arbeitszeit, mehr Selbstbestimmung, mehr Vereinbarkeit zwischen Beruf und Familie: Schon im Koalitionsvertrag steht, dass das wichtige Ziele sind, die die schwarz-rote Regierung verfolgen will. Ganz konkret ist darin das Vorhaben verankert, das Teilzeit- und Befristungsgesetz dahingehend zu ändern, dass dieses ein allgemeines Recht auf befristete Teilzeit schafft. Heißt: Wer nach einer Teilzeitphase zurückkehren will in seinen ursprünglichen Vollzeitjob, dem darf der Arbeitgeber dabei keine Steine in den Weg legen. Bislang mussten Arbeitnehmer in diesem Fall auf den guten Willen ihrer Chefs hoffen.

Bedarf für flexiblere Arbeitsmodelle ist fraglos da: Nach Angaben zum Beispiel der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) arbeiten Vollzeitbeschäftigte in Deutschland mit durchschnittlich 43,5 Wochenstunden knapp fünf Stunden mehr als vertraglich vereinbart. Mehr als die Hälfte von ihnen möchte die Arbeitszeit reduzieren – unabhängig davon, ob sie Kinder haben oder nicht. Auf der anderen Seite wünscht sich ein Drittel der Teilzeitbeschäftigten, sie könnten länger arbeiten.

Die Arbeitszeit flexibel den Lebensphasen anpassen 

Fast vier Jahre brauchte Arbeitsministerin Andrea Nahles, um mit dem Vorhaben voran zu kommen. Dafür soll jetzt alles ganz schnell gehen: Schon im Februar passiert der Vorschlag nach den Plänen der Ministerin das Kabinett. Im neuen Gesetzesvorhaben soll die alte Regelung beibehalten werden, dass Arbeitnehmer grundsätzlich Anspruch auf Teilzeitarbeit haben, wenn sie länger als sechs Monate in dem Unternehmen beschäftigt sind und der Arbeitgeber mehr als 15 Arbeitnehmer beschäftigt. Unabhängig von der Größe des Unternehmens soll der Arbeitgeber auch jederzeit mit dem Beschäftigten erörtern müssen, wie eine Änderung der Arbeitszeit machbar wäre.

"Niemand soll unfreiwillig in Teilzeit verbleiben müssen", heißt es in dem Gesetzentwurf, der derzeit unter den Ministerien abgestimmt wird. Helfen könnte das neue Gesetz vor allem Frauen: Von den 2015 etwa 10,3 Millionen abhängig Erwerbstätigen in Teilzeit waren 80,8 Prozent Frauen.

Das neue Gesetz soll Arbeitnehmern die Angst nehmen, eine sicher geglaubte Vollzeitstelle für immer aufzugeben, wenn sie in Teilzeit gehen. Beschäftige würden die Freiheit erhalten, bestimmte Phasen ihres Lebens flexibel der Arbeit anzupassen. Dafür soll keine langfristige Planung notwendig sein: Innerhalb von drei Monaten muss der Arbeitnehmer seine Vorgesetzten darüber informieren, dass er in Teilzeit wechseln will. Nach der Rückkehr zur ursprünglichen Arbeitszeit verpflichtet er sich aber dazu, mindestens ein Jahr lang keine neuen Ansprüche auf Teilzeitarbeit zu stellen.

Das Gesetzesvorhaben stärkt auch die momentan in Teilzeit Beschäftigten. Für sie würde es einfacher, ihre Arbeitszeit aufzustocken. Bisher galt nach dem Teilzeit- und Befristungsgesetz (TzBfG), dass man jederzeit den Wunsch nach einer höheren Arbeitszeit äußern kann – der Arbeitgeber diesem Wunsch aber nur nachkommen muss, wenn er auch einen freien Arbeitsplatz anbieten kann und der Teilzeitbeschäftigte dafür ausreichend qualifiziert ist. Diese sogenannte Beweislast aufseiten der Arbeitnehmer soll nun umgekehrt werden. Künftig soll der Arbeitgeber nachweisen müssen, dass es keinen Arbeitsplatz gibt oder aber ein anderer Mitarbeiter besser für den Job geeignet ist.

Starre Regeln benachteiligen vor allem Frauen

Diese neue Regelung könnte der eigentliche Erfolg des neuen Gesetzes sein, denn sie kommt vor allem jungen Beschäftigen unter 35 und Frauen zugute, die schon heute in Teilzeit arbeiten. Beide Gruppen sind besonders häufig in prekären Verhältnissen beschäftigt. Viele hoffen, ihre Teilzeitstelle eines Tages aufstocken zu können.

Aber auch die Frage der Qualifikation stellt für viele Arbeitnehmer in Teilzeit noch ein Problem dar. Denn in Teilzeit Beschäftigte bekommen weniger Weiterbildungen und haben seltener die Chance, an wichtigen Projekten mitzuarbeiten und so zusätzliche Qualifikationen zu erwerben.

Die Gewerkschaften unterstützen Nahles' Pläne, sie halten ein Rückkehrrecht in Vollzeit für längst überfällig. Der Deutsche Gewerkschaftsbund begrüßt, dass man sich von "viel zu starren" Regeln trenne, die in der Vergangenheit insbesondere Frauen benachteiligt hätten. Und auch auf Arbeitgeberseite finden die Pläne der Bundesregierung grundsätzlich Anklang. Längst experimentieren große deutsche Unternehmen mit flexiblen Arbeitsmodellen. Sie wissen um die Bedürfnisse ihrer Beschäftigten.

Kritik kommt von mehreren Seiten

Doch warnt die Bundesvereinigung der Arbeitgeber (BDA) vor einer "Überdosis Demokratie". Flexible Arbeitsgestaltung sei nach Nahles' Entwurf nicht möglich, schreibt BDA-Hauptgeschäftsführer Steffen Kampeter. Er kritisiert den Vorschlag als einseitig, da er in das Recht des Arbeitgebers eingreife, statt nach partnerschaftlichen Lösungen zu suchen. Gerade für kleinere und mittlere Unternehmen sei es schwierig, geeignetes Personal zu finden, heißt es von Kampeter.

Auch Mario Ohoven, Präsident des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft (BVMW), warnt, die günstige Konjunkturlage in Deutschland sei kein Freifahrtschein für "jede weitere Idee der Bundesarbeitsministerin". Ohoven wirft Nahles einen mittelstandsfeindlichen Kurs vor. Das Recht auf zeitlich befristete Verringerung der Arbeitszeit nehme keine Rücksicht auf die betrieblichen Abläufe kleinerer und mittlerer Unternehmen. Stattdessen würden Unternehmen kostentreibende bürokratische Zwänge auferlegt.

Ähnlich äußert sich der Präsident des Verbands der Familienunternehmen, Lutz Goebel. Ein gesetzliches Rückkehrrecht von Teilzeit in Vollzeit gehe völlig an der unternehmerischen Realität vorbei. "Die Frist von lediglich drei Monaten für die Ankündigung zur Rückkehr in Vollzeit ist viel zu knapp, als dass ein durchschnittliches Unternehmen so schnell passende Stellen freischaufeln könnte", sagt Goebel. Dass der Arbeitgeber überdies beweisen soll, dass ein entsprechender Vollzeitplatz für den zurückkehrenden Mitarbeiter fehle oder seine Eignung für einen anderen Arbeitsplatz nicht gegeben sei, hält er für eine bürokratische Schikane. "Dieser Vorschlag macht deutlich, wie völlig einseitig und wirtschaftsfeindlich die Arbeitsmarktpolitik dieser Bundesregierung ist."


Zuerst veröffentlicht auf: zeit.de

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