Befristete Beschäftigung Guter Zeitvertrag, schlechter Zeitvertrag

Viele befristet Beschäftigte leiden unter ihrem Arbeitsverhältnis auf Zeit. Andere sehen darin große Freiheit. Entscheidend ist das persönliche Sicherheitsgefühl.

Tina Groll, Zeit.de | , aktualisiert


Foto: Gisela Peter/Pixelio

Alle Jahre wieder

Seit wenigen Wochen hat Daniel Herrmann wieder einen neuen Job. "Diesmal auf der anderen Seite vom Schreibtisch", sagt er und lacht. Statt Arbeit zu suchen, vermittelt Herrmann als Angestellter der Agentur für Arbeit jetzt anderen eine Stelle. Seine neue Anstellung ist auf anderthalb Jahre befristet. Wie schon der Job davor. Und der davor. Eine Übernahme ist ausgeschlossen, das weiß der Politikwissenschaftler jetzt schon.

Doch unglücklich ist der 34-Jährige nicht darüber. Herrmann schätzt die zeitlich befristete Projektarbeit. Er hat einige Jahre als Journalist gearbeitet, war fest angestellt, dann freiberuflich tätig. Als sich die Arbeitsbedingungen deutlich verschlechterten, wechselte er in den besser bezahlten öffentlichen Dienst.

Herrmann arbeitete in der Weiterbildung beim Bundesamt für Zivildienst, er war beim Technischen Hilfswerk und Deutschen Roten Kreuz für Jugend- und Pressearbeit zuständig. Nun ist er Arbeitsberater und kümmert sich um die Vermittlung von Langzeitarbeitslosen.

Eine Frage des Lebensstils

Eine Festanstellung auf Lebenszeit sei nichts für ihn, sagt Herrmann. "Die befristeten Jobs entsprechen meinem Lebensstil. Ich schätze es, immer wieder neue Herausforderungen zu haben, und ich möchte auch nicht mehr in einer Tretmühle feststecken." 

Immer mehr Berufstätige sind wie Herrmann befristet angestellt. Jeder zweite neue Arbeitsvertrag in Deutschland wird nur auf Zeit abgeschlossen. Hinzu kommt die wachsende Zahl an Leiharbeitern. Etwa eine Million davon gibt es in Deutschland, jede dritte bei der Bundesagentur für Arbeit gemeldete Stelle ist ein Leiharbeitsplatz. Die Festanstellung bis zum Rentenalter – ein Auslaufmodell?


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Existenzangst zermürbt

Davor warnen zumindest Arbeitsmarktforscher und Gewerkschaften. Sie weisen darauf hin, dass befristete Beschäftigung auf Dauer krank machen kann. Die ständige Unsicherheit und Existenzangst zermürbt. Betroffen sind vor allem junge Arbeitnehmer bis 35 Jahren – und zwar über alle Branchen und Bildungsschichten hinweg.

In der Hoffnung auf einen sicheren Arbeitsplatz, in der vagen Aussicht auf eine spätere Übernahme, legen sich die befristet Beschäftigten ins Zeug. Aber nur jeder Zweite wird tatsächlich übernommen. Wer dieses Glück nicht hat, steht wieder auf der Straße, und die Jobsuche beginnt von vorn.

Aus Leidenschaft und Engagement können dann Burnout und Depressionen werden. Den Zusammenhang zwischen befristeter Beschäftigung und psychischer Erkrankung bestätigen auch Studien von Betriebs- und Krankenkassen: Immer mehr junge Arbeitnehmer fallen wegen psychischer Probleme im Job aus. Als Grund wird immer auch unsichere Beschäftigung genannt.

Keine Perspektive

"Was beim ersten oder zweiten befristeten Vertrag noch hinnehmbar ist, wird mit zunehmenden Alter als Belastung empfunden", sagt Tim Hagemann, Arbeitspsychologe und Stressforscher an der Hochschule für Diakonie in Bielefeld. "Mit Mitte 30 möchte man ankommen im Leben.

Viele schieben aber wegen der unsicheren Jobsituation ihre Lebenspläne auf. Familie gründen, ein Haus bauen, eine Altersvorsorge abschließen – wer den Eindruck hat, dass elementare Lebenswünsche nicht zu realisieren sind, ist eher gefährdet, an Depressionen zu erkranken", sagt der Psychologe. Entscheidend sei, wie der eigene Handlungsspielraum und die eigene Autonomie wahrgenommen werden.


Foto: Gisela Peter/Pixelio

Kein Druck, Karriere zu machen

Herrmann nimmt seinen Handlungsspielraum als groß wahr. Größer als er bei einer unbefristeten Stelle wäre, sagt der Politikwissenschaftler. "Ich mache mir nicht den Druck, Karriere zu machen. Und befristete Anstellungen lassen sich im öffentlichen Dienst als Akademiker sehr gut aushalten", sagt er. Herrmann ist zudem mit einer Naturwissenschaftlerin verheiratet. Während seine Frau die Karriereleiter aufsteigt und sehr viel Geld verdient, kommt es für Herrmann vor allem darauf an, immer wieder neue geistige Herausforderungen zu bekommen.

Dass die Suche nach einer Anschlussbeschäftigung lange dauere oder nichts zu finden sei, hält Herrmann für eine faule Ausrede. "Man muss sich eben frühzeitig kümmern. Im öffentlichen Dienst kann es ja sechs Monate dauern, bis eine Stelle besetzt ist – also fängt man eben viele Monate im voraus an, zu suchen. Ich konnte bislang immer unter mehreren attraktiven Jobangeboten auswählen."

Aber, räumt der Politikwissenschaftler ein, mit dem Druck, eine Familie ernähren zu müssen, wäre auch er nicht so entspannt.

Mit 36 immer noch nicht angekommen

Gar nicht entspannt ist Simone Meyer (Name geändert). Auch sie ist Akademikerin, auch sie hat ein geisteswissenschaftliches Studium absolviert, auch sie findet nur befristete Stellen. Meyer bezeichnet sich selbst als "Jobnomadin". Die Germanistin hat in Callcentern gearbeitet und bei einem Marktforschungsinstitut. Sie war in der Logistikbranche tätig und bei einer Werbeagentur.

Einige Jahre nach dem Studienabschluss gefiel ihr das flexible Leben, das "Job-Hopping", wie sie es nennt. Doch jetzt mit 36 Jahren hat sie das Gefühl, noch immer nicht richtig angekommen zu sein. "Ich bin für Jobs schon durch die halbe Republik gezogen", erzählt sie. Ein halbes Jahr hier, ein Jahr lang dort. Einige Jahre lang führte sie eine Fernbeziehung – die irgendwann zerbrach. Ihre immer wiederkehrenden Jobsorgen vor Vertragsende und die Distanz hätten die Beziehung belastet, erzählt sie. Seither ist sie Single.

Meyer würde gerne eine Familie gründen. "Aber wie soll das gehen? Ich habe unzählige Qualifikationen, aber das schlägt sich nicht in meinem Gehalt nieder. Ich hangel mich von Elternzeitvertretung zu Zeitarbeitsvertrag, ziehe immer wieder um – und nichts ändert sich. Ich werde nur älter", sagt sie.


Foto: Gisela Peter/Pixelio

Frauen häufiger befristet beschäftigt

Über glückliche Jobnomaden wie Herrmann kann die 36-Jährige nur lachen. "Klar, wer familiär abgesichert ist, kann diese Form der Beschäftigung auf Dauer vielleicht ertragen. Ich kann das nicht." Frauen sind häufiger von befristeter Beschäftigung betroffen, stellt das Statistische Bundesamt fest. Meistens leiden aber die Männer eher darunter.

"Einer Frau wird es eher zugestanden, beruflich nicht erfolgreich zu sein. Männer sehen sich ab einem bestimmten Alter einem anderen gesellschaftlichen Erwartungsdruck gegenüber. Da wirken durchaus noch stereotype Geschlechterklischees", sagt Arbeitspsychologe Hagemann. Auch sind befristete Arbeitsverhältnisse häufiger in Frauendomänen als im Dienstleistungssektor zu finden.

In klassischen Männerbranchen wie der Industrie kommt Befristung vor allem bei Leiharbeitern vor. Befristete Beschäftigung ist für Unternehmen ein beliebtes Mittel, um flexibel auf Auftragslagen reagieren zu können und auch, um neue Mitarbeiter erst einmal ausgiebig zu testen.

Strenge Regeln

Allerdings sieht das Arbeitsrecht strenge Regeln im Teilzeit- und Befristungsgesetz vor. Ohne Grund dürfen Mitarbeiter maximal für zwei Jahre befristet eingestellt werden, danach müssen sie unbefristet übernommen werden. Und auch mit einem Grund – beispielsweise einer Elternzeitvertretung oder für ein zeitlich begrenztes Projekt – darf nicht beliebig oft ein befristeter Vertrag auf einen befristeten Vertrag erfolgen. Der Gesetzgeber will so sicherstellen, dass Unternehmen diese Form der Anstellung auf Zeit nicht ausnutzen.

Letztlich spricht auch der demographische Wandel gegen eine Ausweitung des Anstellungsverhältnis mit Ablaufdatum. In vielen Branchen sind Fachkräfte schon heute rar. In Zukunft werden Unternehmen mehr darauf setzen, gutes Personal möglichst langfristig an sich zu binden.

Herrmann hat das schon häufiger erlebt. "Mir wurden mehrfach unbefristete Angebote gemacht, die ich abgelehnt habe. Der Job muss erst einmal geschaffen werden, der mich zur Unterschrift eines unbefristeten Arbeitsvertrags verleitet."


Zuerst veröffentlicht auf zeit.de

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