Beerdigung Totenmesse auf Bestellung

Marco Schädler erweckt ein traditionsreiches Geschäft, das einst sogar Mozart betrieb, zu neuem Leben - er komponiert individuelle Totenmessen. Dabei ist ein Requiem nicht nur ein musikalisches Denkmal, sondern auch eine Brücke für Angehörige.

Lukas Grasberger | , aktualisiert

Wer Geschäfte mit dem Tod machen will, braucht die richtige Haltung. Vor allem Zurückhaltung, über die Marco Schädler als Schweizer eigentlich qua Geburt verfügt. Bedächtig und abwägend spricht der 45-Jährige, wenn er von seiner Unternehmensgründung erzählt. Bei "Requiem for You" können sich Wohlhabende maßgeschneiderte Musik für ihre Beerdigung bestellen. Totenmessen, in die sie sich ihre Lieblingsmusik einarbeiten lassen, ihren Lebenslauf oder ein Lieblingsgedicht. Komponiert von Schädler, aufgeführt dann von Profi-Musikern vom Solisten bis zum Opernorchester.

Totenmessen stehen in langer Tradition

Die Festspielstadt Salzburg als Unternehmenssitz hat einige wohlhabende Musikbegeisterte zu bieten - und natürlich, und das ist vielleicht das Wichtigste, den Sinn für "a schöne Leich". "Dieses Morbide, etwas typisch Österreichisches, das zieht mich persönlich sehr an. Die Österreicher sind schon ein Volk, in dem die Emotion einen fixen Platz hat im Leben", sagt Schädler. Das Geschäft mit dem Lied zum Tod ist gerade in Salzburg kein anrüchiges und hat durchaus Tradition: Schon der hier geborene Wolfgang Amadeus Mozart hat für den Grafen Walsegg eine berühmte Totenmesse geschrieben.

Wenn Schädler seinen Worten auch gestisch Nachdruck verleiht, scheint es, als wolle er den schweren Mahagonitisch unter seinen Händen streicheln. "Eine Dienstleistung rund um den Tod anzubieten ist sehr, sehr heikel", führt der Musiker und Unternehmer aus. "Man kann ja nicht einfach jemanden ansprechen nach dem Motto: Du siehst aber schrecklich aus, du solltest dringend ein Requiem bei mir bestellen."

Kundenwerbung ist eine heikle Angelegenheit

Statt wie früher einen Stand bei Millionärsmessen zu mieten, wo Schädler eher auf neureiche Selbstdarsteller als auf ernsthafte Interessenten traf, sucht er nun die Nähe zu Treuhändern oder Nachlassverwaltern. Und so zu Menschen, die sich viele Gedanken über die Gestaltung ihres Ablebens machen, "die die Frage stellen: Wie will ich, dass alles passiert?" Das Unternehmen hat sich daher auch in einem Anwaltshaus eingemietet.

Wer sich unter dem potenziellen Requiem-Kunden einen Patriarchen vorstellt, der seine Hinterbliebenen über den Tod hinaus mit seinem Geltungsdrang quält, irre. "Unsere Musik belastet nicht. Sie schafft noch einmal eine besondere Nähe. Es kann helfen, Musik von einem Verstorbenen zu hören, oder ein Stück, an dem er mitgewirkt hat." Das Wohltuende solcher Rituale, sagt Schädler, habe er erfahren, als er eine Komposition seines Vaters bei dessen Beerdigung gespielt habe. "Es war, als hätte er uns eine Brücke zu sich gebaut."

Dort, an der Kirchenorgel in einem kleinen Liechtensteiner Dorf keimte auch der Gedanke, die Requiem-Idee zu professionalisieren. Immer öfter sei es passiert, dass die Leute mit dem Wunsch an die Orgel gekommen seien: Wenn ich einmal beerdigt werde, musst du mir ein spezielles Stück spielen. "Das waren dann überhaupt keine kirchlichen Stücke, einmal wollte jemand ,Auf, Sattel die Hühner, wir reiten nach Texas' gespielt haben. Ich kenne das Stück bis heute noch nicht. Aber sonst habe ich eigentlich immer alle Wünsche erfüllt." So kam die Idee, das Geschäft mit Totenmessen größer zu vermarkten.

Der studierte Komponist tat sich mit seinem Bruder Gerold, einem Wirtschaftsund Marketingprofi zusammen, der auch bereit war, in die Idee zu investieren. Gemeinsam fanden sie weitere Investoren, die das Startkapital auf rund 400 000 Euro aufstockten und gingen 2007 mit einer Internet-Seite an den Start. Es brauche viel Kapital, sich bekannt zu machen in Kreisen der Wohlhabenden, sagt Gründer Schädler. So habe die Präsenz auf Millionärsmessen in Wien und Amsterdam einiges an Geld gekostet. Außerdem war das Einspielen der Stücke für Klangbeispiele auf der Homepage nicht billig - ganze Orchester mussten dafür gebucht werden.

Die kleinste Komposition kostet 5000 Euro

Schädler präsentiert dort gängige Requiem-Bestandteile wie ein "Sanctus"; auch ein Stück in Richtung Broadway-Musical und eine Requiem-Jazz-Version sollen Entscheidungshilfen bieten. "Bisher wollten alle Klienten etwas im Mozart-Stil, leichtere Klassik." Umsonst ist der Tod auch bei Schädler keineswegs: Ein Industrieller und ein Banker aus dem mittleren Management haben bei ihm mittelgroße Kompositionen bestellt und sind bereit, dafür, inklusive Aufführung, 30 000 bis 40 000 Euro zu zahlen. Die einfachste Version mit einem Instrumentalisten ist für 5 000 Euro zu haben, ein großes Requiem mit Symphonieorchester würde etwa eine halbe Million kosten.

Die Voraussetzungen für das junge Unternehmen sind günstig. "Der Markt für individuelle Angebote rund um die Bestattung hat sich gerade in den letzten Jahren vergrößert. Das wächst deutlich", sagt Rolf-Peter Lange, Vorsitzender des Verbandes Deutscher Bestattungsunternehmen (VDB). "Dies sind entweder Personen, die auch selbstbewusst gelebt haben, oder Prominente." Hier würde Langer auch Requiem for You verorten. "Solche Angebote kommen nur für eine begrenzte Anzahl von Menschen infrage, aber sie funktionieren." Schwarze Zahlen schreibt das Unternehmen noch nicht. "Wenn wir binnen drei Jahren nicht auf zehn Aufträge kommen, müssen wir uns etwas überlegen", sagt Geschäftsführer Gerold Schädler.

Und was, wenn ein Kunde nach der Bestellung eines Requiem-Werks ein biblisches Alter erreicht? Müssen die Schädler-Brüder dann auf das Geld für diese Musik für die Ewigkeit quasi ewig warten? "Wir verrechnen das in Tranchen. Für die Arbeit, die wir fürs Komponieren benötigen, werden wir sofort bezahlt", sagt Schädler. Damit später genügend Geld für die Beerdigungsfeier vorhanden ist, gebe es zwei Modelle: Das einer Bankgarantie sowie das einer Versicherung. "Wir sind dann einfach bis zu dem Zeitpunkt bezahlt, zu dem wir die Arbeit gemacht haben", sagt Marco Schädler. "Das Requiem wartet dann, bis der Klient verstirbt. So grausam das auch klingt."

Artikel teilen

Ihr Browser ist veraltet. Deshalb können Sie diese Webseite nicht korrekt darstellen!

Bitte laden sie einen dieser aktuellen, kostenlosen und exzellenten Browser herunter:

Für mehr Sicherheit, Geschwindigkeit, Komfort und Spaß.

Lade Seite...