Bedrohte MBAs Letzte Hoffnung Mittelstand

Die Pleite der Gisma Business School Hannover zeigt: Der deutsche MBA-Markt bietet nur für wenige Anbieter Platz – es sei denn, die Wirtschaftshochschulen gehen in die Nische.

Stefani Hergert | , aktualisiert

Letzte Hoffnung Mittelstand

Foto: Mopic/Fotolia.com

Schluss, Aus, Ende. Mitte Mai hat die Gisma Business School in Hannover einen Insolvenzantrag gestellt. Gisma-Chef Sonning Bredemeier setzt zwar alles daran, dass die vom Staat mitfinanzierte Ausbildungsstätte für Manager nach angelsächsischem Vorbild mit ihren Master of Business Administration-Studiengängen (MBA) trotz Zahlungsunfähigkeit eine Zukunft hat. Doch selbst wenn er seine Umbaupläne umsetzen kann: Mit einer international ausgerichteten Business-School, wie die Managementhochschulen weltweit genannt werden, hat das Institut in Hannover dann nicht mehr viel zu tun.

Das ist ein weiterer Rückschlag für das angelsächsisch geprägte Managementstudium in Deutschland. "Insgesamt zeichnet sich am deutschen Markt ein Trend ab, den wir schon vor Jahren prognostiziert haben: Auf der einen Seite kristallisieren sich zwei bis drei deutsche Business Schools heraus, die dabei sind, sich in der europäischen Spitze zu etablieren", sagt Jens Wüstemann, Präsident der Mannheim Business School. Auf der anderen Seite hätten MBA-Anbieter mit zu wenig Studenten oder zu wenig Geld aufgegeben. Der Gisma fehlte beides.

MBAeine Mogelpackung?

Eine echte Erfolgsgeschichte war die Managementausbildung samt entsprechender Hochschulen in Deutschland nie. Es ist nicht so, als gäbe es hierzulande keine MBA-Programme. Mehr als 320 sind es laut dem MBA-Guide. Doch gerade einmal ein Drittel sind generalistische Managementprogramme, der Rest ist auf Branchen oder Funktionsbereiche spezialisiert.

Fast jede Fachhochschule bietet heute einen MBA an – ob die Studiengänge wirklich halten, was die drei Buchstaben versprechen, bezweifeln Experten. In den vergangenen Jahren hatten sich denn auch schon die niederländische Hochschule Tias-Nimbas mit ihrer Bonner Niederlassung und die Business School der Frankfurter Goethe Universität vom deutschen Markt verabschiedet.

"Die Insolvenz der Gisma zeigt, dass wir mit unserem strategischen Schritt vielleicht richtiglagen", sagt Lars Schweizer, Dekan der Goethe Business School, die heute statt eines MBAs nur noch einen Masterabschluss in Finance anbietet.

Auf den zweiten Blick aber zeigt sich: Nicht der ganze Markt in Deutschland schwächelt. Es trennt sich eher die Spreu vom Weizen. Die wenigen international ausgerichteten Anbieter wie die Mannheim Business School, die HHL – Leipzig Graduate School of Management, die Berliner European School of Management and Technology (ESMT) und die WHU – Otto Beisheim School of Management nahe Koblenz werden attraktiver.

Sie vergrößerten zuletzt ihre Jahrgänge im MBA, berufsbegleitende Programme kamen hinzu. "Erfolgreiche MBA-Programme sind in Deutschland möglich, sie setzen aber international ausgerichtete und forschungsstark aufgestellte Business-Schools voraus", sagt Michael Frenkel, Rektor der WHU.

Die Betonung liegt dabei auf "und": international und forschungsstark. Der MBA-Studiengang der 1999 gegründeten Managementhochschule Gisma war zwar im Prinzip eine Eins-zu-eins-Kopie des amerikanischen Partnerprogramms, als Hochschule aber konnten sich die Hannoveraner nie wirklich etablieren. Zudem erwies sich die Andockung an den US-Partner, der dafür zuletzt 1,5 Millionen Euro Lizenzgebühren jährlich bekam, nach Ausbruch der Finanzkrise und der Kritik an der Managementausbildung nach US-Vorbild eher als Last. Die Bewerberzahl sank.

Das Deutsche im MBA

Andere Business-Schools in Deutschland haben ihren MBA oder Executive MBA in Eigenregie aufgezogen. Auf ein Programm mit einem amerikanischen Partner hat sich von den international ausgerichteten Hochschulen nur noch die WHU eingelassen. Alle Anbieter versuchen seit neuestem zudem, das spezifisch Deutsche – die Mitbestimmung und die vom Mittelstand geprägte Wirtschaft – stärker in die Programme zu bringen. An der Gisma war das aber kaum möglich. Die seit 2011 als privates Institut an die Leibniz Universität Hannover angedockte Hochschule hat nur drei Professoren, Lehrpläne und Dozenten wurden im Prinzip komplett von den Amerikanern übernommen.

Wenn Gisma-Chef Bredemeier, der lange bei der NordLB für das Sponsoring zuständig war und keine Erfahrung an Hochschulen hat, seine Sanierungspläne umsetzen kann, soll sich das ändern. Der Betrieb läuft erstmal weiter, genauso wie der bis Mitte 2014 geschlossene Vertrag mit Purdue, doch Bredemeier will den Partner nicht mehr haben. Er will die Hochschule stärker an die Universität Hannover heranführen. Ein neuer internationaler Partner wäre in einem zweiten Schritt denkbar, Bredemeier sucht nun aber stärker in Europa. "Das neue Konzept soll international bleiben, stellt aber stärker auf die Interessen der deutschen Wirtschaft ab", sagt er.

Für ihn heißt das: "Wir brauchen Leute, die der deutschen Sprache mächtig sind." Wenn es weitergeht, soll sich die Gisma auf deutsche Studenten fokussieren, der MBA soll dann auf Deutsch und Englisch unterrichtet werden, von Professoren der Universität Hannover und anderen Hochschulen. Bisher hat die Gisma in ihrem englischsprachigen Vollzeit-MBA vor allem internationale Studenten angezogen.

Die aber taten sich mit geringen Deutschkenntnissen schwer, einen Job zu finden. Insider sagen, die Unternehmen vor Ort hätten mit den Absolventen wenig anfangen können. Überraschend kam die Pleite daher nicht. "Im Markt wurde in jüngerer Vergangenheit bereits über das Ausscheiden dieser Institution gemutmaßt", sagt WHU-Rektor Frenkel. Er glaubt, dass die Insolvenz der Gisma den Markt nicht groß verändern wird. Rund 100 Studenten hat sie aktuell.

Kein Abschluss

In diesem August wird an der Gisma definitiv kein MBA-Jahrgang sein Studium beginnen. Bis Ende Juli haben Bredemeier und seine 20 Mitarbeiter Zeit, ein Konzept zu erarbeiten und Geldgeber zu überzeugen. Denn die Gisma ist nicht nur an der inhaltlichen Ausrichtung und dem teuren Partner gescheitert.

Kaum eine deutsche Business-School schafft es, auf eigenen Füßen zu stehen, etliche kämpfen immer wieder mit Finanzproblemen oder haben Mäzene, die ihre Defizite ausgleichen. Genau die aber fehlten der Gisma – trotz Unterstützern wie dem früheren RWE-Chef Jürgen Großmann, der es schade findet, "dass sich eine solche Bildungseinrichtung in Deutschland nicht durchsetzen konnte." 

Geduldsprobe

Ohne das Geld vom Land Niedersachsen und von der Wirtschaft kann die private Hochschule nicht überleben. Doch Wirtschaft und Land waren in den vergangen Jahren nicht sehr glücklich mit der Hochschule. Förderer hätten in der Vergangenheit schon gesagt, dass irgendwann Schluss sein müsse und Zahlungen eingestellt, sagt der Hannoveraner Universitäts-Präsident Erich Barke. Das Land kürzte zudem den Zuschuss auf 700 000 Euro. Über die Unterstützung der Firmen will Bredemeier nicht reden, er sagt nur, dass die Gisma feste Zusagen von den Unternehmen bis 2016 und vom Land bis 2017 habe.

Fragt man dagegen seinen Universitätskollegen Barke, ob seine Hochschule die eigenständige Gisma braucht, erklärt er: "Nein, wir überleben auch ohne MBA. Aber eine sinnvolle Ergänzung wäre eine Business-School schon." Fallenlassen werde man die Gisma aber nicht.

In der ersten Liga wird sie auf jeden Fall nicht mehr mitspielen. Der Mittelstand frage eine Managementausbildung auf Fachhochschulniveau an, sagt Barke. In solche Programme schicken die Firmen ihre Mitarbeiter, damit lässt sich Geld verdienen. Meist bewegen sich diese auf Fachhochschul-Niveau. Barke kann sich aber in Hannover gut vorstellen, dass man sie auf universitärem Level ansiedelt. Es wäre eine Chance.

"Man darf nicht vergessen, dass es am deutschen Markt nicht nur zwei bis drei Spitzeninstitutionen, sondern auch noch eine beträchtliche Zahl von Anbietern in der zweiten Reihe gibt, die zwar niemals auf den vorderen Positionen in den internationalen Rankings zu finden sein werden, aber sich beispielsweise durch regionale Spezialisierung eine Nische geschaffen haben, in der sie Programme mit guter Qualität erfolgreich anbieten", sagt der Mannheimer Chef Wüstemann.

Die neue Generation

Detlev Kran, Business-School-Experte, der den MBA-Guide herausgibt verweist auf die Technische Universität München oder die Universität Augsburg, die nicht mehr den klassischen MBA anbieten, sondern Programme, die sich stärker mit Unternehmertum und Führungsverhalten beschäftigen. "Das ist eine neue Generation von MBA-Programmen in Deutschland", bemerkt Kran.

An der Gisma plant man, das Curriculum neu zu gestalten. In welche Richtung ist noch nicht bekannt. Doch ob sie überhaupt bestehen wird, traut sich momentan niemand zu sagen. "Wir geben uns größte Mühe", sagt der, der es in der Hand hat – Sonning Bredemeier.

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