Autorität durch Kleidung Rausch der Verwandlung

Welche Wirkung hat ein offizielles Outfit? Faszinierende Blicke hinter die Fassade gewährt Fotografin Herlinde Koelbl. Mit ihrer Kamera dokumentiert sie, wie sich Männer und Frauen durch eine Uniform oder Standestracht verwandeln.

Claudia Obmann | , aktualisiert

Rausch der Verwandlung

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Foto: Coka/Fotolia.com

Blaue Uniform statt heller Leinenhose, schwarzes Ordenskleid statt sportlichen Anoraks – und schon scheint da ein anderer Mensch zu stehen. Die Haltung ist aufrechter, der Blick konzentrierter.

Aus dem lässigen Mann oder der älteren Frau wird eine Autoritätsperson oder jemand, dem Mitmenschen ihr Leid klagen.

Der Kontrast ist immens und überraschend. Dieses Phänomen gilt aber nicht nur für den Generalinspekteur der Luftwaffe Klaus-Peter Stieglitz oder die Nonne Philippa Rath.

Vom Astronauten bis zum Zimmermädchen

In insgesamt rund 70 Doppelporträts, vom Astronauten bis zum Zimmermädchen, zeigt Herlinde Koelbl die faszinierende Verwandlung von Männern und Frauen durch ihre Berufsbekleidung.

Vier Jahre hat die international renommierte Fotografin am Projekt "Kleider machen Leute" gearbeitet.

Sie hat vor allem Deutsche, aber auch Berufstätige anderer Staaten jeweils im Freizeitlook und im Businessdress abgelichtet. Darunter auch so exotische Professionen wie eine japanische Geisha oder einen Schweizer Gardist des Vatikans. In ihrem gleichnamigen Buch und in Ausstellungen, aktuell im Bonner Haus der Geschichte, demnächst in Schwerin und Dortmund, präsentiert sie ihr Werk.

Gibt es das zweite Ich?

Koelbl will den öffentlichen und den privaten Menschen zeigen. Will wissen, ob mit dem Tausch von Jacken, Hosen, Kleidern und Blusen sozusagen ein Schalter umgelegt wird und sich Einstellung und Körpersprache ändern – und ein zweites Ich erscheint.

Im Nebeneinander ihrer Bilder offenbart es sich besonders gut. Darüber hinaus lässt die Künstlerin die Porträtierten aber auch selbst schildern, welche Wirkung ihr offizielles Outfit auf sie hat.

Diese sehr persönlichen Aussagen über ihre Berufsbekleidung – ob nun eher traditionell oder funktional geprägt – sind oft überraschend, bisweilen enthüllen sie unvermutete Eitelkeiten. So etwa im Fall des Flieger-Generals Stieglitz, der zugibt, sich gern dreimal am Tag umzuziehen.

Für das Fotoshooting gab Koelbl keine Regieanweisungen. Das jeweils Eigene sollte erscheinen.

Ob Mitarbeiterin einer Imbisskette oder Bischof, "fast allen fiel es wesentlich leichter, sich in ihrer Uniform zu präsentieren, als nur sie selbst zu sein", beobachtete die 73-Jährige.

Unauffällig in Alltagskleidung

Denn in ihrer offiziellen Kleidung verkörperten die Porträtkandidaten automatisch einen Beruf, eine Klasse, eine Zugehörigkeit.

"Und das gibt Selbstvertrauen, ein anderes Bewusstsein. Sie bekommen Aufmerksamkeit", sagt Koelbl. Oder wie die japanische Geisha stellvertretend für viele sagte: "In meiner Alltagskleidung laufen die Leute an mir vorbei. Aber in meinem Kostüm werde ich beachtet."

Imposantes Gefühl

Nur bei wenigen war es umgekehrt. Etwa bei zwei jungen Männern, die privat nie Hemd und Krawatte tragen. Der eine Helfer der freiwilligen Feuerwehr, der andere Mitarbeiter eines Sicherheitsdienstes.

Sie engte die Zugeknöpftheit ihrer Uniform ein. Sie fühlten sich in ihrer Freiheit und Individualität beschnitten.

Dennoch: Besondere Formen, Farben, Streifen oder Schulterklappen geben dem Kleidungsstück Prunk und dem Träger ein imposantes Gefühl. Aufstieg und Macht werden durch symbolische Insignien sichtbar.

Auf einen Blick ist etwa anhand der Uniform eines Soldaten die Stellung in der militärischen Hierarchie erkennbar. Die Gruppe wird durch diese von allen akzeptierten Merkmale strukturiert und das Verhalten entsprechend ausgerichtet.

Regeln werden so leichter angenommen als im zivilen Leben, wo diese oft erst ausgelotet werden müssen.

Aber Uniformen und Amtsroben mahnen ihre Träger auch an den sensiblen Umgang mit ihrer Macht.

Emotionale Ergriffenheit

Susanne Baer, Richterin am Bundesverfassungsgericht, sagt über den Moment, als ihr das erste Mal die glänzend rote Robe von der Gerichtsdienerin angelegt wurde: "Es war ein erhebender Moment, ein Moment emotionalen Ergriffenseins, auf gewisse Art: der Rührung.

Diese Robe haben schon meine Vorgänger getragen, nur das Hutband wurde für mich erneuert.

So ist die Robe nicht nur ein Signal nach außen, sondern auch eine Botschaft an einen selbst, diese Rolle auszufüllen. Ich spüre jedenfalls die Verantwortung."

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