Auswandern Eine deutsche Tierärztin in der Wüste

Wüste, Öl und unsägliche Pracht - das sind die Vereinigten Arabischen Emirate. Abu Dhabi ist das größte und reichste Scheichtum, Jagdfalken sind der Wüstensöhne liebster Zeitvertreib. Doch wenn ihren Lieblingen etwas fehlt, rufen die Männer nach Margit Müller. Die deutsche Tierärztin gewährt einen Einblick in die Seele der Scheichs.

C. Obmann, H. Rudolph, shw | , aktualisiert

Die Patienten im Wartezimmer sind äußerst sensibel. Damit sie nicht in Panik geraten, tragen sie Hauben bis über die Augen. Zu 40 bis 60 hocken sie da. Wenn Chefärztin Margit Müller sie operieren muss, bekommen sie einen Trichter übergestülpt, damit sie ihnen Narkosegas zuführen kann. Die deutsche Tierärztin arbeitet am Falcon Hospital, einer Spezialklinik für Falken in Abu Dhabi, dem größten Scheichtum der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE). Unter den wachsamen Augen der Vogelbesitzer röntgt, impft und verbindet sie die kranken Lieblinge der Beduinen. Seit sechs Jahren ist die 38-jährige Veterinärin aus Weißenhorn in der Nähe von München Chefärztin und Verwaltungsdirektorin der Klinik am Rande der Wüste.

Angefangen mit ihr und Arabien hat es vor etwa 14 Jahren. Damals machte die bayerische Tiermedizin-Studentin ein Praktikum in einer Falkenklinik im Emirat Dubai und schrieb dort ihre Doktorarbeit. Dubai ist das im Westen besser bekannte, jedoch sehr viel kleinere Scheichtum. Müllers Arbeit muss damals größeren Eindruck bei den Falknern der Emirate hinterlassen haben. Denn im Herbst 2001 wurde die bayerische Beizvogel-Spezialistin zu Hause überraschend vom ihr damals unbekannten Chef des Hospitals in Abu Dhabi angerufen. Ob sie nicht in seine Falkenklinik kommen wolle? Sie wollte. Nach einem halben Jahr Einsatz als eine von drei Veterinären war sie ab Sommer 2002 plötzlich Managerin und Chefärztin in einer Person. Und zwar als Nachfolgerin eines Mannes, eines Einheimischen. Margit Müller: "Ein absolutes Novum damals."

Allein unter Arabern

Eine europäische Frau in einem arabischen Land, noch dazu in Leitungsfunktion - bringt das keine Probleme? "Nein", sagt sie. "Frauen haben es beruflich überall schwer, auch in Europa. Aber hier werde ich sehr für mein Know-how und meine Leistung respektiert!" Ihr Start allerdings, so gibt Margit Müller zu, war holprig. "Zuerst war es für die Beduinen schwierig, mich zu akzeptieren. Aber mittlerweile kann ich so viel Arabisch, dass ich mich über alle fachlichen Dinge, zum Beispiel Diagnose und Therapie, sehr gut verständigen kann." Vor allem aber überzeugte die falkenvernarrten Wüstensöhne das schier unermüdliche Bemühen dieses weiblichen Doktors. "Ich sage ehrlich, wenn es einem Vogel schlecht geht. Aber ich verspreche auch, alles zu seiner Heilung zu tun, was in meiner Macht steht." Wer dann noch hadert, den erinnert sie mit einem sanften "Inschallah - so Gott will" an eine höhere Instanz. "Der Glaube der Araber hilft mir dabei immer."

Gescheitert ist sie dagegen bis heute bei ihrem Versuch, feste Termine mit ihrer Kundschaft zu vereinbaren: "Die Männer, vom einfachen Beduinen bis zum Scheich, fragen mich auch noch um Mitternacht um Rat, wenn sie mit ihren Freunden zusammensitzen und über Falken diskutieren. Ich antworte dann per Handy." Tagsüber herrscht rund um Margit Müller erst recht lebhaftes Treiben. Von den einheimischen Klinikbesuchern kennt jeder jeden - entweder, weil sie miteinander um ein paar Ecken verwandt sind oder wegen ihrer gemeinsamen Leidenschaft, der Falknerei. Rund 6.000 Greifvögel werden in Abu Dhabi in Gefangenschaft gehalten. Im etwa viermal so großen Deutschland, das ja auch eine Falkentradition hat, sind es gerade mal 300 Tiere.

Im gemütlichen Empfangsraum der weltweit einzigartigen Klinik tauschen die arabischen Tierbesitzer bei Tee und Kaffee lautstark Neuigkeiten aus, während sie auf Untersuchungen oder Diagnosen warten. 4.400 Behandlungen pro Jahr werden vorgenommen, stationäre und ambulante. "Es gibt Leute, die besuchen ihren kranken Falken jeden Tag", erzählt die Chefärztin. Denn die Vögel sind mehr als ein Statussymbol, sie gehören traditionell zur Familie. Schließlich sicherten die abgerichteten Jäger früher das Überleben in der Wüste.

Wertvolle Patienten

Welchen Stellenwert die Jagdfalken noch heute einnehmen, verdeutlicht die deutsche Ärztin mit einer Anekdote: "Einmal kam ein Araber zu mir, der sagte: ,Heute ist meine Frau zur Vorsorgeuntersuchung mit meinem Sohn beim Kinderarzt, und ich komme mit meinem Falken zu dir.'" Die Gesundheit ihrer gefiederten Gefährten ist ihren Besitzern viel wert. Wobei allerdings die Behandlungskosten im Vergleich zur Kaufsumme sehr niedrig sind. Zwar gibt's auch schon Vögel für 1.000 Euro, aber ein gut ausgebildeter Falke hat einen Wert zwischen 15.000 und 40.000 Euro, für Spitzenexemplare zahlen Scheichs sogar über 80.000 Euro.

Die Durchschnittskosten pro Behandlung im Falcon Hospital liegen bei 400 Dirham, das sind etwa 80 Euro. Die Klinik wird vom Staat subventioniert. Vom Umsatz allein könnte der Betrieb mit 20 fest angestellten Mitarbeitern und 25 Hilfskräften nicht leben. Was sich aber innerhalb der nächsten zwei Jahre ändern soll. Seit die Deutsche das Management übernommen hat, dient das Hospital zusätzlich als Lehrkrankenhaus, an dem Tiermedizin-Studenten aus aller Welt assistieren, sowie als offizielles Vogelgrippe-Labor des Emirates. Ab und an führt die Chefin persönlich Touristen über das Klinikgelände inklusive Museum, Falkenshow und riesiger Freiflugvoliere, wo sich die sensiblen Bewohner aussuchen können, ob sie ein Sonnenbad nehmen, oder sich bei 50 Grad Celsius Außentemperatur lieber in die klimatisierte Zone zurückziehen wollen.

Für die menschlichen Bewohner des Wüstenstaates ist das keine Frage. Immer mehr verlassen während der Sommerhitze ihr Land. Deshalb hat die geschäftstüchtige Deutsche neulich erst eine Tierpension auf dem Klinikareal eröffnet. Manchmal muss Margit Müller außerdem mit ihrem Geländewagen weit hinaus in die Wüste, wo die Jagdfalken wie schon vor Hunderten von Jahren abgerichtet werden. "In den Camps dort draußen gelte ich als halber Mann. Ich hocke mit den Falknern auf dem Boden und esse mit der Hand aus der gleichen Schüssel wie sie."

Aufbruchstimmung in der Wüste

Allen Überresten der Beduinen-Kultur und der arabisch-konservativen Grundhaltung zum Trotz versucht die Regierung von Abu Dhabi ihr Land in die Moderne zu katapultieren. Margit Müller: "Es ändert sich hier so viel in Richtung neue Technologien. Außerdem unterziehen sich Wirtschaft und Verwaltung einer Qualitätsoffensive. Das reißt uns mit." Als Perfektionistin hat die Veterinärin selbst noch einen MBA draufgesattelt. Innerhalb nur eines Jahres hat sie die Fortbildung durchgezogen, dank ihrer praktischen Managementerfahrung. Gerade hat sie an der Uni Strathclyde in Glasgow ihre Urkunde in Empfang genommen, ab Herbst wird sie selbst an der Hochschul-Dependance in Abu Dhabi unterrichten.

Reich, Reicher, Abu Dhabi

Um den Bekanntheitsgrad des Wüstenstaates auszubauen, eröffnete in 2005 das Emirates Palace Hotel in Abu Dhabi: eine Luxusherberge im Stil von 1001 Nacht. Die Antwort auf das berühmte Hotel Burj Al Arab in Dubai macht klar: Die VAE-Hauptstadt ist noch reicher als die protzige Shopping-Oase Dubai. Abu Dhabi, das mächtigste Scheichtum, nimmt allein 86 Prozent der VAE-Landfläche ein und produziert 85 Prozent des Öls aller sieben Emirate. Insgesamt sind die VAE gerade mal so groß wie Österreich. Seit das Öl sprudelt, hat sich das Leben der einstigen Nomaden sehr verändert: Statt Kamele zu hüten oder von Oase zu Oase zu ziehen, lassen sie arbeiten. Inzwischen kommen auf jeden Araber sechs Ausländer. In der Stadt Abu Dhabi mit ihrer rund eine Million Einwohnern liegt die Expat-Quote mit 80 Prozent sogar noch höher. So verwundert es nicht, dass es unter den fest Angestellten in Müllers Klinik keinen einzigen Einheimischen mehr gibt.

Die meisten Diener im Märchenland stammen von den Philippinen, aus Indien, Jordanien, Ägypten, dem Sudan und Pakistan. Aber auch Gastarbeiter aus Deutschland sind dabei. Dieses Vielvölkergemisch macht Englisch in Abu Dhabi fast schon zur Amtssprache. "Wir beziehen keine Wahnsinnsgehälter, und die Lebenshaltungskosten sind vergleichbar zu Deutschland", dämpft Margit Müller allerdings Phantasien von märchenhaften Verdienstmöglichkeiten. Um Zuzüglern, Touristen und Investoren Anreize zu schaffen, wird in Abu Dhabi kulturell aufgerüstet. Ab 2009 wird dort ein Grand Prix zur Formel-1-Weltmeisterschaft ausgetragen. Musicals vom New Yorker Broadway gehören ebenso ins Programm wie Gastspiele der Berliner Philharmoniker. Eine europäische Freundin hat Margit Müller neulich zu einem Konzert des Münchner Polizeichors geschleppt.

Ansonsten schwimmt die engagierte Doktorin in ihrer Freizeit gern im Pool ihrer Wohnanlage ein paar Bahnen. Oder sie kümmert sich um ihre private Menagerie: ihren eigenen Falken, drei von Nachbarn geerbte Schildkröten und einen Hund, den sie zusammen mit ihrem Haus von ihrer Vermieterin bekommen hat. Doch Freizeit hat sie kaum, und selten kommt sie auf mehr als 14 Tage Urlaub pro Jahr. "Der Typ, der bis morgens um fünf in der Disco rockt und Cocktails schlürft, bin ich eh nicht." Privat einschränken, so findet Margit Müller, muss sie sich als Frau unter Arabern nicht: "Kurze Röcke und schulterfreie Tops sind nicht mein Stil." Ihre Entscheidung, im Krankenhaus am Rande der Wüste zu bleiben, hat die deutsche Vollblut-Tierärztin nicht eine Sekunde bereut.

Steuerparadies mit Lücken

Im ersten Moment klingt es paradiesisch: In den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) muss man keine direkten Steuern zahlen. Und da mit Deutschland bis Mitte 2008 ein Doppelbesteuerungsabkommen gilt, muss das dort verdiente Gehalt auch in Deutschland nicht versteuert werden. Doch ein Schlaraffenland sind die VAE dennoch nicht: Arbeitnehmerrechte kennt man ebenso wenig wie ein Sozialversicherungssystem. Wer zum Beispiel gegen den Willen des Arbeitgebers kündigt, kann mit einem sechsmonatigen Arbeitsverbot belegt werden. Gegenüber Ausländern werden in einem solchen Fall außerdem Einreise-verbote zwischen sechs Monaten und einem Jahr ausgesprochen. Hier die Details.

Krankenversicherung: Derzeit gibt es eine Pflichtversicherung nur für Hilfsarbeiter. Laut Heike Bernhardt vom German Industry & Commerce Office in Dubai ist zwar geplant, in absehbarer Zeit eine Krankenpflichtversicherung für alle Arbeitnehmer einzuführen, sie lässt aber auf sich warten. Einige private Anbieter wie etwa die Expat Services Dubai Branch (www.expatservices.ae) haben Policen speziell für Ausländer im Programm. Auch fast alle internationalen Versicherungen sind vor Ort. Die meisten Deutschen schließen jedoch eine internationale Auslandskrankenversicherung ab, zum Beispiel bei der in Irland ansässigen Allianz Worldwide Care (www.allianzworldwidecare.com). Für einen Mann zwischen 25 und 35 kostet das rund 2.500 Euro jährlich.
Auch einige private Versicherer aus Deutschland springen in den Emiraten ein. Privat Versicherte sollten vor der Abreise unbedingt die Details klären. Für alle Krankenversicherten gilt: Die Beiträge sind komplett selbst zu zahlen. Eine Arbeitgeber- beteiligung wie hierzulande gibt es nicht.
Rentenversicherung: Eine staatliche Rentenkasse gibt es in VAE nicht. Wer aus der deutschen Versicherung ausscheidet, muss selbst vorsorgen.
Arbeitslosenversicherung: Die Folgen von Arbeitslosigkeit kann man in den VAE nicht durch eine Versicherung mindern.
Unfallversicherung: Leistungen, wie sie die hiesigen Berufsgenossenschaften von Gesetzes wegen bieten, gibt es in den Emiraten nicht. Allerdings sind die Arbeitgeber gehalten, selbst eine entsprechende Versicherung abzuschließen. Außerdem ist es für einen Arbeitnehmer möglich, die eigene private Krankenversicherung um diesen Aspekt zu ergänzen.

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