Aufbauende Langeweile Faulenzen will gelernt sein

Selbst in der Freizeit sind wir per Smartphone mit der ganzen Welt in Kontakt. Die Folge: Wir ertragen keine Langeweile. Dabei ist Nichtstun gut für uns.

Kerstin Dämon, wiwo.de | , aktualisiert

Faulenzen will gelernt sein

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Foto: micromonkey/Fotolia.com

Der moderne Mensch rotiert tagsüber in seinem Hamsterrad, schickt während der Arbeitszeit Nachrichten an Freunde in aller Welt und arbeitet nach Feierabend Dienstmails ab. Außerdem rennt er zum Sport und zum Sprachkurs, fährt die Kinder vom Klavierunterricht zum Kickboxen oder Reiten und geht abends noch mit dem Partner ins Kino. Die Folge: Freizeit wird als noch stressiger wahrgenommen als der Berufsalltag.

Eine Studie von Forschern der Pennsylvania State Universität zeigt sogar, dass bei vielen Menschen die Konzentration des Stresshormons Cortisol am Wochenende höher ist als unter der Woche.

"Nach der Arbeit geht es nicht mehr um Entspannung, sondern darum, nichts zu verpassen", bestätigt Psychologe Joachim Kugler von der Technischen Uni Dresden.

Zwischen Leistungsdruck und Freizeitstress

Selbst Kinder leiden unter Freizeitstress. Mit entsprechenden Folgen für die Gesundheit: "Leistungsdruck in der Schule, Freizeitstress am Nachmittag, aber auch Reizüberflutung oder unregelmäßiges Essen führen immer häufiger zu Spannungskopfschmerzen bei Kindern und Jugendlichen oder lösen sogar Migräne-Anfälle aus", erklärt Hartmut Göbel, Direktor der Schmerzklinik Kiel.

Kein Wunder, dass sich die Deutschen nach mehr Ruhe und Zeit für sich sehnen. Sind die Mußestunden dann aber da, ertragen die meisten sie nicht.

In einer Reihe von Experimenten konnten US-Forscher kürzlich zeigen, dass viele Personen es schrecklich finden, mit sich selbst alleine zu sein. Einige verabreichen sich sogar lieber Elektroschocks, als ohne weitere Beschäftigung ihren Gedanken nachzuhängen, berichteten die Wissenschaftler im Fachmagazin "Science".

Negative Gefühle aushalten

Die Folgen kennt jeder: Auch außerhalb des Labors beschäftigen wir uns lieber mit Banalitäten als mit reinem Nichtstun: Fällt uns sonntags nichts ein, greifen wir zum Handy. Bietet auch das keinen spannenden Zeitvertreib, wird die unerträgliche Langeweile bei Facebook oder Twitter mitgeteilt – in der Hoffnung, dass ein Austausch mit anderen Gelangweilten entsteht.

"Durch die ständige Erreichbarkeit und die ständige Verfügbarkeit mit Hilfe der modernen Technik lernen Menschen nicht mehr, Verlassenheit und andere negative Gefühle auszuhalten", sagt Jürgen Ackermann, Psychologe und Psychoanalytiker aus Frankfurt. Dank Facebook und WhatsApp unterbinde der Mensch die Auseinandersetzung mit der eigenen Person.

Dabei können Erwachsene viel von Kinder lernen. Sie langweilen sich oft und schnell. Im Schulalltag kommt das Gefühl dagegen seltener auf, weil weniger freie Zeit zur Verfügung steht. Fallen dann Ganztagsschule, Sportangebot und musikalische Früherziehung ferienbedingt weg, muss sich das Gehirn überlegen, wie es die entstandene Lücke füllt.

Hier kommen Kreativität und Antrieb ins Spiel. Deshalb plädieren Erziehungswissenschaftler dafür, Kinder zu ermutigen, sich die Langeweile selbst zu vertreiben und zu erkennen, was sie tun wollen – anstatt zwanghaft Alternativen zum Nichtstun zu suchen.

Die Schweizer Psychologin Verena Kast weist außerdem daraufhin, dass Langeweile bei Kindern auch durch ein Überangebot an Reizen zustande kommen kann. Die Kinder wissen nicht mehr, was sie zuerst tun sollen, weil es so viele Möglichkeiten gibt. Deshalb bringt es dem Kind mehr, wenn die Eltern den Job des Animateurs an den Nagel hängen und sagen: "Dir wird schon etwas einfallen", anstatt ein leicht konsumierbares Bespaßungsprogramm aufzustellen.

Nichts, Ohnmacht, Leere

Wahr ist auch: Der Mensch empfindet Langeweile nicht erst seit der Erfindung des mobilen Internets oder der Spielekonsole als störend.

So sagte beispielsweise der französische Philosoph Blaise Pascal im 17. Jahrhundert, dass dem Menschen nichts so unerträglich erscheine wie die Langeweile.

Der Mensch spüre in diesem Zustand "das Nichts, seine Verlassenheit, seine Unzulänglichkeit, seine Abhängigkeit, seine Ohnmacht, seine Leere."

Körperlicher Schmerz und Aktionismus

Dabei ist die Fähigkeit, sich einmal von seiner Umwelt loszusagen und zweckfrei vor sich hin zu denken eine Eigenschaft, die uns von anderen Arten unterscheide, wie die Forscher um Timothy Wilson von der Universität von Virginia in Charlottesville schreiben. Dennoch vermeiden wir es, wo wir nur können.

Studien haben gezeigt, dass Menschen, die mit sich allein sind, gedanklich deutlich häufiger bei Negativem als bei positiven Erinnerungen hängen bleiben. Das mag einer der Gründe sein, warum wir uns lieber körperlichen Schmerz zufügen als unserem Gehirn beim Denken zuzuhören.

Dass wir eher negativ denn positiv denken, könnte auch der Grund für das Interesse an Meditation und anderen Techniken sein, die dabei helfen sollen, die Gedanken zu kontrollieren. Auch wenn Meditationskurse nicht für jeden der richtige Weg sind, ist es wichtig, auch Langeweile zuzulassen und einmal Nichts zu tun – statt sofort in hektischen Aktionismus zu verfallen. Denn Langeweile und Muße sind nicht nur bei Kindern wichtig für das kreative Schaffen.

In den Sechzigerjahren testeten Wissenschaftler um den Mediziner Jürgen Aschoff die Auswirkungen von totaler Isolation auf Astronauten: Wird ihr Schlafrhythmus beeinflusst, was passiert mit ihrer inneren Uhr? Die sogenannten Bunker-Experimente zeigten: Nach einer Eingewöhnungsphase arbeiteten die Menschen hochkonzentriert und waren sich selbst genug. Es ging ihnen gut – trotz völliger Abgeschiedenheit.

Auch neue Studien belegen, dass es nicht schadet, einmal nicht Teil des pulsierenden Lebens oder des dauerhaft plappernden Netzwerks zu sein, das im Sekundentakt neue Empörungssäue durch das virtuelle Weltdorf treibt. So befragten unter anderem Psychologen der Technischen Universität Dresden gut 500 Studenten danach, wie viel Zeit sie täglich für Freunde oder Familie, die tägliche Arbeit und für sich aufwenden.

Das Ergebnis: Wer sich ab und an etwas Muße gönnt, dem geht es besser: Er ist weniger krank und fühlt sich allgemein wohler mit sich selbst. Hinzu kommt, dass es zur persönlichen Reifung beiträgt, nicht jede wache Sekunde des Tages bespaßt werden zu müssen. Der Mensch muss lernen, auch negative Gefühle auszuhalten.

Wechsel zwischen Aufregung und Ruhephase

Allerdings ist der Mensch nicht für zu viel Langeweile geschaffen: Wer tagein, tagaus am Fließband steht und neun Stunden am Stück ein und die selbe Handbewegung macht, ist zwar höchstwahrscheinlich sehr gelangweilt, aber leider nicht kreativer, glücklicher oder gesünder als der gemeine Büromensch.

Damit sich Langeweile und Alleinsein positiv auf uns auswirken, müssen sie sich mit kognitiven Herausforderungen und aufregenden Ereignissen abwechseln. Der Mensch braucht den Wechsel von Aufregung und Ruhephase.

Arbeit, Alleinsein und mit anderen gemeinsam verbrachte Zeit sollten sich deshalb die Waage halten, so das Resultat der Studie aus Dresden.

Zeit für sich selbst zu haben, sei unglaublich wichtig. Sie sei durch gemeinsame Freizeit mit anderen nicht ersetzbar.

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de

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