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Asien Für die IT-Fortbildung nach Delhi

Für IT-Experten sind regelmäßige Fortbildungen ein Muss. In Europa sind spezialisierte IT-Kurse allerdings rar und teuer. Peter Eisert lässt sich darum in Indien weiterbilden. Das kostet. Und das Arbeitsamt zieht ihm dafür Geld ab.

Tina Groll / Zeit.de | , aktualisiert

Eigentlich sollte sich Peter Eisert keine Sorgen um einen Job machen. IT-Fachkräfte wie er werden gesucht. Der Programmierer und Entwickler aus Offenbach hat viele Jahre als Freiberufler gearbeitet, dann bekam er das Angebot, für zwei Jahre an einem Forschungsprojekt mitzuarbeiten. Zwei Jahre – das können im IT-Bereich eine lange Zeit sein. Technik entwickelt sich rasant und wer sich zwei Jahre lang intensiv mit nur einer Software beschäftigt, verliert leicht den Anschluss. Jetzt ist das Forschungsprojekt abgeschlossen, Eiserts Vertrag ist ausgelaufen und er ist arbeitslos. Um rasch wieder einen neuen Job zu finden, braucht Peter Eisert einige sehr spezialisierte Fortbildungen.

Auf dem deutschen Arbeitsmarkt werden Experten gesucht, die fit mit der allerneusten Software sind – und zwar auf hohem Niveau. Ob Microsofts MCSE, MCTS, MCITP, Ciscos CCNA, CCNP, CCIE, Oracles OCA, Linux, Java oder Security+ und CEH – solche Kurse richten sich an Experten mit langjähriger Berufserfahrung. Um in einem Programm richtig fit zu sein, sind mindestens drei bis fünf Wochen intensives Einzeltraining notwendig. Doch solche Fortbildungen gibt es in Deutschland kaum. Und wenn, dauern solche Schulungen wenige Tage und kosten mehrere Tausend Euro. "Das ist nicht sehr effektiv", sagt Peter Eisert. Die Agentur für Arbeit zahlt zudem keine Zuschüsse. Was also tun?

Indien entdeckt das Offshore-Geschäft

Peter Eisert hat sich erkundigt und ein Intensivtraining für europäische IT-Experten in Indien gefunden. Hier gibt es mehrere Anbieter solcher Schulungen. Ob Bangalore, Delhi, Shimla und Dehradun im Himalaya oder Goa, immer mehr indische Unternehmen entdecken das Offshore-Geschäft mit der beruflichen Weiterbildung. Tausende Fachkräfte aus Europa und Amerika reisen nach Indien, um sich von indischen IT-Experten fortbilden zu lassen. Auch Fachkräfte aus Ländern, in denen es kaum Weiterbildungen gibt, nutzen diese Angebote. Sogar die IT-Kräfte des US-Militärs, die in Afghanistan wichtige IT-Infrastruktur aufbauen, werden aus Kostengründen in Indien ausgebildet.

"Die Idee für diese Offshore-Trainings kam mir eher zufällig", erzählt der Unternehmer Rohit Aggarwal, der mehrere Weiterbildungszentren in Delhi, im Himalaya und Goa führt. Der Unternehmer lernte europäische IT-Experten kennen, die als Rucksacktouristen in Indien unterwegs waren und ihn fragten, ob es nicht günstige Schulungen für Ausländer in Indien gebe. Aggarwal, der damals bereits ein IT-Dienstleistungsunternehmen führte, fand die Idee charmant. "Eigentlich sollten die Schulungen für internationale Fachkräfte nur ein kleines Zusatzgeschäft werden. Aber die Nachfrage war enorm."

Drei Prüfungsversuche inklusive

Ab 2500 bis 4000 Euro kostet ein Intensivkurs für einen Monat, je nach Anbieter und Unterkunft. In dem Preis sind zumeist die Schulungsunterlagen und -gebühren, Flug, Hotel mit Vollpension enthalten. Und die Prüfungsgebühr. Denn jede Schulung wird zertifiziert und das lassen sich die Software-Unternehmen etwas kosten. Manche Spezialtrainings sind so schwer, dass nicht einmal 10 Prozent die Prüfung im ersten Anlauf schaffen. Darum enthalten manche Weiterbildungen in Indien die Option, gleich drei Prüfungsversuche mitzubuchen. Damit die IT-Experten aus Europa auch wirklich mit der nötigen Qualifikation nach Hause reisen.

Diese Zertifikate sind auch das Ziel von Peter Eisert. Jetzt sitzt er im 43 Grad heißen Delhi. Über ihm surrt der Ventilator und die Anstrengung ist dem Deutschen ins Gesicht geschrieben. Von 8 Uhr morgens bis 17 Uhr lernt er im Einzelunterricht die komplizierte Software. Die Unterrichtssprache ist Englisch. Nicht ganz einfach zu verstehen, denn seine Trainerin hat einen harten indischen Akzent. Aber nach ein paar Tagen der Eingewöhnung klappt es mittlerweile mit der Kommunikation ganz gut.

Morgens holt ein Fahrer Eisert und andere Students, wie die internationalen IT-Experten von ihren Trainern genannt werden, in einem klimatisierten Auto ab und fährt ihn zum Schulungszentrum. Abends bringt das Auto sie wieder zurück ins Hotel, wo es nach dem Abendessen mit dem Lernen weitergeht. Dann müssen die Fachkräfte Bücher lesen und sich das Theoriewissen aneignen. Sechs Tage die Woche, denn in Indien ist auch der Samstag ein Werktag. Zum Sightseeing bleibt keine Zeit.

Keine Zuschüsse von der Agentur für Arbeit

"Das hier ist alles andere als ein Urlaub. Die Inder nennen es nicht umsonst Bootcamp", sagt Peter Eisert. Damit sich der ganze Aufwand lohnt, macht Eisert gleich drei Kurse. Ärgerlich ist für den IT-Experten, dass es keine Zuschüsse von der Agentur für Arbeit gibt. Im Gegenteil, die Agentur hat ihm das Arbeitslosengeld sogar gekürzt. Denn Eisert ist länger als 21 Tage von seinem Wohnort abwesend – und damit hat er keinen Anspruch mehr auf die volle Höhe. Hingegen bekommen seine Kollegen aus Belgien, die den gleichen Kurs gebucht haben, sogar Extrageld von ihrem Arbeitsamt. In Belgien gibt es Weiterbildungszuschüsse – egal, wo die Fortbildung stattfindet.

Lohnen sich die anstrengende Reise und die zusätzlichen Kosten denn? Eisert glaubt schon. "In Deutschland würde ich sicher das Dreifache oder mehr bezahlen. Aber man sollte besser vorher schon einmal in Indien gewesen sein, um das hier durchzuhalten", sagt der Entwickler, der Indien bereits mehrfach bereist hat.

"Diese indische Fortbildung ist wirklich kein Urlaub", sagt Andrew Opten aus London. Gemeinsam mit seinen beiden Kollegen Bocar Mbaie und Lucas Wuarunek ist er für einen fünfwöchigen Kurs nach Neu Delhi gekommen. Auch sie machen gleich drei Schulungen. Für ihren Arbeitgeber, ein großes IT-Unternehmen, ist dies eine günstige Möglichkeit, seine Mitarbeiter weiterzubilden. "Wir drei sind für sehr sensible Netzwerkbereiche in unserem Unternehmen zuständig und es gibt immer wieder Probleme, für deren Lösung wir uns tagelang im Selbstlernprozess neues Wissen aneignen müssen. Das ist nicht effektiv. Zudem stellen wir gerade auf eine andere Software um. Also haben wir unseren Arbeitgeber nach einer Weiterbildung gefragt", erzählt Andrew Opten.

In Großbritannien fanden sie zwar Angebote, doch allein für einen viertägigen Kurs hätten sie schon das Fünffache zahlen müssen. Also flogen sie nach Indien. Nun sind sie bereits seit drei Wochen in der indischen Hauptstadt und haben von Indien noch nicht viel gesehen. "Man sitzt ja den ganzen Tag im Computerlabor und hat Einzelunterricht. Es ist sehr intensiv", sagt Bocar Mbaie. Zu Dritt lasse sich das indische IT-Bootcamp allerdings aushalten, sagt Lucas Wuarunek. Der Arbeitgeber belohnt die Qualifizierung nicht nur mit der bezahlten Fortbildung, sondern auch mit einer Gehaltserhöhung für alle drei. "Das motiviert!", sagt Andre Opten.

Die Unterkunft lässt zu wünschen übrig

Auch wenn die Software und die Technik auf dem neuesten Stand ist und die Trainer zu den fachlich gut qualifizierten IT-Experten des Landes gehören, westlichen Standard kann man von der indischen Weiterbildungsmaßnahme nicht erwarten. Das Hotel ähnelt eher einer Jugendherberge; die Zimmer sind nur mit dem Nötigsten ausgestattet. Ein Bett, ein Schrank, ein Tisch und immerhin eine Klimaanlage. Auch gibt es W-LAN im Hotel, doch die Verbindung ist langsam. Und manche Europäer leiden unter der Klimaumstellung oder haben Probleme mit dem indischen Essen. Das strengt zusätzlich an.

Peter Eisert lässt sich davon nicht abschrecken. Er hofft, am Ende der Fortbildung alle Prüfungen zu bestehen. Seine Jobchancen auf dem deutschen Arbeitsmarkt schätzt er hinterher als deutlich besser ein. "Vielleicht mache ich mich aber wieder selbstständig. Mit der Technik und den Programmen, die ich hier lerne, stehe ich jedenfalls gut da."

(Zuerst erschienen auf Zeit Online)

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