Arndt Roller "Viele haben keine Zeit, neue Menschen kennen zu lernen"

Arndt Roller, Geschäftsführer der Online-Partnervermittlung Parship, über Flirten in Europa, den keltischen Tiger und seine disziplinierte Internetnutzung.

Falko Müller | , aktualisiert

Parship vermittelt in 13 europäischen Ländern Partnerschaften online. Unterscheidet sich das Flirtverhalten zwischen Berlin, Barcelona und Stockholm?

In den genannten Städten weniger als man denkt. Die Menschen in den europäischen Metropolen sind sich durchaus ähnlich - in allen größeren Städten schauen die Menschen "Sex and the City", sie sind urban und modern. Der Unterschied zwischen Sevilla und Braunschweig ist viel größer. In kleineren Städten gibt es noch viel mehr gewachsene, lokal geprägte Strukturen. Dort ist eine "deutsche" oder "spanische" Prägung stärker vorhanden.

Wie unterschiedlich sind diese Prägungen? Sind Skandinavier zurückhaltend, Spanier forsch und Italiener charmant?

Als Flirtmeister haben sich nach unseren Erkenntnissen nicht die Spanier, sondern unsere österreichischen Nachbarn gezeigt. Spanien folgt auf Platz zwei und Deutschland mit kurzem Abstand danach. Aber viel relevanter als ein Vergleich zwischen Spaniern und Deutschen ist die Betrachtung des Einzelnen, denn hier setzt das Parship-Prinzip an. Es ist am Schluss ja nicht von der Nationalität abhängig, ob Sie ein Draufgänger sind oder eher zurückhaltend agieren.

Wie viele transnationale Beziehungen vermitteln Sie?

Nur wenige, solche Wünsche konzentrieren sich auf die grenznahen Bereiche. Dass Menschen aus der Mitte Deutschlands jemanden aus Barcelona kennenlernen wollen, ist eher selten. Es gibt aber Ausnahmen - zum Beispiel vermitteln wir sehr viel zwischen Frankfurt und Zürich, weil es für Menschen aus der Finanzbranche völlig normal ist, zwischen Frankfurt, Zürich und London hin- und herzufliegen.

Finden Singles bei Ihnen leichter den richtigen Partner als im realen Leben?

Ja. Wir können schon vor dem Kennenlernen feststellen, wer zu wem passt. Jedes neue Mitglied füllt beim Anmelden einen Fragebogen aus. Aufgrund der Ergebnisse machen wir dann passende Partnervorschläge. Und mit jedem neuen Tag lernen wir anhand der Fragebögen mehr über die Singles in unserer Gesellschaft. Bei uns sind 15 Psychologen damit beschäftigt, mit Hilfe dieser Erkenntnisse unser wissenschaftliches Verfahren zu perfektionieren.

Wieso bedienen sich die Singles nicht mehr der klassischen Wege wie Kneipe, Kegelverein oder VHS-Kurs?

Viele sagen, dass sie einfach überhaupt keine Zeit dazu haben, neue Menschen kennenzulernen. Das gilt vor allem für Menschen, die ein stabiles soziales Umfeld und einen fordernden Job haben - da bleibt wenig Zeit für neue Kontakte. Parship hat zweistellige Umsatzzuwächse jedes Jahr. Die Menschen hoffen nicht mehr darauf, in der wirklichen Welt einen Partner zu finden.

Ist das nicht traurig?

Nein. Dann müsste ich es auch traurig finden, dass ich heute wunderbar Ski fahren kann, weil Menschen Metallstangen für Skilifte in Felswände gebohrt haben. So wie der Skilift ist unsere Dienstleistung nur ein Hilfsmittel. Wir ermöglichen dem Kunden, in einem sicheren Umfeld interessante Menschen kennenzulernen. Dabei hat er eine sehr große Chance, jemanden zu treffen, in den er sich verliebt. Der echte Kontakt wird ja durch Parship nicht ersetzt, sondern nur gut vorbereitet. Aber man erspart sich Situationen, die ich als Teenager immer gehasst habe: aufgeregt vor einem Mädchen zu stehen und sich nicht zu trauen, es anzusprechen. Diesen kleinen, aber unangenehmen Situationen können unsere Kunden entgehen.

Vier von zehn Mitgliedern werden bei Parship fündig. Zu wie vielen Hochzeiten waren Sie schon eingeladen?

Ich selbst war noch zu keiner eingeladen. Es gibt aber Mitarbeiter bei uns, die sich ausschließlich darum kümmern, mit erfolgreich zusammengeführten Paaren Kontakt zu halten. Das machen wir, um aus den Erfolgsgeschichten zu lernen. Diese Mitarbeiter werden dann natürlich eher eingeladen als ich.

Früher haben Sie online Bücher verkauft - wie hat es Sie in die Partnerbranche verschlagen?

Über einen Headhunter: Ich wurde angerufen und gefragt, ob ich Lust hätte, Online-Partnervermittler zu werden. Der Anrufer hatte Angst, dass mich das beleidigen könnte. Ich musste schmunzeln. Zuerst dachte ich: Was ist das für eine ungewöhnliche Jobofferte! Ich hatte sofort diese Anzeigen in der Samstagsausgabe der Zeitung vor Augen, wo die 23-jährige, hübsche Milliardärstochter ihren Partner fürs Leben sucht. Für mich war deshalb wichtig, dass die Sache seriös ist.

Haben Sie Parship schon einmal selbst benutzt?

Gleich am Anfang. Ich kam, als ich angeworben wurde, gerade aus einer längeren Beziehung, lebte in München und musste für den neuen Job nach Hamburg umziehen. Nach dem Umzug habe ich mich bei Parship angemeldet, auch aus Neugierde. Innerhalb von zwei Wochen habe ich drei Frauen kennengelernt. Das Frappierende war, dass alle drei sehr gut zu mir gepasst haben. Ich habe mich aber am Ende in keine verliebt und sie sich auch nicht in mich - glaube ich zumindest. Das Verliebtheitsgefühl kann Parship nicht liefern.

Wäre das denn wünschenswert?

Wenn morgen früh jemand behaupten würde, dass er Verliebtheit planen kann, säße ich morgen Mittag im Flieger und würde mir das anhören. Aber ich glaube nicht, dass so etwas in nächster Zeit möglich sein wird, wahrscheinlich sogar nie. Aber wir wollen uns diesem Ziel annähern.

Wie reagieren Menschen, wenn sie erfahren, dass Sie Geschäftsführer einer Partnervermittlung sind?

Wenn ich darüber rede, gehen gleich die Fragen los: Wann passen Männer und Frauen zusammen? Wie findet man den richtigen Partner? Meine Frau hat mir deshalb verboten, von meinem Beruf zu erzählen. Ich soll nur sagen, dass ich für eine Verlagsgruppe arbeite. Ich kann die Wahrheit aber trotzdem oft nicht für mich behalten. Ich bin viel zu begeistert von meiner Arbeit, mir macht es Spaß, darüber zu reden. Sie stammen aus dem eher wertekonservativen Pforzheim - was haben Ihre Eltern gesagt, als Sie ihnen erklärt haben, dass Sie jetzt beruflich Menschen im Internet zusammenbringen? Es gab schon einen Augenblick des Schweigens am Telefon. Meine Eltern hatten natürlich die Sorge, dass es sich um Schmuddelkram handeln könnte.

Wie sehen Ihre Eltern Ihr Engagement heute?

Ich denke, dass sie in erster Linie stolz darauf sind, dass sich das Unternehmen so gut entwickelt. Mittlerweile hören sie auch in ihrem Freundesund Bekanntenkreis immer wieder von Parship - meine Eltern sind beide Mitte 60, auch in dieser Altersgruppe sind wir gut vertreten - und sie sind dann stolz, wenn sie sagen können, dass ihr Sohn die Firma leitet. Sie haben Wirtschaft studiert - für eine Weile in Irland.

Wieso gerade dort?

Grund war der Film "Der Club der toten Dichter" - ich war begeistert von der Geschichte und von diesem klassischen Campus und wollte auch an eine solche Eliteschule. Ich habe mich informiert, was Harvard kosten würde und damit war das Thema auch schon vorbei - sparsame Eltern und die hohen Gebühren, das hat sich nicht so gut vertragen. Aber dann sah ich an der Uni in Nürnberg das Poster von diesem unvorstellbar schönen Campus, dem Trinity College in Dublin. Ich habe mich für einen Erasmus-Studienplatz beworben und diesen auch bekommen. Sie haben sogar über die wirtschaftliche Entwicklung Irlands promoviert. Das Thema Irland lag mir eher als beispielsweise die Bilanzierung in Kleinunternehmen. Die Iren haben aus einer sehr schwachen Wirtschaft mit vielen Standortnachteilen den keltischen Tiger gemacht. Schon Anfang der 70er hat die damalige Regierung eine große Offensive beschlossen, die man trotz vieler Widerstände und Rückschläge durchgehalten hat. Für Parship habe ich daraus gelernt: Man muss seinen Visionen vertrauen.

Vor Parship haben Sie beim Internetbuchhändler BOL gearbeitet, der zu Bertelsmann gehörte. Es hätte besser laufen können: BOL schrieb rote Zahlen und wurde verkauft. Haben Sie sich mitverantwortlich gefühlt?

Immer, wenn ich etwas mache, fühle ich mich mitverantwortlich. Alles andere wäre auch schäbig. BOL war meine erste operative Erfahrung, nachdem ich bei Bertelsmann in Gütersloh zuerst Strategiecharts gemalt hatte - ich weiß nicht, ob es ein Fluch oder ein Segen war, dass ich danach in eine so gehypte Einheit wie BOL gekommen bin. Wir wurden mit Vorschusslorbeeren überschüttet, konnten die Erwartungen aber nie erfüllen. Was ich für die Zukunft gelernt habe: niemals mehr versprechen, als man halten kann. Bertelsmann hatte angekündigt, dass BOL größer werden würde als Amazon. Man muss sich aus heutiger Sicht fragen, womit dieser Anspruch begründet war.

Was war Ihre persönliche Konsequenz?

Ich bin vorsichtiger geworden. Ich habe mir damals einen Zettel gemalt, auf den ich geschrieben habe, was ich in meinem nächsten Job haben will: ein unpolitisches Umfeld und Internet-Orientierung. Am wichtigsten war aber mein Wunsch, eine Einheit zu haben, bei der ich alleiniger Geschäftsführer bin. Ich habe eine große Freiheitsliebe und ich will gestalten, ohne dass mir ständig jemand erzählt, was zu tun ist. Ich wäre sicher der Falsche für ein Großkonzerngebilde. Sie haben vor Ihrem Einstieg bei BOL gesagt, dass Sie zu dem Zeitpunkt gerade mal drei E-Mails in Ihrem Leben geschrieben hätten.

Wofür benutzen Sie das Internet heute?

Beruflich nutze ich das Internet ständig. Das Internet schafft eine unglaubliche Freiheit, ich kann es überall weltweit nutzen - aber ich muss nicht, ich kann es auch jederzeit abschalten.

Schaffen Sie das?

Ja, mein Blackberry geht automatisch um 21 Uhr aus und um 6.30 Uhr wieder an. Am Wochenende lese ich Zeitungen und Zeitschriften. Da würde das Internet nur zum Einsatz kommen, wenn wir zum Beispiel eine Wohnung suchen oder einen Urlaub buchen wollen. Und natürlich, wenn ich einen Partner suchen würde, was ich aber nicht tue.

Sie haben Ihre Frau bei, aber nicht über Parship kennengelernt.

Sie hat als Studentin für ein paar Wochen hier gejobbt. Wir haben uns später in einem anderen Kontext wieder getroffen und uns verliebt. Mittlerweile sind wir eine Familie mit zwei kleinen Söhnen.

Haben Sie mal mit dem Parship-Test überprüft, ob Sie zusammenpassen?

Nein. Und nachträglich funktioniert der sowieso nicht mehr. Wenn man mit einer Frau eine Zeit lang zusammen ist, verändert sich die Perspektive. Man gleicht sich einander an. Außerdem hat man natürlich ganz andere Bedürfnisse als ein Single, zum Beispiel wenn es um Sehnsüchte geht. Unser wissenschaftliches Verfahren wurde ganz gezielt für Singles entwickelt, die auf der Suche nach einer festen, harmonischen Partnerschaft sind. Dennoch zum Schluss eine Frage aus dem Parship-Fragebogen.

Bitte vervollständigen Sie den folgenden Satz: "Ein Tag ist für mich perfekt...,

... wenn meine beiden Jungs morgens vor mir wach sind und über mich herfallen. Da kann es draußen noch so grau sein - an so einem Tag kann nichts mehr schief gehen."

Arndt Roller: 40, ist seit April 2003 Geschäftsführer der Online-Partneragentur Parship, die wie das Handelsblatt zum Holtzbrinck-Verlag gehört. Der gebürtige Essener studierte Betriebswirtschaftslehre in Nürnberg und Dublin. Nach seiner Promotion über die wirtschaftliche Entwicklung Irlands arbeitete Roller zunächst für Bertelsmann in Gütersloh. Ab 1998 war er in verschiedenen Funktionen für die Konzerntochter Bertelsmann Online (BOL) in der Schweiz und in England tätig und wurde schließlich BOL-Geschäftsführer für den deutschsprachigen Raum. Das defizitäre Buchportal wurde Ende 2002 verkauft. Roller wechselte zu Parship, das nach eigenen Angaben mit acht Millionen Nutzern die größte Online-Partnervermittlung in Europa ist. Das Unternehmen hat 180 Mitarbeiter und machte 2007 einen Umsatz von 46 Millionen Euro.

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