Arbeitszeitdebatte Der perfekte Arbeitstag

Ist der Acht-Stunden-Tag in der heutigen Zeit noch angemessen? Oder sind 40 Stunde auch in 4 Tagen leistbar, wenn dafür der fünfte Tag Freizeit ist? Was Forscher über perfekte Arbeitszeiten wissen.

Kerstin Dämon, wiwo.de | , aktualisiert

Der perfekte Arbeitstag

Foto: alphaspirit / fotolia.com

Offiziell gilt in Deutschland seit den Achtzigerjahren die 35-Stunden-Woche. Der Durchschnittsdeutsche arbeitet demnach an fünf Tagen jeweils sieben Stunden plus Mittagspause. Die Realität sieht allerdings ein bisschen anders aus: 40,3 Stunden pro Woche sitzen die Deutschen im Büro oder stehen am Fließband. Damit wären wir also bei acht Stunden pro Tag – wie auch 1994 im Arbeitszeitgesetz festgeschrieben - plus Überstunden. Die gehören in Deutschland zur Arbeitswoche nämlich fest dazu. Laut Statistik hat jeder Arbeitnehmer in Deutschland im vergangenen Jahr 27,8 unbezahlte und 21,1 bezahlte Überstunden gemacht – je nach Branche und Position mehr oder weniger.

Erst kürzlich sorgte ein japanisches Modeunternehmen für Aufsehen, weil es die vier-Tage-Woche testet. Allerdings ändert sich für die Mitarbeiter an der reinen Netto-Arbeitszeit nichts. Sie arbeiten 40 Stunden pro Woche – haben allerdings einen Tag mehr Zeit für Familie und Freizeit. Und auch hierzulande führten die jeweiligen Interessensverbände in den vergangenen Wochen die Diskussion, ob die starren Arbeitszeitregelungen nicht ohnehin obsolet sind, bei dauerhafter Erreichbarkeit, Vereinbarung von Familie und Job, Home-Office und sonstigen Flexibilisierungsmaßnahmen.

"Um mehr Spielräume zu schaffen und betriebliche Notwendigkeiten abzubilden, sollte das Arbeitszeitgesetz von einer täglichen auf eine wöchentliche Höchstarbeitszeit umgestellt werden", forderten die deutschen Arbeitgeberverbände (BDA). Und der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Eric Schweitzer, forderte sogar eine entsprechende Anpassung des Arbeitszeitgesetzes.

Die meisten Wochenstunden in Landwirtschaft und Gastronomie

Da macht allerdings Arbeitsministerin Andrea Nahles nicht mit. Genauso wie Reinhard Bispinck, Leiter des Tarifarchivs des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung. Er sagt: "Wir brauchen keine Aufweichung von Schutzregeln, sondern eine kluge Nutzung der bestehenden Gestaltungsspielräume". Und der Gestaltungsspielraum ist groß.

Sowohl die EU-Richtlinie 2003/88/EG als auch das Arbeitszeitgesetz (ArbZG) sagen: mehr als 48 beziehungsweise 60 Stunden pro Woche sind nicht drin. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts arbeiten 15 Prozent der Männer und sieben Prozent der Frauen mehr als 48 Stunden pro Woche – besonders betroffen sind landwirtschaftliche Fachkräfte, Beschäftigte in der Gastronomie und Selbstständige.

Eine ganz andere Diskussion wird seit vergangenem Jahr in Schweden geführt. Dort soll nicht mehr acht Stunden pro Tag, sondern weniger gearbeitet werden. In Göteborg gehen ausgewählte Angestellte des Stadtrates seit dem April 2014 nach sechs, statt nach acht Stunden nach Hause.

Denn "wer kürzer arbeitet, arbeitet besser und effektiver", wie der Kommunalrat Mats Pilhem, der Urheber des Projekts, sagte. Und auch Bosch sagt: "Sieben Stunden sind sicher entspannter als acht Stunden." Die Frage ist nur, ob die gewonnene Zeit dann tatsächlich der Erholung dient. Denn so mancher bleibt lieber länger auf der Arbeit, um vollen Zügen, langen Schlangen an der Supermarktkasse oder dem Elternabend zu entgehen, wie die amerikanische Soziologin Arlie Russel Hochschild vermutet.

Verteilung der Arbeitszeit

Doch was ist eigentlich gut? Ist der Acht-Stunden-Tag das Optimum oder wäre es besser, an drei Tagen zwölf Stunden zu arbeiten und dafür vier Tage frei zu haben? Vielleicht wären sechs Arbeitstage á 5,5 Stunden der Effizienz sowie der Work-Life-Balance zuträglicher – dafür gibt es dann keine Mittagspause. Alternativ könnte man die Arbeitszeit auch an das Lebensalter anpassen. So hatte Nahles beispielsweise schon einmal die staatlich bezuschusste 30-Stunden-Woche für junge Väter und Mütter gefordert. Um der körperlichen Leistungsfähigkeit Rechnung zu tragen, wollte die Gewerkschaft IG BCE für Beschäftigte ab 60 Jahren eine Drei- oder Vier-Tage-Woche einführen. Doch weder das eine noch das andere Modell der verkürzten Arbeitswoche konnte sich durchsetzen.

Denn die optimale Arbeitszeit gibt es gar nicht, wie Gerhard Bosch, Geschäftsführender Direktor des Instituts Arbeit und Qualifikation an der Universität Duisburg-Essen sagt. "Der Acht-Stunden-Tag ist ein Rhythmus, der in unserer Gesellschaft verankert ist. Danach richten sich beispielsweise öffentliche Verkehrsmittel oder die Kommunikation mit anderen Menschen."

Bei der Frage, ob vier Tage á zehn Stunden nicht besser seien, als acht Stunden an jeweils fünf Tagen, müsse man außerdem beachten, dass zu den reinen Arbeitsstunden noch Pausen und Fahrtzeiten hinzu kommen. "Und schon ist man beim 13-Stunden-Arbeitstag", rechnet Bosch vor. Der Vereinbarkeit von Job und Familie dürfte das nicht dienlich sein, wenn Mama und Papa zwar einen Tag mehr Wochenende haben, dafür die Kinder unter der Woche gar nicht sehen.

Und: "Nach acht Stunden nimmt die Fehlerquote zu." Zwar können sich vielleicht manche Arbeitnehmer vorstellen, zwölf Stunden am Tag zu arbeiten und dafür vier Tage zu Hause zu bleiben, aber auf die Dauer macht das der Körper nicht mit. Oder, wie es Bosch ausdrückt: "Nicht alles, was sich die Leute wünschen, ist auch gesund."

Jörg Feldmann, Sprecher der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAUA), ergänzt: "Nach acht Stunden pro Tag steigt das Unfallrisiko und das Risiko für Erkrankungen nimmt langfristig zu." Laut dem "Stressreport 2012" der BAUA gibt es außerdem einen direkten Zusammenhang zwischen langen Arbeitszeiten und Schlafstörungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder psychischen Beeinträchtigungen. Davon abgesehen lässt "ab der siebten oder achten Arbeitsstunde" die Leistungsfähigkeit deutlich nach, wie es in einem weiteren Bericht der BAUA heißt.

Auswirkungen von Schichtarbeit

Wer seinen Mitarbeitern andauern Überstunden aufbrummt, kann zwar davon ausgehen, dass die Arbeit erledigt wird. Die Frage ist nur, wie gut. Aber schließlich soll auch das Qualitätsmanagement sein Geld verdienen.

Letztlich hat aber auch die BAUA keine befriedigende Antwort darauf, welche Zahl von Arbeitsstunden pro Tag, Woche oder Arbeitsleben aus gesundheitlicher Sicht angemessen ist. Denn: "Arbeitszeit ist nicht der einzige Verschleißfaktor", wie Arbeitszeitforscher Bosch sagt. "Was die Arbeitszeitforschung bewiesen hat, sind die schädlichen Auswirkungen von Schichtarbeit und Nachtschicht."

So zeigen zahlreiche Studien: Wer dauerhaft Nachtschichten schiebt, leidet später mit höherer Wahrscheinlichkeit unter Herz-Kreislauferkrankungen, Krebs und stirbt früher. Schuld ist der umgekrempelte Tag-und-Nacht-Rhythmus.

Schichtarbeit dehnt sich immer weiter aus

Das gilt auch für Wechselschichtsysteme. So fand ein internationales Forscherteam heraus, dass US-Krankenschwestern, die sich für fünf oder mehr Jahren Wechselschichten aussetzten, früher sterben und unter einer schlechteren Gesundheit leiden. Allerdings ist es nicht so, dass deutsche Gastronomen, medizinisches Personal, Bauern oder Fabrikarbeiter per se den 50. Geburtstag nicht erleben.

Wenn man davon ausgeht, dass sich Schichtarbeit auf immer mehr Branchen ausdehnt, wäre das sonst auch das Todesurteil für die westlichen Nationen. Gerade im Handel führen die immer längeren Öffnungszeiten dazu, dass es ohne Schichten gar nicht mehr geht. Entsprechend steigt die Zahl derer, die regelmäßig abends, nachts oder an den Wochenenden arbeiten.

Damit Körper und Kopf das auf die Dauer mitmachen, brauche es entsprechende Ruhezeiten, sagt Feldmann. In einem Leitfaden der Handelskammer Hamburg und der Zeit-Stiftung heißt es entsprechend:

  • Nicht mehr als vier Nachtschichten hintereinander: So gelingt es den Mitarbeitern besser, sich wieder an den normalen Tagesablauf anzupassen, und das Schlafdefizit wird nicht zu groß.

  • Ausreichend Ruhe: Auf einen Nachtschichtblock sollte eine Ruhephase von mindestens 24 Stunden folgen.

  •  Freizeit in Blöcken: Mehrere Tage Freizeit am Stück bringen mehr Erholung als einzelne freie Tage. Ein Samstag oder Sonntag sollte möglichst dabei sein.


     
  • Mehr Belastung = mehr Freizeit: Zusatzbelastungen lassen sich am besten durch ein Mehr an Freizeit ausgleichen.

  • Früh-Spät-Nacht: Vorwärts rotierende Schichtsysteme helfen, den Schichtwechsel besser zu meistern.

  • Schnell rotierende Schichtsysteme: Wer zum Beispiel immer nur zweimal hintereinander im gleichen Schichttyp arbeitet, verkraftet den Schichtwechsel besser, als wenn zu viele Schichten gleicher Art aufeinander folgen.

  • Ideale Zeiten: Wenn machbar, sollte kein Frühdienst vor 7 Uhr und kein Spätdienst nach 23 Uhr liegen. Für ältere Mitarbeiter kann jedoch ein Schichtbeginn um 6 Uhr sinnvoll sein.


     
  • Echte Pausen: Klar definierte Pausen müssen möglich sein und ausgewiesene Räume dafür auch nachts zur Verfügung stehen. Ebenso sollte die Möglichkeit gegeben sein, in Gemeinschaft etwas Warmes zu essen.

  • Leistungsschwächere Zeiten: Nach Möglichkeit sollten zwischen 2 und 3 Uhr nachts keine aufmerksamkeitsintensiven oder fehlerkritischen Tätigkeiten eingeplant werden.

  • Keine überlangen Arbeitstage: Lange Schichten und Überstunden vermeiden.

  • Helle Beleuchtung der Arbeitsräume: Licht unterdrückt die Melatonin-Produktion und hemmt so die Ermüdungstendenz.

  • Altersgrenze für Nachtschicht: Mitarbeiter über 50 Jahre brauchen in der Regel länger, um sich zu regenerieren, und sollten deshalb möglichst nicht im Nachtdienst eingesetzt werden. Lässt sich darauf nicht verzichten, müssen unbedingt ausreichende Erholungszeiten zwischen den Schichten respektiert werden.

  • Beteiligung der Mitarbeiter: Das Einbeziehen der Mitarbeiter in die Schichtplangestaltung oder bei der Veränderung von Arbeitszeitmodellen fördert die Akzeptanz der getroffenen Regelungen.

 



Wenn diese Punkte im Plan berücksichtigt sind, werden Schichtarbeiter auch 80 Jahre alt – jedenfalls wenn nichts Unvorhergesehenes dazwischen kommt. Und in den meisten Unternehmen wird das auch längst berücksichtigt, wie Arbeitszeitforscher Bosch sagt. "Schichtpläne sind oft schon ein Jahr im Voraus bekannt. Problematisch wird es dann, wenn jemand krank wird und jemand anderes einspringen muss."

Dann nämlich rutscht zwischen zwei Spät- auf einmal eine Früh- oder Nachtschicht und schon ist der Rhythmus durcheinander. Kommt das nur ab und vor, ist es kein Problem, nur zur Dauerlösung dürfen solche Sprünge nicht werden. Denn der Mensch ist nun einmal ein Gewohnheitstier. Wird unser Rhythmus durcheinander gebracht, werden wir krank – ob wir nun acht stunden arbeiten, sechs oder zehn.

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de

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