Arbeitsmarkt Vakante Stellen

Der Arbeitsmarkt floriert wieder. Allein für Absolventen, Fach- und Führungskräfte gibt es aktuell über 33.000 neue und vakante Stellen. Zu diesem Ergebnis kommt eine exklusive Umfrage der WirtschaftsWoche unter knapp 400 deutschen Unternehmen.

Daniel Rettig / wiwo.de | , aktualisiert

Vom Fachkräftemangel erfährt Stefan Lauer derzeit höchstens aus der Zeitung, in seinem Alltag spielt er keine Rolle. Lauer ist seit mehr als zehn Jahren Personalvorstand der Deutschen Lufthansa, aber eine solche Flut von Bewerbungen hat der 55-Jährige in seiner Amtszeit noch nicht erlebt.

Allein 115.000 waren es im vergangenen Jahr, in 2011 wird diese Zahl aller Voraussicht nach sogar noch übertroffen. Lauer und seine Kollegen aus der Rekrutingabteilung haben somit derzeit die sprichwörtliche Qual der Wahl: Die Lufthansa will in diesem Jahr 4000 neue Mitarbeiter einstellen – so viel wie kein anderes deutsches Unternehmen.

So wie die ersten Sonnenstrahlen Hoffnung und Lust auf den Frühlingsbeginn machen, blüht auch in der deutschen Wirtschaft inzwischen die Pflanze namens Aufschwung. Die Konzerne haben die Krise nicht bloß überstanden – sie kommen auch gestärkter aus ihr zurück als von vielen erwartet.

„Die Euro-Zone humpelt, das größte Mitglied sprintet“, dichtete im Januar das britische Wirtschaftsmagazin „Economist“, als es sich mit der deutschen Konjunktur beschäftigte. Die Überschrift des Artikels: „Angela im Wunderland“.

Vor wenigen Wochen stimmte der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) ebenfalls in den Chor der Gratulanten mit ein. Die Erholung sei mittlerweile „auch in der Binnenwirtschaft voll angekommen“, sagte der Hauptgeschäftsführer des DIHK, Martin Wansleben, auf einer Pressekonferenz.

Dort präsentierte er eine Umfrage seines Verbands unter 28.000 Unternehmen im vergangenen Herbst. Demnach sind die Betriebe so optimistisch wie zuletzt im Jahr 2007. Sie wollen mehr Waren produzieren, exportieren und auch mehr investieren – und zwar nicht nur in neue Anlagen und Maschinen, sondern ebenfalls in die Zahl ihrer Mitarbeiter. Daher wird sich die Summe der Beschäftigten nach Schätzungen des DIHK in diesem Jahr um 300.000 erhöhen.

Das neue deutsche Jobwunder betrifft fast alle Branchen und Fachrichtungen. 35 von 46 Wirtschaftsverbänden rechnen in 2011 mit steigenden Umsätzen, ergab eine Umfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft Ende des vergangenen Jahres – und davon profitieren auch die Arbeitnehmer.

Zu den Gewinnern gehören vor allem Akademiker – und zwar sowohl Absolventen auf der Suche nach dem ersten festen Job als auch Fach- und Führungskräfte, die sich aktuell nach einer neuen, womöglich besseren Stelle umsehen wollen.

Das zeigt auch die exklusive Umfrage der WirtschaftsWoche, für die in den vergangenen Wochen 380 Unternehmen angeschrieben wurden.

Steigen, sinken oder gleich

Post bekamen nicht nur alle börsennotierten Konzerne aus Dax, MDax, TecDax und SDax. Es beteiligten sich zudem renommierte Anwaltssozietäten, Konsumgüterhersteller, Mittelständler, Wirtschaftsprüfungen und Unternehmensberatungen, außerdem antworteten auch deutsche Tochterfirmen ausländischer Betriebe.

Kernfrage: Wird die Gesamtzahl Ihrer Belegschaft in diesem Jahr steigen, sinken oder gleich bleiben?

Von den 152 Unternehmen, die hierzu Stellung bezogen, wollen 65 Prozent am Ende des Jahres mehr Mitarbeiter beschäftigen. 29 Prozent haben vor, die Zahl konstant zu halten, nur sechs Prozent rechnen mit weniger Angestellten.



Die Umfrage mag nicht repräsentativ sein. Dennoch bestätigt sie den aktuellen Aufwärtstrend und gibt eine klare Übersicht darüber, wie es um die Unternehmen und die Stellenangebote momentan bestellt ist. Kein Zweifel: Es geht wieder was auf dem Arbeitsmarkt – auch für hoch Qualifizierte.

Die Konzerne sollten auch detaillierte Fragen dazu beantworten, wie viele Mitarbeiter sie in 2011 einstellen wollen und welche Qualifikationen und Studiengänge sie nachfragen. Oder wie viele Jahre Berufserfahrung Bewerber mitbringen sollen.

Ergebnis: Insgesamt wollen die Unternehmen in diesem Jahr über 33.000 neue Stellen für hoch Qualifizierte schaffen.

Gute Zeiten für Juristen

Außer bei der Deutschen Lufthansa in Frankfurt könnte sich eine Bewerbung in diesem Jahr vor allem in der bayrischen Landeshauptstadt lohnen. Der Münchner Konzern Siemens hat derzeit circa 3000 Stellen offen, 80 Prozent davon entfallen auf Ingenieure, Informatiker und Naturwissenschaftler. Der Autobauer BMW sucht 600 Mitarbeiter, der Versicherungsriese Allianz will etwa 500 Hochschulabsolventen und Young Professionals einstellen – 200 mehr als noch im vergangenen Jahr.

Für Juristen ist die Perspektive aktuell besonders positiv. Sie sind nicht nur in den Personal- oder Rechtsabteilungen von Konzernen gefragt, sondern haben auch gute Chancen bei vielen renommierten Rechtsanwaltskanzleien: Von den kontaktierten Firmen kündigten immerhin 70 Prozent an, in 2011 neue Mitarbeiter anzuheuern.

Aber es sind insbesondere die Dax-Werte, die ihre finanzielle Flaute offenbar am ehesten überstanden haben: Von den 30 wichtigsten Konzernen in Deutschland planen in diesem Jahr 63 Prozent Neueinstellungen. Nicht ganz so rosig sind die Aussichten hingegen in den anderen deutschen Börsensegmenten.

Aus dem Kreis der MDax- und TecDax-Konzerne machten lediglich jeweils etwa 30 Prozent konkrete Stellenzusagen. Einzige Lichtblicke waren hier der deutsch-französische Luft- und Raumfahrtkonzern EADS, der europaweit 3400 Mitarbeiter unter Vertrag nehmen will, der Motorenhersteller Tognum mit 600 geplanten Einstellungen und der Autozulieferer Continental mit einem Personalbedarf von 400 Beschäftigten – darunter auch Geisteswissenschaftler.

Von den SDax-Unternehmen gaben sogar nur 14 Prozent eine positive Rückmeldung, angeführt vom Ingenieurdienstleister Bertrandt mit 700 Jobangeboten.

Dass der Jobaufschwung kommt, deutete sich bereits im vergangenen Jahr an. 40,5 Millionen Menschen gingen in 2010 einer Erwerbstätigkeit nach – so viele wie noch nie. Mit Beginn des neuen Jahres setzte sich die positive Entwicklung fort: Erst -Ende Januar verkündete Frank-Jürgen Weise, der Chef der Bundesagentur für -Arbeit (BA), dass die Zahl der Arbeitslosen im Vorjahresvergleich um 270.000 gesunken sei.

Gleichzeitig startete der BA-Stellenindex, ein Indikator für die Nachfrage nach Arbeitskräften, einen weiteren Höhenflug. Im Januar erreichte er 159 Punkte – nur noch knapp hinter dem letzten Rekordwert von 165 aus dem Jahr 2007.

Genug zu tun

Passé sind die Zeiten, in denen viele Unternehmen durch die Einführung von Kurzarbeit Massenentlassungen verhinderten. Berechnungen zufolge rettete das Instrument mit staatlicher Hilfe bis zu 500.000 Vollzeitstellen. Inzwischen gibt es in den Büros, Fabriken und Werkshallen längst wieder genug zu tun – was sich auch in der Zahl der geleisteten Arbeitsstunden niederschlägt.

Die vielen Aufträge lassen sich mittlerweile nur durch längere Arbeitszeiten erledigen. Allein im vergangenen Jahr seien hierzulande 15 Prozent mehr Überstunden geleistet worden als im Krisenjahr 2009, berichtete das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung kürzlich.

Insgesamt kamen die Beschäftigten auf 1,25 Milliarden bezahlte Überstunden – rechnet man noch die unbezahlte Mehrarbeit dazu, waren es sogar 2,5 Milliarden. Jeder Einzelne habe in 2010 im Schnitt 43,6 Stunden Mehrarbeit geleistet. Im Jahr 2009 waren es nur 38,4 Stunden.

Kein Wunder, dass all diese Daten auch in den momentanen Tarifverhandlungen eine Rolle spielen. Arbeit soll und darf sich wieder lohnen. Doch im Vergleich zu den Vorjahren gibt es einen entscheidenden Unterschied: Oftmals gönnen die Arbeitgebern ihren Angestellten das Gehaltsplus sogar ohne große Gegenwehr.



Erst vor wenigen Wochen einigte sich der Autokonzern Volkswagen mit der IG Metall darauf, dass die Mitarbeiter in den westdeutschen Werken ab Mai 3,2 Prozent mehr Geld bekommen. Die Bahn gönnte ihren Angestellten 5,0 Prozent mehr, der Stromkonzern RWE legte 3,4 Prozent drauf. Und der Chiphersteller Infineon zog die Tariferhöhung von bis zu 2,7 Prozent gar um zwei Monate vor – als Dank für die guten Geschäfte.

Auch in den Köpfen der Beschäftigten ist der Aufschwung angekommen. Jeder Zweite ist derzeit der Meinung, dass sich die Situation auf dem Arbeitsmarkt in diesem Jahr weiter verbessert, ergab in der vorvergangenen Woche eine Umfrage der Online-Stellenbörse Stepstone unter 5000 Fach- und Führungskräften. Nur 18 Prozent der Befragten erwarten, dass es in diesem Jahr schwieriger werde als im Vorjahr, eine Stelle zu finden.

Qualifizierte und erfahrene Mitarbeiter hätten „exzellente Chancen für den nächsten Karriereschritt“, sagte Stepstone-Geschäftsführer Frank Hensgens. Damit sind die Deutschen sogar optimistischer als ihre Nachbarn. Nur die Schweden schätzen ihre Jobchancen noch besser ein.

Hohe Wechselbereitschaft

Klar ist auch: In guten Zeiten steigt die Bereitschaft, sich nach einem neuen Job umzusehen. Wissenschaftler der Universitäten Frankfurt am Main und Bamberg erkundigten sich vor Kurzem bei 10.000 Deutschen nach ihrer Wechselbereitschaft. Ergebnis: 62,7 Prozent der Arbeitnehmer planen, sich in nächster Zeit nach einer neuen Stelle umsehen. Jeder Dritte will sogar seinen Arbeitsvertrag kündigen.

Vor einem solchen Schritt aber lohnt insbesondere der Blick auf Arbeitgeber, die nicht an der Börse notiert sind. Die beiden Wirtschaftsprüfer Ernst & Young und PricewaterhouseCoopers beispielsweise suchen jeweils 1200 neue Mitarbeiter, genauso wie Robert Bosch in Stuttgart. Und der Automobilzulieferer ZF Friedrichshafen, der in diesem Jahr mit einem Umsatzwachstum von zehn Prozent rechnet, braucht 1250 neue Mitarbeiter.

Der ZF-Vorstandsvorsitzende Hans-Georg Härter macht sich keine Sorgen, genügend qualifizierte Mitarbeiter in die Kleinstadt am Bodensee locken zu können: „Bei einem High-Tech-Unternehmen zu arbeiten – noch dazu in einer Region, wo andere Menschen Urlaub machen – ist auch für Top-Talente und angehende Führungskräfte reizvoll“, ist er überzeugt.

Doch es ist nicht nur die Zahl von 33.000 Top-Jobs, die Hoffnung macht. Eine ähnliche Umfrage startete die WirtschaftsWoche bereits dreimal. Anfang 2010 gab es doppelt so viele Praktikantenplätze wie feste Stellen, jetzt liegen beide etwa gleich auf. Mit der Krise verabschiedet sich offenbar auch die Generation Praktikum.

So rosig die Zeiten zweifelsohne sind – ganz ohne Eigeninitiative und Engagement geht es auch in diesem Jahr nicht. Wer seinen Traumjob ergattern will, braucht mehr als einen guten Hochschulabschluss und eine Handvoll Praktikumszeugnisse. Auch sollten sich Bewerber bei der Suche nicht bloß auf die üblichen Stellenanzeigen und Online-Jobbörsen verlassen. Passende Stellen werden heute auf anderen Wegen gefunden – insbesondere durch den Boom der sozialen Netzwerke.

71 Prozent der Unternehmen nutzen die Social-Media-Plattformen bereits gezielt für die Rekrutierung neuer Mitarbeiter, fand der Personalmanagement-Professor Thorsten Petry von der Wiesbaden Business School im vergangenen Jahr gemeinsam mit dem Online-Personalberater Talential heraus.

Stark im Web

Vor allem Facebook boomt als digitaler Vermarktungskanal. So macht dort beispielsweise der Maschinenbaukonzern MAN deutlich, dass vor allem„Persönlichkeiten gesucht“ werden, BMW und die Lufthansa bieten auf ihren Facebook-Karriereseiten potenziellen Mitarbeitern gleich eine Jobbörse und beantworten Fragen zu Bewerbungsverfahren.

Die Tatsache, dass die Unternehmen immer stärker im Web vertreten sind, lässt sich freilich auch noch anders nutzen. So wie im Fall von Michael van Laar.

Der 32-Jährige erhielt Ende Januar von seinem damaligen Vorgesetzten seine Kündigung – an einem Freitag. Van Laar ist jedoch nicht der Typ, der lange zaudert. Stattdessen schrieb er Dutzende von Kontakten beim sozialen Netzwerk Xing an, außerdem postete er die Nachricht bei Facebook und Twitter.

Es dauerte nicht lange, bis ihm enge Freunde und entfernte Bekannte Tipps und Kontaktadressen lieferten. Einer gab ihm den Hinweis, dass die Münchner PR-Agentur Talkabout noch einen neuen Mitarbeiter sucht.

Deren Geschäftsführer Mirko Lange hatte van Laar zwar noch nie persönlich getroffen, kannte ihn aber über das Internet. Einen Tag nach seiner Kündigung verabredeten sich die beiden im Facebook-Chat, am nächsten Montag trafen sie sich persönlich. Zwei Tage später bekam van Laar die Zusage.

Dieser Artikel ist zuerst erschienen auf www.wiwo.de 



Artikel teilen

Ihr Browser ist veraltet. Deshalb können Sie diese Webseite nicht korrekt darstellen!

Bitte laden sie einen dieser aktuellen, kostenlosen und exzellenten Browser herunter:

Für mehr Sicherheit, Geschwindigkeit, Komfort und Spaß.

Lade Seite...