Arbeitsmarkt Logistik: Karriere in der Container-Welt

Kaum eine Branche wächst so stark wie die Logistik. Und kaum eine sucht so dringend gute Leute. Es locken vielfältige Jobs und beste Perspektiven.

V. Boenisch, R. Helmling, A. Hansen | , aktualisiert

Anpacken, einpacken, auspacken. Auf den ersten Blick ist Logistik für viele nur der LKW, der auf der Autobahn wieder die Überholspur blockiert, oder der Paketbote mit der 24-Stunden-Buchbestellung. Lagern und liefern halt. Von den komplexen Prozessen dahinter weiß kaum einer was - was ja auch ein Zeichen erfolgreicher Logistik ist. Wer sein Wunschprodukt pünktlich und zuverlässig erhält, ob Postpaket nach Hause, Butter im Supermarktregal oder Fünftürer mit Sonderausstattung im Autosalon, der interessiert sich nicht für die Arbeit im Hintergrund. - Es sei denn, er sucht einen Job mit besten Zukunftschancen.

Logistik ist überall. Das ist eine so einfache wie weit reichende Wahrheit. Bevor etwa der neue Bestseller vom Online-Buchhändler versandt werden kann, haben zig Logistiker ihre Finger mit im Spiel: von der Kalkulation des weltweiten Papierbedarfs beim Holzanbau über die Organisation von Druckerei-Kapazitäten bis hin zur Planung von Lagerhallen und Vertriebswegen beim Verlag. Schon dieses, vermeintlich banale Beispiel zeigt, welcher logistische Rattenschwanz aus unterschiedlichen Jobs hinter Waren und Dienstleistungen steckt. Logistik, das ist die Aufgabe, die richtigen Komponenten zur richtigen Zeit am richtigen Platz zu haben. Vor allem in der Industrie. Daher gilt auch die Faustregel: Ein Prozent Wachstum der Weltwirtschaft bringt drei Prozent Wachstum bei der Logistik.

Die Folge: Logistik boomt. In den vergangenen Jahren ist der Umsatz der deutschen Logistikbranche um satte sieben Prozent gestiegen. Auch dieses Jahr soll das nach Schätzungen der Fraunhofer Gesellschaft so sein. Ob DHL, Schenker, Lufthansa, Kühne & Nagel, Duisburger oder Hamburger Hafen: Deutsche Logistiker sind international erfolgreich. Rund 210 Milliarden Euro setzte die Branche hierzulande 2007 um. Ein Rekordergebnis. Platz eins in Europa. Das hat zwar zur Hälfte mit Preissteigerungen, etwa bei Diesel und Maut, zu tun; das Wachstum des Reingewinns ist also geringer. Aber dennoch zeigt die Kurve auch dort weiter nach oben. Und: In kaum einer Branche werden so händeringend gut ausgebildete Fach- und Führungskräfte gesucht.

Zu wenige Akademiker

Zurzeit arbeiten in Deutschland bei den rund 60000 Logistik-Unternehmen 2,7 Millionenen Menschen. Nach Angaben der Bundesvereinigung Logistik (BVL) ist fast jeder Sechste davon Akademiker. Zu wenige, findet Peter Klaus von der Fraunhofer Gesellschaft: "Bei den Speditionen sind Akademiker traditionell wenig vertreten. Da gibt es großen Nachholbedarf." Die BVL meint, dass in der deutschen Logistik jedes Jahr mindestens 12000 neue Akademiker gebraucht würden. "Dabei reicht die Zahl derer, die von Hochschulen kommen oder von Firmen nachqualifiziert werden, bei weitem nicht", so BVL-Geschäftsführer Thomas Wimmer. "Wir haben eine Unterversorgung von 3000 bis 4000 Akademikern jährlich. Selbst ohne Wachstum!" Was für die Unternehmen kritisch wird, ist für Absolventen optimal.

Karsten Wenzel ist einer von ihnen. Um seine Zukunft braucht sich der 35-Jährige wohl keine Sorgen zu machen, wenn er im Herbst die FH Münster mit dem Logistik-Master verlässt. Sein Professor Franz Vallée wirbt: "Es gab bei uns noch keinen Absolventen, der nicht vor Ende des Studiums mindestens ein Jobangebot hatte." Karsten Wenzel bestätigt: "Die Firmen treten sogar mit Angeboten an den Lehrstuhl heran." Am liebsten würde er in der Logistik-Beratung arbeiten, etwa für Distribution oder Verkehrslogistik. Schon im Ingenieurs-Studium hat er sich auf Raumplanung spezialisiert, danach in der Stadtverwaltung im Verkehr gearbeitet. "Man wird kreativ gefordert und kann immer wieder seinen Horizont erweitern."

Wenzel ist so was wie der deutsche Vorzeige-Logistikstudent. Er gewann den größten Wissenswettbewerb für Logistikstudenten "Logistik Masters". In der Gesamtwertung siegte zum zweiten Mal die Uni Duisburg-Essen, die damit beste Logistik-Hochschule ist. Es gibt mittlerweile mehr als zweihundert Hochschulen, die Logistik-Studiengänge anbieten. Peter Klaus, selbst Professor an der Uni Erlangen-Nürnberg, spricht von einer "Explosion", warnt aber: "Viele der neuen Lehrangebote sehen wie hastig zusammengeschustert aus. Wo bloß ein Professor die Logistik betreut, kann keine umfassende Ausbildung erwartet werden."

Die Master-Studiengänge "Logistik Management" und "Technische Logistik" an der Uni Duisburg-Essen sind interdisziplinär angelegt, verbinden etwa gezielt Wirtschaftswissenschaften und Ingenieursstudium. Ein Schwerpunkt ist die enge, praxisnahe Zusammenarbeit mit Unternehmen. Auch bei der FH Münster. Kürzlich haben die Studenten hier die Logistik von Esprit organisiert: von der Produktion in Fernost bis zur filialgerechten Kommissionierung hier. Studiengangsleiter Vallée: "Früher gab es nur eine Winter- und eine Sommerkollektion. Heute sind wir schon bei zwölf, und in Zukunft werden es sogar 24 sein. Alle zwei Wochen wird dann in den Läden nahezu die komplette Kollektion getauscht - das verlangt logistische Perfektion." Der Studiengang in Münster ist von vier Unternehmen gestiftet; die zwanzig Studenten sind quasi handverlesen. "Man muss vor allem spannende Ideen mitbringen", so Vallée, "wir haben auch schon Leute mit Notendurchschnitt 1,4 abgelehnt und mit 2,4 genommen."

Karriere als Projektmanager

Ein Logistik-Studium ist der Königsweg. Für den Master sind Mathe, BWL, Informatik oder Maschinenbau die häufigste Vorbereitung. Aber zum Erfolg in der Branche gehört mehr: "Man braucht neben analytischem Verständnis vielseitige Sprachkenntnisse, interkulturelles Denkvermögen, Teamfähigkeit und Kreativität, wenn man logistische Probleme lösen und neue Ansätze entwickeln will", so Klaus Krumme, Geschäftsführer des Zentrums für Logistik und Verkehr der Uni Duisburg-Essen.

Klassischerweise macht man in der Logistik als Projektmanager Karriere, als Chef-Einkäufer, Materialflussplaner, Programmierer oder Consultant. "Die Absolventen, die in Zusammenarbeit mit uns an der Berufsakademie Lörrach ihren Betriebswirt in Logistik machen, werden uns von den Niederlassungen geradezu aus den Händen gerissen", erzählt Bettina Pick, Personalerin bei der Fiege Gruppe. Das Unternehmen beschäftigt weltweit 21000 Mitarbeiter. "Wer breit aufgestellt ist, operative und strategische Erfahrungen mitbringt und am besten noch im Ausland war, wird schnell Assistent eines Geschäftsführers oder Niederlassungsleiters und ein paar Jahre später vielleicht selbst schon Niederlassungsleiter", so Pick. Und auch ohne Studium bietet die Logistik gute Chancen, etwa als Fachkraft für Lagerlogistik. "Auch Speditionskaufleute sind zurzeit extrem nachgefragt", sagt Thomas Wimmer von der BVL.

Auch gut ausgebildete Akademiker ohne spezielles Logistikstudium werden gesucht, wenn sie "einen globalen Blick auf die Dinge haben", wie es Nils Haupt von der Lufthansa Cargo formuliert. "Ingenieure und BWLer beginnen bei uns zum Beispiel als Junior im Vertrieb oder im Logistikzentrum", so Haupt. Anfangsjahresgehalt zirka 30000 Euro. Aber auch der Quereinstieg ist möglich: "In unserer IT-Abteilung arbeitete auch schon ein ordinierter evangelischer Pfarrer." Rund 4500 Mitarbeiter hat Lufthansa Cargo weltweit als international zweitgrößtes Luftfrachtunternehmen.

Und das - Transport und Verkehr - ist ja nur die eine Seite der Logistik. Dass die Branche so stark wächst, hat zum einen mit der Globalisierung der Warenströme zu tun: am einen Ende der Welt planen, am anderen produzieren und rund um den Globus liefern. Der andere Grund ist der Trend der Firmen, weite Teile ihrer Warenorganisation und Produktion auszulagern: um Kosten zu sparen, aber auch, um qualifiziertes Know-how zu nutzen. So werden Logistiker zu Produzenten - Kontraktlogistik heißt das dann.

Mercedes in Einzelteilen

Die Firma BLG Logistics unterstützt beispielsweise den Bau des Mercedes CLC. Alle 2500 Komponenten von 250 verschiedenen Zulieferern werden bei BLG in Bremerhaven gesammelt. Je nachdem, wann wie viele Autos mit welcher Ausstattung bestellt werden, packt BLG die Teile passend zusammen und verschifft sie zum Werk nach Brasilien. Später werden die Autos wieder abgeholt und in Bremerhaven mit individuellem Zubehör bestückt: Navigationssystem hier, Ledersitze dort. Mit einem eigenen Führungskräfte-Förderprogramm hat man bei BLG mittlerweile auf die allgemeine Personalnot reagiert.

Auch globale Transport-Profis wie die Bahn-Tochter Schenker, die sogar Sondergüter wie etwa die Segelboote sämtlicher Olympia-Teilnehmer nach China bringt, setzen zunehmend auf neue Dienstleistungen. Für den Computerhersteller Fujitsu Siemens hat Schenker von Deutschland aus die europaweite Ersatzteillogistik übernommen, Lieferfähigkeit rund um die Uhr. Auch am Duisburger Hafen, der in sechs Jahren einen Arbeitsplatzanstieg um satte 50 Prozent auf 36000 hafenabhängig Beschäftigte verzeichnete, ist die Kontraktlogistik auf dem Vormarsch. Von Duisburg aus werden sämtliche Hewlett-Packard-Produkte nicht nur europaweit versandt, sondern auch verpackt, etikettiert und konfektioniert. So werden die eigentlichen Hersteller entlastet.

Durch solches Outsourcing entstehen vielleicht insgesamt nicht viel mehr Arbeitsplätze, aber die Wertschöpfung verlagert sich zu den Logistikern. "Selbst ohne Wirtschaftswachstum werden hier in den nächsten Jahren viele hundert Millionen Euro Geschäft umgeschichtet", prognostiziert Peter Klaus von der Fraunhofer Gesellschaft. Für Rationalisierungsexperten und Outsourcer sieht er daher beste Jobaussichten. Eng damit verknüpft ist die fortschreitende Elektronisierung. "Ohne IT-Komponenten ist heute nichts mehr planbar", so Logistik-Professor Franz Vallée. RFID, die scanbaren Radiofrequenz-Chips, sind ein oft genanntes Zauberwort unter Logistikern. Auf Paketen und Containern, an Werkstoren oder Fertigungsbändern ermöglichen sie nicht nur die weltweite Verfolgung und Statuskontrolle, sondern in Zukunft sollen sich die Waren an den Umschlagsorten selbstständig ihren Weg suchen. Damit das funktioniert, braucht es findige IT-Logistiker.

Und noch ein spannendes Wachstumsfeld gibt es. "Machen wir uns nichts vor, Logistik belastet die Umwelt", sagen viele Firmen. Daher "wird die Verschneidung von Informations-, Waren- und Energieströmen immer wichtiger", betont Klaus Krumme. Der Duisburger Logistik-Experte ist selbst Umweltwissenschaftler. "In der Industrie wie in der Stadtplanung braucht es neue Ideen für Energieeffizienz und Nachhaltigkeit." Die steigenden Rohölpreise, die sich gerade bei Speditionen über die Diesel- und Benzinpreise auswirken und mittelfristig zu Problemen führen können, verlangen neue Transport- und Logistikkonzepte. Bei seinem ersten Auftritt vor Logistikern wurde Krumme daher kürzlich begrüßt: "Das wird ja auch Zeit, dass sich Umweltwissenschaftler um die Logistik kümmern!"

Diese Wachstumsbranche ist so vielfältig wie die Welt, für die sie im Hintergrund die Strippen zieht.

Welt-Tor: Hamburger Hafen

Es ist nicht lange her, da stand auf dem roten Gebäude der HHLA noch "Hamburger Hafen und Lagerhaus AG". Neuerdings steht hinter dem "L" nur noch "ogistik". Das größte Hafenunternehmen Hamburgs gibt damit dem Trend einen Namen: Auch in den Häfen wird immer mehr die Logistik zum entscheidenden Faktor. Fast zehn Millionen Standardcontainer haben 2007 die Hamburger Kaikante passiert; 2015 sollen es bereits doppelt so viele sein. "Wir sind von der Rand- in eine Zentrallage geraten", erklärt Bengt van Beuningen von Hamburg Hafen Marketing. Seit der Wiedervereinigung und der EU-Osterweiterung "sind alle Märkte, die uns vorher verschlossen waren, wieder von hier bedienbar".

Kaum eine Reederei, die heute nicht auch Logistikleistungen anbietet. Und kaum eine, die nicht in Hamburg ein Büro hat: Neben der HHLA und den heimischen Reedereien wie Hapag-Lloyd und Hamburg-Süd haben auch die sieben großen Linienreedereien aus China, Japan, Korea und Taiwan ihren Europa-Sitz und eine eigene Logistik-Sparte hier. Insgesamt rund 160000 Menschen arbeiten daran, dass die Waren von A nach B gelangen. Bis 2015 sollen 14000 Arbeitsplätze und jährlich 17 Hektar neue Gewerbeflächen hinzukommen. "Da werden Nachwuchskräfte gesucht und gebraucht. Logistiker und Speditionsunternehmen benötigen in allen Feldern Verstärkung", erklärt van Beuningen. In einem überbetrieblichen Forbildungszentrum werden die Mitarbeiter regelmäßig auf den neuesten Stand der Entwicklungen gebracht.

Seit zwei Jahren hat Hamburg zudem das größte Standort-Netzwerk der Branche in Deutschland: In der so genannten Logistik-Initiative arbeiten die Stadt und 380 Unternehmen und Institutionen gemeinsam an neuen Ideen - damit Hamburg angesichts der rasant steigenden Warenmengen nicht vom Tor zur Welt zum Nadelöhr wird. Der ehemalige Wirtschaftssenator Gunnar Uldall wirbt: "Der Logistikstandort Hamburg ist auf dem besten Weg, die Nummer eins in Europa zu werden."

Mehr als Päckchen: DHL

Die DHL-Gründer Adrian Dalsey, Larry Hillblom und Robert Lynn - nach denen das Unternehmen benannt wurde - hatten 1969 eine weit reichende Idee. Per Flugzeug beförderten sie Unterlagen von San Francisco nach Honolulu. Dadurch konnte die Warenverzollung früher beginnen, die Wartezeit im Hafen und somit die Kosten der Kunden wurden erheblich reduziert. Aus dieser Idee entstand eine ganz neue Industrie: die Logistik. Heute hat das Unternehmen, das 2002 von der Deutschen Post übernommen wurde, 520000 Mitarbeiter in 220 Ländern. Allein in Deutschland entstehen jedes Jahr fast 3000 neue Arbeitsplätze. "Neben UPS ist DHL das weltweit umsatz- und personalstärkste Logistikunternehmen. In der Kontraktlogistik ist DHL sogar mit weitem Abstand Marktführer", so Peter Klaus vom Fraunhofer Institut. Er gibt aber zu bedenken, dass aufgrund der vielen Firmenzukäufe und der damit verbundenen Personalwechsel die Unternehmenskultur nicht so ausgeprägt sei wie bei anderen.

Das Unternehmen hält dagegen: Die Jobchancen seien momentan "exzellent", sagt Personalentwickler Walter Lindemann. Gesucht werden Bewerber aus ganz unterschiedlichen Disziplinen: Betriebswirte, Wirtschaftsingenieure, aber auch Mechatroniker. Während DHL das Expressgeschäft in den USA saniert und dort Arbeitsplätze gefährdet sind, stockt der Konzern in Deutschland weiter auf. Ende Mai wurde das 300 Millionen Euro teure Luftfrachtdrehkreuz am Flughafen Leipzig eröffnet. Schon jetzt hat der Standort 2000 Mitarbeiter, bis 2012 sollen weitere 3500 Arbeitsplätze hinzukommen. "Man muss sich in Deutschland nicht vor der Globalisierung verstecken", sagt Konzernsprecher Claus Korfmacher. "Auch hier kann man neue Arbeitsplätze schaffen." Wer bei DHL anfangen möchte, müsse belastbar und teamfähig sein. Und mehr als eine Sprache sollte man auch können. Auslandsaufenthalte sind wichtig. Die Note im Examen dagegen? Eher Nebensache.

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