Arbeitsmarkt Informatik: Endlich Licht

Der Arbeitsmarkt für Informatiker erholt sich. Die Anforderungen indes sind gestiegen: Neben technischem Know-how müssen die Spezialisten soziale Kompetenzen mitbringen, als Moderator und Integrator auftreten können und auch in Anwendungsbranchen zu Hause sein.

Ina Hönicke, Sabine Scheltwort, SLT | , aktualisiert

Montags um sieben Uhr sitzt Wilko Hein im Flieger von Hannover nach Zürich. Der Diplom-Informatiker, der für das französische Consulting-Unternehmen Capgemini arbeitet, ist auf dem Weg zu "seinem" Kunden. Seine Aufgabe: Abstimmung, Planung und Reporting einzelner Projekte. "Um das hinzukriegen", erklärt der IT-Berater, der bei Capgemini Managing Consultant heißt, "muss man mit allen möglichen Leuten zurechtkommen - mit dem Techniker genauso wie mit dem Chief Executive Officer."

Nach Jahren der Zurückhaltung stellen vor allem die Beratungen wieder ein. McKinsey, Boston Consulting Group, Accenture, Altran - sie alle suchen in nicht selten dreistelliger Dimension Absolventen aus dem Informatik-Bereich. Capgemini beispielsweise will 500 neue Mitarbeiter rekrutieren; 200 davon für den Bereich Consulting Services. Besonders gefragt sind Strategie-, Prozess- und Applikationsberater, außerdem Branchenfachleute der Sparten Hochtechnologie, Automobil, Telekommunikation, Energie, Chemie, Handel und Logistik. Die Ansprüche an die Bewerber allerdings sind aufgrund von Globalisierung, Outsourcing, Off- und Nearshoring durch die Bank gestiegen. Alle Personaler schauen inzwischen auch auf soziale Kompetenzen, Teamfähigkeit und Managementqualitäten. Die Beherrschung der englischen Sprache ist ebenso ein Muss wie die Fähigkeit, als Moderator und Gestalter aufzutreten.

Schon bei der formalen Bewerberauswahl achten die Recruiter auf Professionalität. Vermeintliche Äußerlichkeiten wie ein vollständiger Lebenslauf, ein ansprechendes Foto oder ein nicht zu großes Attachement bei der Online-Bewerbung können darüber entscheiden, auf welchem Stapel eine Bewerbung landet. Technisches Wissen und ein Verständnis für Softwareprozesse sind laut Informatik-Professor Manfred Broy zwar noch immer wichtig, aber für den Berufseinstieg nicht mehr allein entscheidend: "Absolventen müssen in der Lage sein zu managen. Oft sind die menschlichen Fragen die kritischen in Projekten. Wer hier geschickt agiert, hat gewonnen."

Nicht ohne meine Kollegen

Auch Wilko Hein zieht nicht als "lonesome cowboy" durchs Land, sondern gemeinsam mit 15 anderen Beratungskollegen. Der 30-Jährige liebt seinen Job: "Die Arbeit beim Kunden macht Spaß - nicht zuletzt, weil Teamarbeit oberste Priorität hat", erklärt er. Bei Problemen kann Hein sich mit den Kollegen besprechen oder auf die Wissensdatenbank von Capgemini zugreifen. "In der Beratung gibt es so gut wie keine Routine", meint der Informatiker, "sondern jeden Tag eine neue Herausforderung. Das macht den Reiz dieses Jobs aus." Trotzdem freut sich Wilko Hein freitags auf das häusliche Wochenende mit Frau und Kind - eine ganz andere Herausforderung.

Nicht nur Capgemini stellt IT-Spezialisten ein. Auch bei der für den Bereich Technology Services zuständigen Tochtergesellschaft sd&m steht eine Verstärkung des Mitarbeiterteams um 300 Kräfte an. Das Münchener Software- und Beratungshaus sucht vor allem junge Software-Ingenieure mit Hochschulstudium und einer breit angelegten Ausbildung sowie IT- Berater und Projektleiter. "Reisen ans Mittelmeer, um potenzielle Mitarbeiter zu locken, sind nicht unser Stil", erklärt Sissy Tongendorff vom Personalmarketing. sd&m setzt mehr auf gute Hochschulkontakte. So halten Mitarbeiter an ihren ehemaligen Ausbildungsstätten Vorlesungen, in den einzelnen Niederlassungen werden regelmäßig "Schnuppertage" veranstaltet.

Dass sich nicht nur Beratungen wieder mit Informatikern eindecken, bewies kürzlich eine Veranstaltung an der TU München. Über 40 Unternehmen präsentierten sich dort den Studenten, und sie hatten nicht nur zahlreiche Praktika und Diplomarbeiten, sondern auch offene Stellen im Gepäck. Zum großen Teil kamen die Unternehmen aus der Automobil- und Zuliefererindustrie.

Sichere Bank: SAP

Hört man sich bei den Unternehmen um, so können zwei Berufsgruppen mehr als alle anderen voller Zuversicht in die Zukunft schauen: Sowohl SAP-Berater als auch Sicherheitsfachleute stehen auf der Wunschliste der Personaler ganz oben. Besonders in der Fertigungsindustrie, in Software- und Beratungshäusern haben IT-Profis mit SAP-Wissen die besten Karten. Neben sozialen Kompetenzen wird von ihnen verlangt, dass sie sich mit der serviceorientierten Software-Architektur und Geschäftsprozessen auskennen. Personalchefs raten Absolventen, möglichst früh mit dem Thema SAP in Berührung zu kommen - etwa über eine Diplomarbeit oder ein Praktikum, auch wenn das häufig nicht bezahlt werde. "Die Erfahrung, die ein Bewerber dadurch erhält, ist nicht aufzuwiegen", betont Uwe Günzel, der bei Capgemini für das deutsche SAP-Geschäft tätig ist.

Für Sicherheitsexperten sind die Aussichten ähnlich gut. Ihre Zahl soll weltweit von heute 1,3 Millionen auf fast 2,2 Millionen im Jahr 2008 steigen. So lauten zumindest die Prognosen. In der "Global Workforce Study", an der rund 5.500 Entscheidungsträger aus der Wirtschaft teilnahmen, beurteilen die Security-Profis sowohl ihre Berufsaussichten als auch ihre Verdienstchancen als gut bis sehr gut.

Jetzt wird's wirklich besser

Viele Anzeichen sprechen dafür, dass der IT-Arbeitsmarkt sich nach den rauen Zeiten, als hoch qualifizierte Computerfachleute den Weg zum Arbeitsamt antreten mussten, tatsächlich endlich wieder erholt - wie es der Branchenverband Bitkom in Zweckoptimismus schon seit längerem verkündet. Für das vergangene Jahr hatte er bereits 10.000 neue Arbeitsplätze vorausgesagt. Letztlich sind daraus 4.000 geworden - bei 749.000 IT-Stellen insgesamt.

Entlassungswellen großen Stils bei IBM, Hewlett-Packard, der Deutschen Telekom und Siemens verhagelten dem Branchen-Protagonisten die Prognose. Dass es nicht noch schlechter aussah, ist laut Bitkom vor allem den mittelständischen Softwarehäusern und den Beratungshäusern zu verdanken. Präsident Willi Berchtold: "Der Mittelstand hat es geschafft, die Arbeitsplatzverluste der Großen zu kompensieren. Das lässt für die Zukunft hoffen." Ungeachtet dessen streben die Young Professionals laut einer Access-Umfrage immer noch zu den traditionellen Dickschiffen. Weder Beratungen noch kleinere Softwarehäuser stehen bei den jungen IT-Spezialisten oben auf der Favoritenliste.

Reumütig zurückgekehrt

Das Münchener Softwarehaus Softlab sucht kontinuierlich, wenn auch im bescheidenen Rahmen, nach qualifizierten Newcomern mit Informatik-Studium. "In Zeiten der New Economy war das gar nicht so einfach", erklärt Personalleiter Uwe Kloos. "Die jungen Leute wollten lieber zu einem jungen Startup-Unternehmen mit Frühstücksbuffet als zu einem in ihren Augen eher traditionellen Softwarehaus." Nach dem Zusammenbruch der New Economy habe sich diese Einstellung indes schnell geändert.

Schließlich hat die BMW-Tochter einiges zu bieten. Um den Fähigkeiten der Mitarbeiter besser Rechnung zu tragen, wurde ein eigenes Modell der "Jobfamilien" entwickelt. "Damit haben die Beschäftigten ihre Entwicklung ständig transparent vor Augen und sind entsprechend motiviert", sagt Kloos. Dass die Eingruppierung der Mitarbeiter vorranging von der eigenen Leistung abhängt, hält der 39-jährige Jürgen Veith, der zur Jobfamilie Professional Service Management gehört, für einen der größten Vorteile des Systems. So sei es möglich, dass ein Topentwickler den gleichen Level wie ein Abteilungsleiter erreichen kann. "Früher waren auf den hohen Laufbahnstufen ausschließlich Consultants, heute sind auch jede Menge Engineers zu finden", stellt Veith, inzwischen Leiter der Customer Relationship Management Application, zufrieden fest.

Die Betreuung der Mitarbeiter setzt bei Softlab aber schon früher an. Mit Hilfe des Integrationsmodells sollen sich die Einsteiger sofort nach Unterzeichnung des Vertrags zugehörig fühlen. So wurde Veiths erster Arbeitstag nicht nur durch die Pralinen im "Welcome-Package" versüßt. Sein Pate, der ihm 100 Tage zur Seite stand, überreichte ihm dazu einen Rucksack mit kleinen Willkommensgeschenken.

Realistische Gehälter

Mondpreise wie zu Zeiten des New-Economy-Booms zahlen Arbeitgeber heute nicht mehr. Die Gehälter wurden auf ein realistisches Maß zurückgestutzt. Laut aktuellem Gehalts-Check der IG Metall bekommen Absolventen bei den zwölf großen IT-, Automobil-, Elektro- und Telekommunikationskonzernen jährlich zwischen 39.000 und 44.000 Euro - je nachdem, ob sie ein FH- oder Universitätsdiplom in der Tasche haben. Ein Drittel der von Access befragten jungen ITler verdienten 2005 zwischen 40.000 und 50.000 Euro.

Nullrunden oder Beförderungen ohne Gehaltserhöhung gehören der Vergangenheit an, meint Martin Hofferberth, Manager bei der Unternehmensberatung Towers Perrin. Derzeit stellen die Unternehmen im Schnitt ein Gehaltserhöhungsbudget von 3,5 Prozent bereit. Hofferberth: "Für Top-Performer und Mitarbeiter mit wichtigen Fachkenntnissen wird ein größerer Topf bereitgestellt. Davon profitieren etwa Softwareentwickler mit speziellem Know-how."

In der Nische einrichten

Neben den klassischen Tätigkeitsbereichen haben sich in den vergangenen Jahren einige Nischen herausgebildet. Dazu gehören beispielsweise die Umweltinformatiker. Während die einen Schäden untersuchen, die die Natur angerichtet hat, versuchen andere, in den Unternehmen Umweltschäden durch die Produktion zu vermeiden und ökologisches Gedankengut zu fördern.

Zur Gruppe der Naturinformatiker gehört Heiner Igel, Projektleiter Internationales Qualitätsnetz Georisiken an der Uni München. Er untersucht mit seinen Mitarbeitern gefährdete Erdbebengebiete. Die Regionen seien zwar bekannt, erklärt er, nicht aber der Zeitpunkt der Katastrophe. Der Tsunami in Südostasien sei dafür beispielhaft gewesen. Umweltinformatiker müssen hart im Nehmen sein. "Das sollten nur diejenigen werden, die wetterfest sind und bereit, unter widrigen Umständen zu arbeiten."

Ob Bindestrich-Informatiker, SAP-Spezialist oder Consultant - in einem sind sich die Personalchefs sicher: Die Anwendungsfelder der Informationstechnologie sind so groß, dass es sich auch auf lange Sicht noch lohnen wird, Informatik zu studieren.

Tallinn, ich komme!

Als die IT-Firma Skype Karlheinz Wurm einen Job als Software-Entwickler in Tallinn anbot, schaute er erst mal im Atlas nach, wo das überhaupt liegt. Der Diplom-Informatiker hatte gerade sein Studium an der University of Connecticut beendet und sich bei einer Reihe von Unternehmen beworben. Während Marktriesen wie IBM oder SAP seine Anfrage erst Wochen später beantworteten, reagierte die Ebay-Tochter, die Kunden weltweit kostenlose Telefonie, Chats und Dateiübertragungen anbietet, innerhalb von 24 Stunden. In dem Tempo ging es weiter.

Der Software-Spezialist musste online eine Reihe von Tests bestehen und wurde von seinen künftigen Chefs interviewt. Drei Tage nach der Zusage saß er bereits im Flugzeug nach Estland. Kurz vor seiner Abreise hatte Wurm den Office Manager des Unternehmens vorsichtshalber noch nach der Skype-Kleiderordnung gefragt. Als er nur schallendes Gelächter erntete, wusste er: Seine Entscheidung war goldrichtig.

Seit Juli 2005 ist der 27-Jährige jetzt bei Skype Tallinn tätig und hat noch keinen Tag bereut: "Ich habe den idealen Arbeitgeber gefunden. Teamarbeit, Offenheit und Kommunikation werden hier ganz groß geschrieben." Wie wichtig die reibungslose Verständigung ohne Umwege ist, lässt sich erahnen, wenn man hört, dass Skype hier rund 150 Beschäftigte aus zirka 30 Nationen beschäftigt - weltweit sind es rund 250 Mitarbeiter.
Karlheinz Wurm liegt die Flexibilität, die sein Job erfordert. "Man muss sich ständig auf neue Situationen einstellen können", erklärt er.

"Alles ist möglich und reine Verhandlungssache"

Seine Aufgabe ist es, Hilfe-Tools zu programmieren, die bei der Fehlersuche helfen und diese Fehler später analysieren. Die Software müsse schließlich einfach zu bedienen sein. Den Rest des Tages verbringt er damit, Dokumentationen zu schreiben und sich permanent in Skype-Technologien weiterzubilden. Sowohl beim Programmieren als auch bei der Fehleranalyse kommt ihm das Informatik-Studium in Connecticut zugute. "Aber auch meine sehr guten Englischkenntnisse helfen mir hier. Allein deswegen hat sich der USA-Aufenthalt gelohnt."

Dass er überhaupt einmal in die IT-Welt einsteigen würde, stand nicht von vornherein fest. Zunächst hatte der Softwareexperte nämlich eine Schreinerlehre absolviert. Er wollte etwas Handfestes lernen. Als er sich dann aber zum Studium entschloss, kam für ihn nur Informatik in Frage. "Das Gebiet hat mich von klein auf fasziniert." Wenn Wurm an die Zukunft denkt, hat er ein gutes Gefühl. Die nächsten Jahre kann er sich auf jeden Fall noch in Tallinn vorstellen. "Diese wunderschöne Stadt hat so viele Gesichter wie Kneipen und Restaurants." Am Wochenende geht es entweder ab in die Natur oder in eine der nahen Städte: Helsinki, Riga oder Sankt Petersburg. Fazit des Deutschen: "Tolle Umgebung, nette Kollegen und ein interessanter und verantwortungsvoller Job - was kann mir Besseres passieren?"

Sollte es gar keinen Haken geben, nicht mal beim Gehalt? "Alles ist möglich und reine Verhandlungssache", ist Wurms salomonische Antwort. Aus dem Personalbüro ist zu hören, dass Gehälter auf lokalem Niveau gezahlt werden, aber mit den Gehältern der Software-Leute in Deutschland vergleichbar seien.

Großhirn an Kleinhirn

Okay, vorne zwei Scheinwerfer, außen zwei Rückspiegel - aber wie ein Auto, wie ein Mercedes gar, sieht das Ganze da auf dem Tisch nicht aus. Dabei ginge ohne dieses elektronische Innenleben überhaupt nichts. Wenn das Hirn ein falsches Signal sendet, kann es sogar lebensgefährlich werden. Damit im Daimler nicht der Airbag losplatzt, wenn der Fahrer den Zigarettenanzünder drückt, testet Stefanie Yvonne Hiller, wie sich die einzelnen Steuergeräte miteinander vertragen. Manchmal in 3.000 Variationen. Weil das per Hand viel zu lange dauern würde, schreibt die 25-Jährige sich für ihre Arbeit, "Hardware in the loop" genannt, ein Programm, das die Tests generiert.

Allein in diesem Mercedes müssen 39 Steuergeräte miteinander harmonieren, die von unterschiedlichen Zulieferern kommen: jedes einzelne in Ordnung, aber nicht unbedingt abgestimmt auf die anderen. Eine Weile hatte sogar jede winzige Funktion wie die Reifendruckkontrolle ein eigenes Steuergerät. Mittlerweile geht der Trend dahin, das Ganze zu entwirren, indem mehrere kleine Funktionen zusammengefasst werden. Essenzielle Komponenten wie Verriegelung und Licht sind schon da, wenn die Informatikerin mit dem Testen beginnt, andere muss sie simulieren. Drei Jahre vor Serienanlauf beginnt ihr Job. Sie und elf weitere Kollegen arbeiten an der S-Klasse. Das System läuft rund um die Uhr, auch am Wochenende ist jemand am Prüfstand, um die Tests zu checken.

Allein unter Männern

Hiller hat an der Berufsakademie Informatik studiert und bei Agilent Technologies ihre Praxisphasen gemacht. Weil es dort 2002, als sie ihren Bachelor of Science in der Tasche hatte, nicht so rosig aussah, bewarb sie sich bei Daimler-Chrysler. Der Konzern reichte ihre Mappe weiter an die Konzerntochter MBtech. Die Personalerin fragte sie einigermaßen entgeistert, ob sie sich das wirklich antun wolle, allein unter Männern. Sie wollte. Und ist sich nicht zu schade, auch mal einen Lötkolben in die Hand zu nehmen - "das soll man nicht den Jungs überlassen". Dafür verziehen die männlichen Kollegen ihr dann auch die Frage, wie es bei der S-Klasse denn mit dem Getriebe aussehe, und belehrten sie freundlich, dass diese PS-starken Autos nur mit Automatik produziert werden.

Stefanie Hiller hat ihren Arbeitsplatz bei Daimler, isst in der Kantine von Daimler, aber angestellt ist sie bei MBtech. 1995 wurde der Testbetrieb ausgegliedert, zu dem auch die Teststrecke in Papenburg gehört. Die wird ebenfalls von anderen Herstellern genutzt. Die sensibleren Tests des Innenlebens sind indessen allein dem hauseigenen Kunden DaimlerChrysler vorbehalten. Was umgekehrt nicht heißt, dass Daimler automatisch alle Aufträge an den Dienstleister MBtech vergibt. Und über den Preis wird natürlich auch immer wieder verhandelt. Die S-Klasse ist inzwischen in Serie gegangen, jetzt fallen nur noch ein paar Tests bei Änderungen an. Dafür liegen jetzt die Innereien der neuen E-Klasse auf dem Tisch - bereit, sich tausendfach testen zu lassen.

Die mit dem Roboter tanzt

Martina Hainz programmiert Industrieroboter. Manchmal müssen sie danach am Fließband stehen. Manchmal dürfen sie auch Porträts zeichnen oder tanzen.

Es blinkt vom Dach des Zentrums für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe. Ein Leuchtturmlicht dreht sich über dem Medienkunstmeer, mal schneller, mal langsamer. Entworfen hat die Installation "Revolutions per minute" der Künstler Ecke Bonk. Dafür, dass die Kunst technisch nicht auf Grund läuft, sorgt Martina Haitz. Die Informatikerin hat den Leuchtturm so programmiert, dass er sich in unterschiedlichen Geschwindigkeiten dreht. Zufallsgeneriert ändert er außerdem alle Viertelstunde den Blinkmodus - was ein echter Leuchtturm freiwillig nie tun würde.

Haitz ist Gastwissenschaftlerin am ZKM und hilft Künstlern, ihre Visionen in sichtbare Werke umzusetzen. Entweder im fremden Auftrag, wie bei Bonk. Oder im eigenen, mit ihrer Künstlergruppe Robotlab. Die befreit 42.000 Euro teure Industrieroboter von ihrer tristen Arbeit und bringt sie zum Tanzen, Singen oder Zeichnen. Beschränkte Roboter > Weil man davon allein - noch - nicht leben kann, lässt sich die 36-Jährige zwischendurch von Unternehmen engagieren, um Roboter zu programmieren. "Oft ist danach ein Arbeitsplatz verschwunden", erzählt sie nicht ohne Bedauern. "Aber man muss auch sagen, dass das oft keine schönen Arbeitsplätze waren." Denn Roboter sind immer noch ziemlich dumm und vor allem für monotone Handgriffe geeignet. So werden sie in der Regel auch programmiert: Bewege Arm rechts von Punkt A zu Punkt B und zurück.

Was Robotlab dagegen von ihnen will, verlangt eine äußerst aufwändige Programmierung. Für "Autoporträt" zum Beispiel wurde auf dem Roboter eine Kamera installiert. Am externen PC programmierte Haitz eine Gesichtskennung und entwarf ein Protokoll, damit sich der PC und das Innenleben des Roboters überhaupt verstehen. Der malt dann schließlich in feinen Bewegungen das individuelle Foto des Porträtierten ab. Zehn Minuten dauert das. "Es würde schneller gehen", sagt Haitz, "aber das soll schließlich keine Machbarkeitsshow sein."

Krakeln wie ein Mensch

Nicht den Grundmustern der Informatik folgen zu müssen, die immer den schnellsten Weg für den besten hält - das ist es, was Haitz an ihrer Arbeit reizt. "Hier stellen wir uns selbst immer neue Aufgaben und fragen uns dann, ob es überhaupt einen Weg gibt, sie zu lösen." Zum Beispiel die, einem Roboter Handschrift beizubringen, in der nicht jeder Buchstabe immer gleich aussieht, sondern wie in der menschlichen Handschrift stets leicht variiert.

1989 entschied Haitz sich für ein Elektrotechnik-Studium an der Berufsakademie - "ich fand toll, dass es da so schnell ging". Doch was ihr zuerst als Vorteil erschien, stellte sich rasch als Nachteil heraus. "Wir haben zwar gelernt, wie etwas geht, aber nicht, warum etwas geht. Mir ging es einfach nicht genug in die Tiefe. Außerdem hatte ich mit 22 noch nicht das Gefühl, fertig zu sein." Deshalb schloss Haitz ein Informatik-Studium an und wählte die Vertiefungsrichtung Robotik. "Das ist superspannend, weil ich etwas Haptisches in 3D mache. Simulationen sind doch etwas ganz anderes als die reale Welt, weil man dabei oft die Randbedingungen vergisst."
Bei einem Praktikum an der Hochschule für Gestaltung begegnete ihr eine Künstlergruppe, die gerade jemanden für die technische Umsetzung einer Idee brauchte. So schrieb Haitz ihre Diplomarbeit, mit dem Segen ihres Robotikprofessors, am ZKM.

Anfang 2000 gründete sie mit zwei Künstlern ihre eigene Gruppe, das Robotlab. Die brauchte für ihre Ideen Industrieroboter - völlig unbezahlbar. Also stellten die drei beim Hersteller Kuka ihren Plan vor. Dort war man erst mal skeptisch - "die Mitarbeiter haben befürchtet, dass sie uns fachlich unterstützen müssen". Martina Haitz überzeugte sie davon, dass sie vom Fach ist, und Kuka lieh einen zwei Tonnen schweren Roboter aus. Das Riesending aber passte in keinen Raum im ZKM, außer ins Foyer. Also arbeiteten die drei unter den neugierigen Augen der Besucher. "Das war eine Art offenes Labor. Ich musste erst mal lernen, wie die Programmierung funktioniert, Sensoren anschließen, Anschlusskabel legen." Dann hat sie dem Roboter zum Beispiel ein Messerspiel und einige Tanzschritte beigebracht. Einmal kam ein Techniker von Kuka vorbei - "der hat sich gefreut, dass ein Roboter endlich mal machen darf, was er will".

"Die Anfragen kommen inzwischen von allein"

Nach sechs Wochen war Schluss mit lustig, heute macht der Roboter am Fließband Dienst nach Vorschrift. Für die Gruppe aber war dies der Einstieg in immer neue Projekte, die sie nicht nur in Museen zeigen, sondern auch auf Aktionärsversammlungen oder Messen. "Die Anfragen kommen inzwischen von allein, und das aus aller Welt", berichtet Haitz stolz. Im Januar reiste ein Roboter zum Kongress für Hirnforschung in Rom, ein anderer nach Dublin. Auf dem Wired-Nextfest-Festival in Chicago waren sie schon, in Südkorea, Dänemark, Italien, Belgien und Frankreich.

Ihre beiden männlichen Robotlab-Kollegen verstehen sich als Künstler. In der Technik "bin ich ganz auf mich allein gestellt", sagt Martina Haitz. "Wenn ich mich fachlich austauschen will, rede ich mit meiner kleinen Schwester. Die macht gerade ihren Master in Informatik." Zwei Patente sind bei der künstlerischen Arbeit schon abgefallen. Und auch die anfangs skeptischen Kuka-Ingenieure hat Haitz überzeugt. Das Unternehmen schenkte Robotlab zu Weihnachten 2005 zwei bisher ausgeliehene Industrieroboter. Die müssen nun nie wieder ans Band, sondern dürfen sich austoben, als DJ, Tänzer oder Freihandzeichner.

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