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Arbeitsmarkt Informatik: Auf Erfolg programmiert

Nicht überall, wo IT draufsteht, sind Diplom-Informatiker drin. Doch es werden immer mehr. Wer neben praktischen Programmierkenntnissen auch seine Theorie beherrscht, hat gegenüber Quereinsteigern mit und ohne Diplom die Nase vorn.

Kirstin von Elm | , aktualisiert

Auf den ersten Blick haben Bastian Schwittay und Magnus Kalkuhl viel gemeinsam. Beide sind Experten für IT-Sicherheit. Beide sind seit wenigen Monaten bei Top-Adressen unter Vertrag: Schwittay als Sicherheitsberater beim US-Konzern Symantec, Kalkuhl als Viren-Analyst beim russischen Konkurrenten Kaspersky Lab. Damit enden die Gemeinsamkeiten auch schon. Denn ihr Werdegang unterscheidet sich fundamental. Der 25-jährige Schwittay hat sein Informatikstudium an der RWTH Aachen mit Topnoten abgeschlossen. Seine Diplomarbeit über neue Methoden der Computerforensik verfasste er bei Symantec, was ihm prompt einen Arbeitsvertrag einbrachte.

Der Autodidakt Kalkuhl dagegen bekam mit acht Jahren einen Commodore 64 geschenkt, fortan wollte er nur noch programmieren. Als er 17 war, prophezeite ihm die Klassenlehrerin, dass "dieser ganze Computerkram" keine Zukunft hätte, mit 18 schmiss Kalkuhl die Schule und fing an, professionell Software zu programmieren. Schon bald entwickelte er als freier IT-Consultant Sicherheitskonzepte für Unternehmen wie Mastercard oder Unilever. Im April vergangenen Jahres wurde Kaspersky auf den fähigen Praktiker aufmerksam. "Leute, die sich richtig gut mit Sicherheit auskennen, sind schwer zu bekommen", sagt Magnus Kalkuhl. "Viele der studierten Kollegen können später sowieso nichts aus ihrem Studium anwenden."

Extraportion Theorie

Das sieht Diplom-Informatiker Schwittay anders: "Ohne einen fundierten, theoretischen Background von der Uni wäre meine Arbeit kaum möglich." Schließlich werden die Probleme, welche die Informationstechnologie lösen soll, immer komplexer: weltumspannende Firmennetze absichern oder das menschliche Genom entschlüsseln, Milliarden von Dokumenten durchforsten oder am Rechner einen Flugzeugcrash simulieren. Fächer wie numerische Mathematik, Wahrscheinlichkeitsrechnung oder analytische Geometrie kämen Studenten und Berufsanfängern zwar zu theoretisch vor, weiß Professor Matthias Jarke, Leiter des Lehrstuhls für Informationssysteme und Datenbanken an der RWTH Aachen. Jedoch gibt Jarke, der neben seiner Professur auch als Präsident der Bonner Gesellschaft für Informatik (GI) tätig ist, Praktikern wie Kalkuhl zu bedenken: "Spätestens beim nächsten Technologiesprung merkt man, dass man nur durch diese Grundlagen die Chance hat, immer up to date zu bleiben."

Mehr Nachwuchs, bitte

Angesichts rückläufiger Studentenzahlen sorgt sich die Informations- und Kommunikationsbranche lautstark um ihren Nachwuchs. "Die Hightech-Industrie sucht dringend nach Informatikern und Ingenieuren", klagt der Präsident des Branchenverbandes Bitkom, Willi Berchtold. Kaum ein anderes Fach leidet unter einem ähnlichen Schwund wie die Informatik. Weit überdurchschnittliche 57 Prozent aller Informatikstudenten an der Uni und 45 Prozent an der FH brechen laut Hochschul-Informations-System HIS ihr Studium ab oder wechseln den Fachbereich. Seit dem Boomjahr 2000 ist auch die Zahl der Studienanfänger im Fach Informatik um rund 30 Prozent eingebrochen. "Unterstellt man weiterhin eine Ausstiegsquote von rund 50 Prozent, verlassen bald weniger als 14.000 Informatikabsolventen pro Jahr die Hochschulen", rechnet Willi Berchtold vor. Den zukünftigen jährlichen Bedarf der Wirtschaft schätzt der Bitkom jedoch auf rund 20.000 Abgänger.

Richten sollen es die neuen Hochschulabschlüsse. "Im Moment findet überall die Umstellung vom klassischen Diplom auf Bachelor- und Masterstudiengänge statt", erläutert GI-Präsident Matthias Jarke. Der Vorteil: Mit dem Bachelor können praxisorientierte Studenten bereits nach sechs Semestern in den Job starten. Wer eine wissenschaftliche Karriere oder eine Managementposition in der Wirtschaft anstrebt, sattelt vier Semester bis zum Master of Science drauf. 2005 verließ bereits knapp jeder fünfte Informatikstudent die Hochschule mit einem der neuen Abschlüsse in der Tasche.

Beratung lockt

Für gute Absolventen sind die Arbeitsplatzchancen wieder erfreulich. Nach der großen Krise um das Jahr 2000 und der anschließenden Katerstimmung verzeichnet die Bundesagentur für Arbeit seit zwei Jahren einen deutlichen Anstieg der Stellenangebote: "Wir merken das auch an der enorm gestiegenen Firmenpräsenz bei den Hochschulveranstaltungen", bestätigt GI-Präsident Jarke. Vor allem die Softwarebranche und große Beratungshäuser suchen massiv. McKinsey etwa meldet für 2007 rund 200 offene Stellen, von denen mindestens ein Drittel mit technisch oder naturwissenschaftlich ausgebildeten Mitarbeitern besetzt werden soll. Ernst & Young hat jährlich etwa 50 Positionen im IT-Bereich zu besetzen. Unternehmenssprecher Dag-Stefan Rittmeister nennt Sicherheitslösungen und Datenqualität als wichtige Beratungsthemen.

Die Unternehmensberatung Accenture will im Geschäftsjahr 06/07 im deutschsprachigen Raum sogar 1.000 neue Mitarbeiter einstellen, davon ein Großteil im IT-Bereich: "Speziell für die IT-Beratung und den Bereich Technology Solutions, der auf die praktische Programmierung und Implementierungen spezialisiert ist, suchen wir Informatiker", erläutert Simone Franz, Leiterin des Personalmarketings.

Englisch und Codes fließend

"Ich war anfangs überrascht, dass im Consulting-Bereich auch programmiert wird", sagt Diplom-Informatiker Ulrich Besel. Seit zwei Jahren arbeitet der 32-Jährige als Berater für Financial Services bei Accenture. Vor seinem Studium an der Fachhochschule München hat der gelernte Kommunikationselektroniker im Rechenzentrum einer Bank gearbeitet. Als Projektleiter sind seine Programmierkünste inzwischen zwar weniger gefragt, doch um erfolgreich ein Programmiererteam zu leiten, "muss man das selbst mal gemacht haben", findet Besel. Gefragt sind in Leitungspositionen vor allem Team- und Kommunikationsfähigkeit, Englisch ist selbstverständlich. Das nötige Wirtschaftswissen hat sich Besel bereits an der FH im Rahmen der Vertiefungsrichtung Wirtschaftsinformatik angeeignet.

Bindestrich-Boom

Gerade die so genannten Bindestrich-Studiengänge erleben einen regelrechten Boom (siehe Grafik rechts). Beispiel Jeanette Cordes: Die Erfolgschancen einer Lebertransplantation könnte die 26-Jährige inzwischen wohl beinahe so zuverlässig abschätzen wie ein angehender Chirurg. Im Rahmen eines staatlich geförderten Forschungsprojekts hat sie an der Universität Magdeburg einen virtuellen Operationstrainer (www.liversurgerytrainer.de) mitentwickelt, der Patientendaten in plastische 3D-Bilder umsetzt.

Cordes hat in Magdeburg das Spezialfach Computervisualistik studiert und sich schon frühzeitig auf medizinische Anwendungen spezialisiert: "Menschen zu helfen, macht die Sache viel greifbarer", findet die junge Wissenschaftlerin. Vor allem Anwendungsfelder wie Medizin oder Biologie begeistern immer mehr Frauen für die bisherige Männerdomäne Informatik. Während in der klassischen Informatik die Frauenquote bei mageren 14 Prozent liegt, bringt es die junge Bio-Informatik auf das Doppelte. In der medizinischen Informatik sitzen sogar schon mehr als ein Drittel Studentinnen im Hörsaal.

Fette Gehälter

Ausgestattet mit dem richtigen Anwendungswissen können sich Diplom-Informatiker ihre Fachkenntnisse auch außerhalb der IT-Branche vergolden lassen. Zum Beispiel in der Pharmaforschung: Bei Sanofi-Aventis in Frankfurt analysiert Daniel Ziemek Proteine am PC. Das lohnt sich nicht nur für den Pharmariesen, der so schneller neue Wirkstoffe findet, sondern auch für den 31-jährigen Informatiker mit Doktortitel. "Branchen, die traditionell überdurchschnittlich zahlen, wie Chemie, Pharma oder Banken, bieten auch im IT-Bereich die attraktivsten Gehälter", bestätigt Gehaltsexpertin Anna Wiestler von der Personalberatung Towers Perrin. In der Pharmaindustrie verdienten Einsteiger in der IT-Entwicklung bis zu 48.000 Euro im Jahr. Quer durch alle Branchen liegt der Schnitt bei 44.000 Euro.

Kreative Entwicklungsarbeit wird überall besser bezahlt als reine Systempflege. "Mit zunehmender Berufserfahrung klafft die Schere immer weiter auseinander", weiß Personalexpertin Wiestler. Den Teamleiter Entwicklung mit einem Jahresbrutto von 89.000 Euro trennen bereits 13.000 Euro von seinem Kollegen in der Netzwerk-Administration mit 76.000 Euro Jahresgehalt. Kreative Problemlösungen sind auch von Daniel Ziemek gefragt. Statt einzelner kleiner Ausschnitte sieht er mit Hilfe von Statistik und mathematischen Modellierungen das große Ganze. "Vor ein paar Jahren haben die Biologen hier noch selbst mit ihrem PC gekämpft", erzählt Ziemek. Heutzutage herrscht im Frankfurter Labor eine klare Arbeitsteilung: Die meisten seiner Kollegen zähmen lieber Proteine und überlassen die Domptage des Computers dem versierten Profi.

Porträts

Tumor im Visier 
Elena Bauer hilft Ärzten bei der Strahlentherapie.

Für Elena Bauer zählt jeder Millimeter. Die 26-jährige Diplom-Informatikerin arbeitet in der Abteilung Onkologie beim Medizintechnikunternehmen BrainLab in München. Gemeinsam mit zehn Kollegen entwickelt sie computergestützte Positionierungssysteme für die präzise Bestrahlung von Krebspatienten: "Bei der Strahlentherapie kommt es darauf an, den Tumor möglichst genau zu treffen", erläutert Elena Bauer. Schließlich soll das gesunde Gewebe nicht beschädigt werden, besonders wenn es sich um lebenswichtige Organe handelt. Weil ein Teil der Strahlung meist "daneben geht", wird die Dosis eher niedrig angesetzt. In der Regel müssen Krebskranke deshalb über einen Zeitraum von mehreren Wochen rund 25 bis 30 Behandlungen über sich ergehen lassen. Mit der BrainLab-Technologie lassen sich Krebsgeschwüre dagegen auf den Millimeter genau ins Visier nehmen.

Mittels hochauflösender Röntgenstrahlen lokalisiert das System zunächst den Tumor und richtet den Behandlungstisch anhand der ermittelten Daten exakt aus. "Das dauert nur wenige Minuten", betont Elena Bauer, die das System vor wenigen Wochen erstmals live getestet hat. Im Büro in München arbeitet sie mit so genannten Phantomen, also naturgetreuen Nachbildungen verschiedener Körperteile. Zur Medizintechnik kam die Absolventin der Uni Erlangen durch ihre Diplomarbeit, bei der es um die grafische Darstellung von Durchblutungsstörungen der Niere ging: "Sinnvolle Anwendungen zu entwickeln, die anderen Menschen helfen, finde ich super."

Steilvorlage für Ballkünstler
Andreas Zack programmiert das PC-Spiel Fußball-Manager.

Wer bringt eigentlich Trainern und Spielern das Sprücheklopfen bei? "Zu Hause liegt unsere Heimspielstärke" oder "Das Runde muss ins Eckige" klingt doch, als hätte das jemand programmiert. Stimmt, und zwar Andreas Zack. Beim Entwicklungsstudio Bright Future in Köln haucht der 30-jährige Diplom-Medieninformatiker virtuellen Kickern Leben ein. Ein 20-köpfiges Team, darunter Grafiker, Psychologen, Physiker und Informatiker mit und ohne Diplom, entwickeln für den internationalen Spieleanbieter Electronic Arts das PC-Spiel Fussball-Manager, das soeben mit dem Deutschen Entwicklerpreis als bestes Sportspiel 2006 ausgezeichnet wurde. Je nach Gusto können Fußballfans sich am heimischen PC als Fußball-Manager ihre prominente Traum-Elf zusammenstellen oder den eigenen Verein aus der Kreisliga auf Weltklasseniveau hieven. Wie im richtigen Fußballer-Leben gilt es Talente einzukaufen, Mannschaften zu formen, Sponsoren zu werben, das Stadion zu verschönern oder Fans und Presse bei Laune zu halten.

Damit nicht genug, haben Zack und Kollegen den Fußball-Managern auch noch ein aufreibendes Privatleben verpasst: Vom Golfen mit dem Präsidenten geht's zum Kicken mit dem Junior - schließlich soll Sohnemann irgendwann in der ersten Liga spielen. Ursprünglich wollte Andreas Zack zum Fernsehen und schrieb sich deshalb für Medien-Informatik an der FH Wedel ein. Während des Studiums ergaben sich durch Praktika und Diplomarbeit jedoch gute Kontakte zur Agentur- und Spieleszene. Mit dem Diplom in der Tasche stieg Zack 2001 bei VCC Entertainment ein und programmierte dort zwei Jahre das RTL-Skispringen. Nach dem Verkauf der Spieleabteilung wechselte er als Programmierer in ein Hamburger Animationsstudio. Seit 2006 ist er bei Bright Future in Köln und arbeitet dort Tür an Tür mit den Kollegen von Electronic Arts. "Sonst wird fast alles in Kanada entwickelt, aber der Fussball-Manager ist ein relativ deutsches Produkt", erklärt Zack. Ins Ausland zieht es ihn persönlich weniger - schließlich hat er zu Hause in puncto Fußball ja auch einen klaren Heimvorteil.

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