Arbeitsmarkt Der nächste Vertrag wartet schon

Trotz des Fachkräftemangels erhalten auch hochqualifizierte Arbeitnehmer oft nur befristete Arbeitsverträge. Viele der Betroffenen entwickeln deshalb eine "Legionärsmentalität". Sowohl die Arbeitgeber als auch die Volkswirtschaft spüren die Folgen.

Dana Heide / wiwo.de | , aktualisiert

Über Steffen Helke schwebt ein Damokles-Schwert – und das schon seit acht Jahren. Der promovierte Ingenieur hat noch nie in seinem Leben eine normale Anstellung gehabt, sondern war immer nur „atypisch“ beschäftigt, wie Ökonomen es nennen. Für ihn hieß das: Erst eineinhalb Jahre befristet angestellt, dann fünf Jahre, dann zwei Jahre, und auch sein jetziger Arbeitsvertrag läuft nur noch bis 2012. Was dann kommt, weiß der 37-Jährige nicht. 

So wie Steffen Helke geht es immer mehr Arbeitnehmern. Rund acht Prozent aller abhängig Beschäftigten haben nach den letzten verfügbaren Zahlen aus dem Jahr 2008 nur eine befristete Stelle, zwei Prozentpunkte mehr als zehn Jahre zuvor. Vor allem junge Menschen sitzen auf einem Schleudersitz: Mehr als ein Viertel der 15- bis 25-jährigen Angestellten und 13 Prozent der 25- bis 35-Jährigen haben nur einen Vertrag auf Zeit. Und nach der gerade überstandenen Rezession sind die Unternehmen – trotz wieder prall gefüllter Auftragsbücher – derzeit so vorsichtig, dass sie rund 50 Prozent aller neuen Stellen vorerst nur befristet vergeben.

Auch Akademiker sind betroffen

Dabei trifft es bei weitem nicht nur ungelernte Arbeitnehmer. Steffen Helke etwa ist weder Erntehelfer noch Reinigungskraft, sondern entwickelt an der TU Berlin hochkomplexe Software. Trotzdem hat er es nicht geschafft, einen unbefristeten Arbeitsvertrag zu bekommen. Gerade Universitäten beschäftigen wissenschaftliche Mitarbeiter gern befristet, weil sie dann flexibler ihre Forschungsschwerpunkte ändern können. Außerdem werden immer mehr Stellen mit Drittmitteln finanziert, die oft an zeitlich begrenzte Projekte gebunden sind. Helke versucht, seine Situation pragmatisch zu sehen: „Es ist eben nicht mehr wie früher, als man eine Stelle sein Leben lang hatte.“

Mehr als ein Drittel aller befristet Beschäftigten arbeiten im Bereich der öffentlichen und privaten Dienstleistungen, darunter fallen etwa die Gebiete Erziehung und Unterricht, Sozial- und Gesundheitswesen. So sind zum Beispiel 74 Prozent der wissenschaftlichen Mitarbeiter an Hochschulen nur auf Zeit angestellt. Auch viele junge Ärzte etwa müssen lange warten, bis sie zum ersten Mal einen unbefristeten Vertrag unterschreiben können. Insgesamt hatten im Jahr 2008 rund 715 000 Hochqualifizierte nur einen befristeten Job – 28 Prozent mehr als 1998.

(Artikel zuerst erschienen auf WirtschaftsWoche Online wiwo.de)

Auch Anne Kreifels gehört dazu. Als die 27-Jährige im November vergangenen Jahres ihr Medizinstudium abschloss, bekam sie einen zunächst auf neun Monate befristeten Job an einer Uniklinik angeboten. Trotzdem war sie froh über diese Chance. Sie will Kinderärztin werden, und dieser Bereich sei eben sehr beliebt, sagt sie. Inzwischen wurde der Vertrag bis Juni 2011 verlängert, immerhin. Doch viele Akademiker haben den Glauben an einen sicheren Job verloren – und verlassen das Land. Auch Kreifels und einige ihrer ehemaligen Kommilitonen haben darüber nachgedacht, Deutschland den Rücken zu kehren. In anderen Ländern seien die Arbeitsverhältnisse zwar auch oft befristet, aber da sei wenigstens die Bezahlung besser, erklärt sie.

Folgen für die Volkswirtschaft

Den Trend zur Auswanderung bestätigt ein Blick auf die Statistik: Im vergangenen Jahr kehrten mehr Menschen Deutschland den Rücken zu, als kamen. Nach einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung ist der durchschnittliche Auswanderer eher jung und hat einen akademischen Abschluss. Und in einer Umfrage des Wirtschaftsforschungsunternehmens Prognos unter ausgewanderten deutschen Fach- und Führungskräften gaben 68 Prozent an, dass bessere Berufs- und Einkommensperspektiven einer der ausschlaggebenden Gründe für den Abschied aus Deutschland gewesen sei.

Doch nicht nur der Verlust an Humankapital ist ein Problem für die Volkswirtschaft. Wer sich über Jahre hinweg mit befristeten Jobs durchschlagen muss, hält sein Geld lieber zusammen, als es auszugeben. Die Gesellschaft für Konsumforschung schätzt, dass von Arbeitslosigkeit bedrohte Haushalte rund zehn Prozent weniger konsumieren als jene mit sicheren Einkommen. Und schließlich drohen auch Qualitätsverluste bei der Arbeit. „Bei befristeten Beschäftigungsverhältnissen schleicht sich oft eine Legionärsmentalität ein“, warnt Walter Bungard, Inhaber des Lehrstuhls für Wirtschafts- und Organisationspsychologie an der Universität Mannheim. Der Mitarbeiter sei weniger loyal, das Engagement sinke.

Wer beispielsweise an einer Hochschule eine Vorlesung nur ein oder zwei Semester halten darf, hat weder einen Anreiz für gehaltvolle Vorträge noch ausreichend Gelegenheit, didaktische Mängel beim nächsten Mal abzustellen. Der ständige Kampf um einen Anschlussvertrag kostet zudem Zeit und Nerven. „Und wenn ein Mitarbeiter ein Unternehmen verlässt, geht auch immer Erfahrungswissen verloren. Die Einarbeitungszeit für neue Leute ist oft lang“, sagt Psychologe Bungard.

Aber es gibt auch die andere Seite. Gerade in wirtschaftlich unsicheren Zeiten bietet die befristete Jobs für Arbeitgeber ein ökonomisches Ventil, das ihnen einen flexiblen Personaleinsatz erlaubt. Ein Job mit Verfallsdatum ist besser als gar keiner, und für viele Arbeitnehmer bietet er ein Sprungbrett in eine dauerhafte Anstellung: Immerhin fast die Hälfte aller befristeten Arbeitsverträge sind im vergangenen Jahr nach deren Ende „entfristet“ worden.

Ob eine Anstellung auf Zeit zu einer dauerhaften wird, hängt davon ab, wie das Unternehmen die befristete Beschäftigung nutzt. Für Unternehmen im verarbeitenden Gewerbe dient die Befristung gern als verlängerte Probezeit, weiß IAB-Forscher Walwei, dort sei die Übernahmequote überdurchschnittlich. Im öffentlichen Dienst hingegen wird die Anstellung auf Zeit genutzt, um auf Arbeitsschwankungen flexibel zu reagieren.

„Den Mitarbeitern wird dort im Vergleich zur Privatwirtschaft nur sehr selten gekündigt, wenn jemand einmal unbefristet angestellt ist, bleibt er auch auf der Stelle,“ erklärt Christian Hohendanner vom IAB. Deshalb sei die befristete Beschäftigung das einzige flexible Instrument, was die Arbeitgeber dort zur Verfügung haben. Und das nutzen sie auch: Nach den aktuellsten Auswertungen waren 2006 67 Prozent aller Neueinstellungen in der öffentlichen Verwaltung befristet. Dagegen wurden dort nur weniger als ein Viertel der Mitarbeiter mit befristeten Verträgen in unbefristete übernommen.

Die Lage für Hochqualifizierte könnte sich als Folge des demografischen Wandels künftig etwas entspannen. „Es wird künftig immer schwieriger für die Unternehmen, Fachkräfte zu bekommen und zu halten“, sagt Walwei. Sie müssten deshalb entsprechend reagieren – und den begehrten Arbeitskräften stabilere Verhältnisse bieten als heute. Darauf hofft auch Steffen Helke. Er hat genug von der Wissenschaft – und will demnächst in der privaten Wirtschaft nach einem dauerhaften Job suchen.

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