Arbeitgeber Voller Energie: Eine Branche im Aufbruch

Neue Kraftwerke bauen, alte Stromnetze modernisieren, saubere Energiequellen anzapfen oder Emissionsrechte kontrollieren - in der Energiebranche gibt es viel zu tun. Wer einen der Top-Jobs will, muss in die richtige Ausbildung investieren.

Kirstin von Elm | , aktualisiert

Mit Beschattung kennt sich Sarah Aldenpaß bestens aus. Die 25-jährige Diplom-Ingenieurin arbeitet aber nicht etwa beim britischen Geheimdienst, sondern beim dänischen Windenergie-Anlagenhersteller Vestas. In Husum an der deutschen Nordseeküste sitzt die Vertriebs- und Servicezentrale Central Europe des Weltmarktführers für Windkraftanlagen. Im Team Produktmanagement ist Aldenpaß zuständig für den technischen Support: "Investoren, die irgendwo im deutschsprachigen Raum, in den Niederlanden oder in Osteuropa eine Windenergieanlage errichten wollen, wenden sich mit technischen Detailfragen an uns", erklärt sie ihren Job.

Welche technischen Anforderungen stellen beispielsweise die großen Energieversorger, damit der Windstrom in ihre Netze eingespeist werden darf? Müssen nahegelegene Gebäude vor Lärm oder Schatten durch die rotierenden Riesenmühlen geschützt werden? Bei Bedarf programmiert die junge Ingenieurin dann zum Beispiel ein so genanntes Schattenabschaltmodul. Je nach Wetterlage und Sonnenstand werden die Windräder damit automatisch gestoppt.

Nicht nur technisches Know-how ist gefragt

Doch nicht nur technisches Know-how ist für den Job gefragt: "Momentan beschäftige ich mich vor allem mit Wettbewerbsanalysen", sagt Aldenpaß. Von Deutschland aus will Vestas verstärkt die noch jungen Märkte im Osten Europas erschließen. Als Hersteller von technisch hochwertigen Windenergieanlagen ist Vestas überzeugt, dass gesundes Wachstum in dem innovativen und überdurchschnittlich erfolgreichen Windenergiemarkt nur durch engagierte und qualifizierte Mitarbeiter erreicht werden kann. Da passt es gut, dass die Absolventin der FH Kiel im Rahmen ihres Studiums Technologiemanagement & Marketing nicht nur elektrische Energietechnik gebüffelt hat, sondern zusätzlich auch BWL.

Die Anforderungen sind gewachsen. Produktmanager und Vertriebsingenieure müssen heute nicht nur Marktpotenziale für erneuerbare Energien kalkulieren oder mögliche Investoren von der Wirtschaftlichkeit eines Windparks überzeugen. Sie müssen auch den "Return on Investment" und die technische Leistung einer Anlage berechnen. Auch Projektleiter, die den Bau oder die Modernisierung eines konventionellen Kraftwerks koordinieren, sind gefordert, Fragen zur Kostenkalkulation und zum Budget zu beantworten.

Im Zuge der Freigabe und Deregulierung der internationalen Energiemärkte stecken die großen Energieversorger im Umbruch. Ehemalige Monopolisten müssen sich gegen eine Vielzahl von Stromanbietern aus dem In- und Ausland behaupten und stehen unter steigendem Kosten- und Modernisierungsdruck. Nachwuchsingenieure, die nicht nur die aktuellen Technologien beherrschen, sondern auch noch eine solide betriebswirtschaftliche Basis mitbringen, sind in der Energiebranche deshalb erste Wahl. Laut Zahlen des Personaldienstleisters Adecco bezieht sich aktuell jedes drittes Stellenangebot für Energietechniker auf den Bereich Projektmanagement (siehe Grafik). Das entspricht einem Zuwachs von fast 85 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

"Technisch denken und ökonomisch handeln", sagt Wolfgang Schröppel, Professor der Betriebswirtschaft - so sieht das aktuelle Wunschprofil der Arbeitgeber aus. Der ehemalige Siemens-Manager ist seit 2002 Vorsitzender der Energietechnischen Gesellschaft (ETG) im Branchenverband VDE. Am Institut für Elektroenergiesysteme und Hochspannungstechnik der TH Karlsruhe lehrt er "Betriebswirtschaft für Ingenieure".

Ein echter Ingenieur findet immer eine Lösung

So bequem wie beispielsweise in Kiel oder Karlsruhe können Studenten eines technischen Faches allerdings noch längst nicht überall ihren Stoff mit praxisgerechten Wahlmodulen aus den Bereichen Wirtschaft oder Recht kombinieren. Wer auf eigene Faust Veranstaltungen der Wirtschaftswissenschaftler besuchen will, sieht sich oft mit unkompatiblen Vorlesungszeiten oder quer durch die Stadt verteilten Hörsälen konfrontiert. Doch ein echter Ingenieur findet auch für dieses Problem eine Lösung: "Im dritten Semester habe ich mich an der Fern-Uni Hagen für BWL eingeschrieben", sagt Günther Westner.

Seinen Abschluss als Diplom-Kaufmann stemmte der 30-jährige Eon-Ingenieur parallel zum E-Technik-Studium und vertiefte seine Kenntnisse in der Energietechnik an der TU München. Durch so viel Engagement und Wirtschaftsinteresse qualifizierte er sich nach dem Vordiplom für ein Stipendium der Bayerischen Eliteakademie. Die von der bayerischen Wirtschaft finanzierte Schmiede für Führungsnachwuchs unterstützt vielversprechende Studenten beispielsweise durch die Vermittlung von Auslandspraktika und Firmenkontakten.

Während der Semesterferien finden hochkarätig besetzte Seminare zu Managementthemen wie Menschen- und Unternehmensführung, interkulturelle Kompetenz oder Ethik und Verantwortung statt. Jeder Student wird zudem von einem Mentor aus den Führungsetagen der bayerischen Wirtschaft persönlich betreut. Auf diesem Wege erhielt Günther Westner die Chance, seine Diplomarbeit über Netzzugangsmodelle im liberalisierten Erdgasmarkt für Eon in Tschechien zu schreiben. Ein halbes Jahr lang pendelte er wöchentlich zwischen München, Prag und Budweis und lernte dabei den Energiekonzern kennen und schätzen.
Umgekehrt weckte der vielseitige Diplomand das Interesse seines künftigen Arbeitgebers: "Wir suchen Ingenieure, die fachlich fit sind und gerne Verantwortung übernehmen", sagt Beate Meyer-Hentschel, Leiterin Eon-Personalmarketing: "Zusätzlich wünschen wir uns Methodenwissen, zum Beispiel im Team- und Projektmanagement, Sozialkompetenz, BWL-Kenntnisse, erste internationale Erfahrung, Sprachkenntnisse, Mobilität und Flexibilität."

Bei Eon wird umstrukturiert

Günther Westner, der während seines Doppelstudiums auch noch ein Auslandssemester in Portland, USA, eingeschoben hatte, qualifizierte sich 2005 für das internationale Graduate-Programm des Energieriesen, das er Ende 2006 erfolgreich abschloss. Nach einer Zwischenstation in München arbeitet er seit vergangenem August in Düsseldorf. Dort baut er für den Konzern gerade das Competence Center Hydro auf: "Bei Eon findet derzeit die Umstellung von regionaler zu mehr funktionaler Steuerung statt", erklärt er.

Sein Job wird es zukünftig sein, über das neue Kompetenzzentrum länderübergreifende Standards und optimale Prozesse für die Eon-Wasserkraftwerke zu entwickeln, die vorwiegend in Süddeutschland und Skandinavien stehen. Mit seinen Kollegen aus Schweden, die er auch regelmäßig persönlich trifft, tüftelt Günther Westner gerade an der passenden Organisationsstruktur. In dem international aufgestellten Konzern ist Amtssprache bei solchen Meetings und Telefonkonferenzen in der Regel Englisch.
"Dass in unserem Job ohne Englisch fast gar nichts läuft, ist vielen Studenten noch immer nicht so richtig bewusst", sagt Benjamin Michler, der die Fächer Energietechnik und Maschinenbau an der Fachhochschule Ulm studiert hat.

Seit April 2005 entwickelt und verbessert der 28-jährige Innovationsingenieur bei der Vaillant Group in Remscheid Erdwärmepumpen für Einfamilienhäuser. Das klingt zwar eher nach einem Job für Tüftler als für Sprachtalente, aber wie in vielen technischen Bereichen wird auch bei Vaillant alles auf Englisch dokumentiert. Der internationale Konzern zählt weltweit zu den Markt- und Technologieführern bei der Heiz-, Lüftungs- und Klimatechnik.

Als Projektleiter begleitet Benjamin Michler seit Januar 2007 zudem die Markteinführung "seiner" Pumpe in anderen europäischen Ländern. Gegenüber ausländischen Vertriebspartnern oder Werksleitern kann er sich keine Sprachlosigkeit leisten. Schon als Student hat er deshalb Sprachkurse belegt und ein Praxissemester bei einem schwedischen Forschungsinstitut für Solartechnik absolviert. Dort hat er nicht nur eine Menge über regenerative Energien gelernt, sondern sich auch darin fit gemacht, komplexe Themen verständlich auf Englisch aufzubereiten.

Im Rennen um den Traumjob sind gute Sprachkenntnisse oft ein wertvoller Trumpf: "Mit Extras wie einer interessanten Sprache oder besonderer Auslandserfahrung kann ein Kandidat uns überzeugen, auch wenn er vom Studium oder Werdegang her nicht 100-prozentig auf die ausgeschriebene Stelle passt", sagt Markus Rasche, Leiter Personal- und Organistionsentwicklung der Euro Engineering AG in Düsseldorf. Das Unternehmen vermittelt Ingenieure als "Leiharbeiter" für befristete Projekte an die Großindustrie und sucht jährlich 800 bis 900 Ingenieure, darunter rund 150 Energietechniker.

Mit der attraktiven Kombination aus Chinesisch-Kenntnissen und Branchenerfahrung im Anlagenbau hat sich beispielsweise vor wenigen Monaten die 33-jährige Bau- und Wirtschaftsingenieurin Wanja Johannpeter gegen eine Reihe von Bewerbern durchgesetzt, die sich bloß auf die Energietechnik spezialisiert hatten. Ihr Vorteil: Weil die Volksrepublik schnell wächst und einen enormen Energiebedarf hat, besteht für Johannpeter eine reelle Chance auf einen China-Einsatz. Auch wenn sie derzeit noch als externe Projektingenieurin bei einem großen Anlagenbauer in Deutschland arbeitet.

Kenntnisse einer osteuropäischen Sprache sind das Sahnehäubchen

Für Marco Wisniewski von der Prüfungsgesellschaft Deloitte sind dagegen Kenntnisse einer osteuropäischen Sprache das Sahnehäubchen im Lebenslauf. Der 34-jährige promovierte Umweltphysiker, der selbst Polnisch und Russisch spricht, leitet bei Deloitte in Düsseldorf die Emissionskontrolle, Emissionsaudit genannt, die er in den letzten drei Jahren selbst aufgebaut hat. Statt Bilanzen prüfen er und seine Mitarbeiter die CO2-Emissionen von großen Industrieunternehmen und Energieerzeugern. Seit 2005 gibt es den Emissionshandel. Hier teilt die Bundesregierung den Unternehmen CO2-Emissionsrechte zu.
Wer weniger als erlaubt von dem Treibhausgas in die Atmosphäre bläst, kann nicht mehr benötigte Rechte an speziell dafür eingerichteten Börsen verkaufen. Wer dagegen mit dem zugeteilten Volumen nicht auskommt, muss nachkaufen.

Emissionszertifikate sind somit zu einer Art Wertpapier geworden und haben direkte Auswirkungen auf die Finanzen eines Unternehmens. Unabhängige Prüfer wie Marco Wisniewski kontrollieren, dass ihre Mandanten die CO2-Emission technisch und juristisch korrekt messen und verbuchen - ein ganz neuer, äußerst anspruchsvoller Ingenieurjob, der neben soliden umwelt- und energietechnischen Grundlagen auch viel Rechts- und Wirtschaftswissen erfordert.

Um die Zahl der Mitarbeiter im Deloitte-Team in den kommenden Monaten wie geplant zu verdoppeln, spricht Wisniewski neben Ingenieuren - vorzugsweise der Umwelt- oder Energietechnik - per Stellenanzeige auch explizit wirtschaftsaffine Naturwissenschaftler an. "Planerisch-analytisches Denken, die Fähigkeit, komplexe Aufgaben selbst zu strukturieren und sich dabei auf ständig wechselnde technische und juristische Rahmenbedingungen einzustellen, sind äußerst wichtig", betont er. Außerdem bräuchten Bewerber soziale Kompetenz, Charakterstärke und Durchsetzungsvermögen, um gegenüber den Kunden freundlich, aber bestimmt die richtige Linie zu vertreten.

Hört man sich in den Personalabteilungen um, fehlen überall in der Branche fachlich versierte Mitarbeiter. Die Auftragsbücher sind voll, jetzt braucht es Ingenieure, um das Wachstum weiter voranzutreiben. Nicht nur Energieversorger wie Eon oder RWE, sondern auch Anlagenbauer wie Siemens oder Bosch Rexroth, Spezialisten für erneuerbare Energien wie Conergy oder Vestas oder auch Großverbraucher wie die Deutsche Bahn würden am liebsten ganze Hundertschaften von Energiespezialisten einstellen: "Wir können sicherlich zwei- bis dreimal mehr Ingenieure mit Know-how in Energietechnik gebrauchen, als die wenigen Hundert, die pro Jahr fertig werden", bestätigt VDE-Branchenexperte Schröppel.

Die Branche erlebt zurzeit einen Boom

Viele Kraftwerke in Deutschland und Europa sind in die Jahre gekommen, allein hierzulande müssen nach Branchenschätzungen im kommenden Jahrzehnt neue Anlagen mit einer Gesamtleistung von 40.000 Megawatt installiert werden. Auch der zügige Ausbau erneuerbarer Energiequellen genießt vor dem Hintergrund des drohenden Klimawandels hohe politische Priorität.
Bis 2020 soll ihr Anteil an der Stromversorgung in Deutschland mindestens 20 Prozent betragen. Mit einem Umsatzplus von mehr als 20 Prozent auf insgesamt 23 Milliarden Euro im vergangenen Jahr erlebt die Branche derzeit einen beispiellosen Boom. Vor allem die Solarenergie ist ein echter Jobmotor: Die Zahl der offenen Stellen für Ingenieure in der Solarbranche hat sich allein von 2005 auf 2006 verdoppelt.

Der richtige Studienschwerpunkt ist allerdings noch kein Freifahrtschein zum Job. "Soft Skills sind oft genauso wichtig wie fachliche Kenntnisse und Know-how", sagt Christian Mundt, Personalleiter Windenergie bei Bosch Rexroth. Teamgeist, Verhandlungsgeschick oder Projektarbeit trainieren Bewerber am besten im Rahmen branchenbezogener Praktika oder auch durch entsprechende Seminare. Denn trotz des lauthals beklagten Ingenieurmangels ist die Konkurrenz oft größer, als viele Jobsucher glauben: Die meisten Unternehmen berücksichtigen neben Absolventen der Fachrichtung Energietechnik zum Beispiel auch Bewerbungen von klassischen Anlagen- und Maschinenbauern, Elektro- oder Verfahrenstechnikern.
Konzerne wie Siemens oder Eon bilden ihren Ingenieurnachwuchs auch gerne im Rahmen eigener Verbundstudiengänge selbst aus: Parallel zum FH-Studium absolvieren die Kandidaten eine branchenspezifische Ausbildung, zum Elektroinstallateur oder zum Technischen Zeichner. Wer das stressige Programm übersteht, kann mit 24 oder 25 Jahren eine Diplom-Urkunde und den Facharbeiterbrief vorweisen.

Statt sich im Studium einseitig auf ein bestimmtes Job-Profil zu spezialisieren, sollten sich Studenten vor allem ein breites, sehr gutes Grundlagenwissen aneignen, empfiehlt Schröppel, denn: "Was ich in 20 Jahren für die Energieversorgung benötige, wird vielleicht erst in zehn Jahren definiert." Gepaart mit praktischer Erfahrung und soliden Sprachkenntnissen steht dann einem Einstiegsgehalt von 40.000 Euro oder mehr nichts mehr im Wege.

Weitere Infos über den Arbeitsmarkt Energietechnik und Erneuerbare Energien

Branchenüberblick und Unternehmensporträts Erneuerbare Energien: www.renewables-made-in-germany.com
Karriereportal der Energiebranche: www.energie-jobs.de
Arbeitsmarktmonitor Erneuerbare Energien: www.jobmotor-erneuerbare.de
Energietechnische Fachgesellschaft im VDE: www.vde.com/VDE/Fachgesellschaften/ETG
Buchtipp: Arbeitsmarkt Elektrotechnik 2007, Informationen zu Arbeitsmarkt und Karriereperspektiven inklusive Energiewirtschaft/Energietechnik, kostenlos zu beziehen beim VDE, Tel. 069.6308-127 oder www.vde.com.

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