Altersvorsorge Rente mit 67? Gar nicht so weit weg

Künftig werden wir alle bis 67 arbeiten müssen, bevor es die volle Rente gibt. Auch wenn das für Um-die-Dreißigjährige noch ordentlich weit weg ist, sollten sie einige Aspekte des neuen Gesetzes schon jetzt auf dem Schirm haben.

Ulrike Heitze | , aktualisiert

Zugegeben, der offizielle Name ist eher brechreizerregend als vielversprechend: "RV-Altersgrenzenanpassungsgesetz". Und was das neue Gesetz, das der Bundestag im März verabschiedet hat, regelt, ist kaum erfreulicher als sein Monstername: Es beschert, grob vereinfacht, allen Arbeitnehmern ab Geburtsjahrgang 1964 ein Berufsleben bis zum 67. Lebensjahr. Erst dann gibt's den vollen Satz staatlicher Rente. Nun dürfte es den meisten Jungakademikern, die gerade mit dem Jobeinstieg kämpfen, wohl noch ziemlich wurscht sein, ob sie nun 35 oder 37 Jahre Berufsleben abzuarbeiten haben. Doch "Rente mit 67" bedeutet ein bisschen mehr, als "Na, dann arbeite ich halt noch zwei Jahre länger".

Einige Begleiterscheinungen tangieren junge Berufstätige schon jetzt: Dann nämlich, wenn sie sich eine Berufsunfähigkeits(BU-)police zulegen, erste Altersvorsorgeverträge unterschreiben oder sogar schon welche abgeschlossen haben.

Hinten plötzlich zu kurz

Erhebliche Auswirkungen hat das neue Gesetz bei der Absicherung der eigenen Arbeitskraft. Die bisherigen BU-Policen liefen in der Regel höchstens bis zum 65. Lebensjahr, dem Bis-dato-Renteneintrittsalter. Pech also für alle Jüngeren, die eine solche Police haben und später mal mit 65 ½ feststellen, dass sie ihren Job krankheitsbedingt nicht mehr ausüben können. Aus der Police gibt?s dann kein Geld mehr, und die Rente ist noch arg weit weg.

Mit der Lösung dieses Problems geht die Versicherungsbranche noch sehr zögerlich um, stellt Stefan Wittmann, Abteilungsleiter für die Risiko- und Leistungsprüfung bei der Deutschen Rück, fest: "Wünschenswert wäre es, dass Altverträge ohne erneute Gesundheitsprüfung verlängert werden könnten. Doch so etwas sehen die Konzepte der Versicherungen noch nicht vor."
Bislang bieten erst einzelne Gesellschaften wie etwa die Allianz überhaupt die Möglichkeit, alte Verträge um zwei Jahre zu verlängern. Allerdings nur mit einer erneuten Gesundheitsprüfung, die einem, neben der ohnehin fälligen Preiserhöhung, schnell mal einen teuren Risikoaufschlag wegen mittlerweile schlechterer Gesundheit zusätzlich bescheren kann.

Alternativ können Besitzer einer zu kurzen BU-Police auch beschließen, einfach zu pokern und das Risiko einer behindernden Krankheit kurz vor der Rente einzugehen. "Es ist ja die Frage, ob man wirklich mit Mitte 60 noch berufsunfähig wird oder sich dann nicht gleich offiziell in den vorgezogenen Ruhestand verabschiedet, wie es heute meistens der Fall ist", stellt Rolf Tilmes, Finanzplaner und Professor am Lehrstuhl für Private Finance & Wealth Management an der European Business School (EBS), fest. Da es die gesetzliche Rente dann nur mit deftigen Abschlägen gibt, tut man gut daran, für solch einen Fall ausreichend Vermögen flüssig zu haben, mit dem man die Einkommenslücke füllt.

Auch Job-Einsteiger, die sich erst noch eine BU-Police zulegen wollen, müssen sich die Frage stellen, wie lange sie eine Absicherung haben wollen. Für Neuverträge gibt es mittlerweile schon erste "Laufzeit bis 67"-Optionen. Die Timing-Frage hängt unter anderem von der Risikofreudigkeit, dem ausgeübten Beruf, der Lebensplanung und letzten Endes auch vom Geldbeutel ab. Denn die langen Verträge kosten um einiges mehr als Policen, die nur bis 60 oder 65 laufen. So ist nach Berechnungen von Deutsche-Rück-Experte Stefan Wittmann für einen 25-jährigen Mann eine 67er Police um 15,4 Prozent teurer als die mit Endalter 65, eine gleichaltrige Frau würde noch einen halben Prozentpunkt mehr bezahlen müssen.

Um Geld zu sparen, empfehlen manche Versicherungsberater zu einer fallenden BU-Police, bei der zum Beispiel bis zum 55. Lebensjahr 18.000 Euro jährlich und für spätere berufliche Ausfälle nur noch 12.000 Euro gezahlt werden. Begründung: Im Alter brauche man weniger, weil das Eigenheim abbezahlt und die Kinder aus dem Haus sind. Ob das in Zeiten immer kurvigerer Lebensläufe tatsächlich der Fall ist, ist fraglich.

Hauptsache Arbeit

Ähnliche Abwägungen müssen Jobeinsteiger bei ihrer aktuellen und künftigen Altersvorsorgeplanung treffen, denn die neue "Rente mit 67" ändert hier wesentliche Rahmenbedingungen. Im gesetzlich vorgesehenen Idealfall arbeiten alle bis 67 durch, zahlen somit zwei Jahre länger in die Rentenkasse ein und wollen erst zwei Jahre später ihre Renten haben. Diese Erleichterung fürs Staatssäckel könnte sogar leicht höhere Rentensätze bescheren, als bisher erwartet. Gleichzeitig bleibt zwei Jahre mehr Zeit für die private Vorsorge. Gesamtwirtschaftlich macht diese Rettungsaktion durchaus Sinn, und bei einer steigenden Lebenserwartung würden uns zwei Jahre länger arbeiten grundsätzlich wohl auch nicht umbringen.

Da sich die Realität aber selten um das Idealbild schert, könnten die Auswirkungen des Gesetzes drastischer ausfallen, als die meisten annehmen. So hat das Deutsche Institut für Altersvorsorge (DIA) in einer Studie festgestellt, dass die derzeitigen Rentner, die rentennahen Jahrgänge und die jetzige Kinder- und Teeniegeneration die Gewinner des neuen Systems sein werden.
Am meisten gekniffen in Sachen gesetzliche Rente sind dagegen die heute 30- bis 40-Jährigen, und bei den zurzeit 20-Jährigen sieht es erst nur ein bisschen rosiger aus. "Diese Sandwichgenerationen werden die Übergangslasten tragen müssen. Sie werden preisbereinigt wahrscheinlich weniger staatliche Rente herausbekommen, als sie an Beiträgen einbezahlt haben", stellt Adrian Ottnad, Wissenschaftler am Institut für Wirtschaft und Gesellschaft Bonn und Mitautor der besagten Studie, fest. Da braucht es bis ins Alter gute Jobs, um die Nachteile zu kompensieren.

Aber diese Stellen für ältere Berufstätige muss es erst mal geben. Derzeit stehen nur 16 Prozent der über 60-Jährigen noch in einem gescheiten Arbeitsverhältnis. Der große Rest wurde - unterstützt von großzügigen Vorruhestandsregelungen, die nur geringe Einbußen bei der Rente kosteten - von den Firmen aufs Altenteil geschickt.

Künftig werden die Abzüge stärker ausfallen, so dass mehr Leute länger werden arbeiten müssen, um ihren Lebensabend bezahlen zu können. Schon wenn später nur jeder Zweite oder Dritte über 55- oder 60-Jährige einen Job haben will, müssten nach DIA-Berechnungen gleich mehrere Millionen altentaugliche Arbeitsplätze zusätzlich zur Verfügung stehen. Ob die deutsche Unternehmenswelt ein so gravierendes Umdenken flächendeckend hinkriegt, steht in den Sternen.

Für die jetzigen Berufseinsteiger bedeutet dies zweierlei: Erstens wird lebenslange Weiterbildung wichtiger denn je sein. Nur wer sich auch als Mittvierziger und Mittfünfziger konsequent auf dem Laufenden hält, wird überhaupt Chancen haben, auch mit 60, 65 oder 67 noch einen ordentlich bezahlten Job ausüben zu können, wenn er das denn will.

Zweitens sollten schon Jobstarter für ihre Vorsorgepläne einkalkulieren, dass sie eventuell gar nicht so lange arbeiten werden, wie es der Gesetzgeber jetzt vorsieht - weil es zum Beispiel möglicherweise keinen Job mehr für sie gibt, weil die Gesundheit es nicht mehr zulässt oder weil sie schlicht keine Lust haben, so lange zu malochen. "Mein Bedürfnis, mit 60 schon aufzuhören, bleibt ja mit oder ohne Gesetzesänderung das gleiche. Dann muss ich mir jetzt halt mehr Gedanken um die Alterstauglichkeit meiner Finanzen machen", bringt es Finanzplaner Tom Friess, Geschäftsführer vom VZ Vermögenszentrum, auf den Punkt.

Denn das vorzeitige Ausscheiden bedeutet deutliche Abschläge bei der monatlichen Überweisung aus der gesetzlichen Rentenkasse. Ergo muss die private Altersvorsorge üppiger als bisher geplant ausfallen, um diese Lücke zu schließen. In Sachen Timing tun Anleger gut daran, die Fälligkeiten ihrer Altersvorsorgeprodukte zu stückeln und flexible Anlagen zu nutzen.
Unpraktisch wäre es, die komplette private Vorsorge auf den neuen gesetzlichen Renteneintrittstermin mit 67 auszurichten, auch wenn das steuerlich zurzeit die günstigste Variante ist. Einen früheren Rückzug aus dem Arbeitsleben könnte man sich dann aber nicht leisten.

Wer sich zum Beispiel trotz der ziemlichen Unflexibilität des Produktes für eine Rentenversicherung entscheidet, sollte eine mit Kapitalwahlrecht und mit so genannter Aufschuboption - die erste Rentenzahlung kann bei Bedarf zwei bis fünf Jahre nach hinten verschoben werden - wählen, empfiehlt Finanzplaner Friess. Er würde seinerseits aber immer dem flexibleren Fondssparplan den Vorzug geben.

Bestehende Verträge checken

Wer bereits privat oder über die Firma Altersvorsorgeprodukte abgeschlossen hat, sollte sich bei Gelegenheit mal die Verträge vorknöpfen und schauen, wie die Fälligkeiten ins neue Konzept passen.

Angebotene Verlängerungen von Produktanbietern sollte man dabei sehr kritisch prüfen. So schlagen derzeit manche Versicherungsvertreter vor, bestehende Lebens- oder Rentenversicherungen aufs Alter 67 zu verlängern, um für die Auszahlung später den günstigeren Rentner-Steuersatz zu erwischen. In der Regel führt jede Vertragsänderung aber zu neuen Kosten und möglicherweise sogar zu Steuernachteilen. Riester- und Rürup-Verträge sind da pflegeleichter: Für alle, die bis einschließlich 2011 abgeschlossen werden, bleibt der frühestmögliche Auszahlungszeitpunkt bei 60 Jahren bestehen. Später unterzeichnete Verträge sind erst ab 62 verfügbar.

Wer in eine betriebliche Altersvorsorge wie etwa einen Pensionsfonds, eine Pensionskasse oder eine Direktversicherung spart, wird auf Infos seines Anbieters warten müssen, wie die Fälligkeit seines Vertrages angesichts der Rente mit 67 gehandhabt werden kann. Grundsätzlich wird es denkbar sein, schon Rente aus dem Vertrag zu beziehen, während man noch arbeitet (Vorteil: Finanzpuffer, Nachteil: höherer Steuersatz) oder die Auszahlung nach hinten bis zum gesetzlichen Rentenalter zu verschieben (Vorteil: höhere Auszahlung wegen mehr Beiträgen, mehr Zinsen und niedrigeren Steuern, Nachteil: erst spät verfügbar).

Da viele Produktanbieter noch recht kopflos und unvorbereitet vor den neuen Rentenregeln stehen, müssen auch Berufseinsteiger nicht in übertriebene Eile verfallen, um ihre Altersvorsorge zurechtzuzurren, betont Thomas Bieler von der Verbraucherzentrale NRW. "Es reicht, die neuen Regelungen auf dem Schirm zu haben und sukzessive zu schauen, auf welche Termine meine Altersvorsorge bisher ausgerichtet ist und ob das der eigenen Lebensplanung entspricht. Will und kann ich noch jenseits der 65 arbeiten oder brauche ich vorher schon Teile aus meiner Finanzreserve." - Und sollte dann mal irgendwann die Rente mit 75 oder mit 80 eingeführt werden, ist man hoffentlich schon ein alter Hase.

Das wird kommen
- Für alle Jahrgänge ab 1964 wird die Regelaltersgrenze in der gesetzlichen Rentenversicherung auf 67 Jahre angehoben - einheitlich für Männlein wie Weiblein.
Heißt: Die volle, ungekürzte Rente kriegt nur, wer erst mit 67 in den Ruhestand geht.
- Mit 65 können so genannte "besonders langjährig Versicherte" ohne Abzüge in die Rente entschwinden, wenn sie mindestens 45 Jahre Pflichtbeiträge zusammenbekommen.
Im Klartext: Man muss schon ab dem 20. Lebensjahr ununterbrochen in die Rentenkasse eingezahlt haben, um mit 65 abdanken und den vollen Satz kassieren zu dürfen.
- Mit 63 darf sich aus dem Berufsleben verdrücken, wer 35 Jahre Wartezeit auf dem Buckel hat, also ab dem 28. Lebensjahr ununterbrochen Mitglied in der gesetzlichen Rentenversicherung war. Der Haken: Den frühen Feierabend gibt?s nur gegen deftige Abschläge, deshalb wird dieses Gesetz auch allerorten als gigantische Rentenkürzung kritisiert: Für jeden Monat, den man vor dem 67. Geburtstag geht oder gehen muss, werden für den Rest des Lebens 0,3 Prozent Rente abgezogen. Wer also mit 63, vier Jahre früher als festgelegt, seinen Hut nimmt, kriegt monatlich 14,4 Prozent Rente weniger, als wenn er bis 67 gearbeitet hätte.
Bedeutet: Statt 1.200 Euro würde der Durchschnittsrentner nur noch rund 1.000 Euro pro Monat erhalten. Ein Ex-Spitzenverdiener, der 1.700 Euro erwarten könnte, büßt 245 Euro pro Monat ein und muss mit 1.450 Euro über die Runden kommen - wohlgemerkt

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