Allein unter Männern Aus dem Leben einer weiblichen Führungskraft

Eine Managerin in einem deutschen Unternehmen hat – anonym – ein sehr lesenswertes Buch über ihr Arbeitsleben unter Männern geschrieben: "Ganz oben" sind die Männer unter sich und ohne Manieren.

Christopher Schwarz, wiwo.de | , aktualisiert

Aus dem Leben einer weiblichen Führungskraft

Frau im Job1

Foto: Fotowerk/Fotolia.com

"Männer und Frauen passen nicht zusammen", hat Loriot gesagt. Das mag eine Übertreibung sein. Dass das Verhältnis der Geschlechter, um das Mindeste zu sagen, eine Quelle von peinlichen Missverständnissen ist, liegt indes auf der Hand.

Ein Störfaktor ersten Ranges ist – naturgemäß – der Sex.

Davon wissen nicht nur Journalistinnen ein Lied zu singen, die nachts an der Hotelbar von Politikern mit Herrenwitzen traktiert werden. Auch in den Chefetagen der Wirtschaft macht sich der kleine Unterschied immer wieder bemerkbar, womöglich gerade deshalb, weil sie weitgehend frauenfrei sind.

Hässliche Frauen sind chancenlos

Die Topmanagerin eines großen deutschen Unternehmens, die anonym bleiben will, weil sie "negative Konsequenzen für ihre Karriere befürchtet", hat jetzt unter dem Titel "Ganz oben. Aus dem Leben einer weiblichen Führungskraft" Geschichten aus ihrem Arbeitsalltag zusammengetragen.

Ihr Report fördert Erstaunliches zutage. Das fängt schon mit dem Äußeren an. Dass sie 1,75 cm groß, "nicht wirklich schlank" sei, "kurz geschnittenes, dunkles Haar" trage und im Ganzen nicht den "klassischen oder stereotypen Kategorien weiblicher Schönheit" entspricht, verbucht die Autorin als ideale Aufstiegsvoraussetzung.

Man traue ihr allein aufgrund ihrer körperlichen Präsenz zu, dass sie sich durchsetzen kann. Sie begegne männlichen Kollegen buchstäblich auf Augenhöhe, "ohne sie zu überragen". Kurz: Sie falle auf, "ohne bei fremden Männern sofort das Interesse an ihr als Frau zu wecken".

Kompetenz im Vordergrund

Das ist entscheidend: Schöne Frauen, die Karriere machen wollen, sind genötigt, von Ihrer Schönheit abzulenken und ihre Kompetenz in den Vordergrund zu stellen. Schon deshalb weil man sie ihnen nicht zutraut.

Hässliche, burschikos auftretende Frauen hingegen sind chancenlos, weil sie als potenzieller Sexualpartner überhaupt nicht in Frage kommen.

Kein Wunder, dass die Autorin auch den tüchtigsten attraktiven Blondinen nicht viel Hoffnung machen kann. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass man eigentlich als Frau ein Mann sein müsse, um in der deutschen Wirtschaft Karriere zu machen: "…doch man darf sich keinesfalls so verhalten wie ein Mann. Man muss es schaffen, als Frau geschlechtsneutral betrachtet zu werden und trotzdem die Kompetenzen, die man als Frau mitbringt, einzubringen. Dann kann es funktionieren."

Wie und vor allem mit welchen Nebenfolgen es funktioniert, beschreibt die Autorin an einer Fülle von teilweise höchst amüsanten Beispielen. Ob es sich um den firmeneigenen Fahrdienst handelt, der immer wieder Gründe findet, weshalb kein Auto zur Verfügung steht, weil eine Topmanagerin im Weltbild der Fahrer nicht vorkommt, oder um die Sekretärin, der nicht so ohne weiteres zugemutet werden kann, dass sie der Chefin den Kaffee an den Schreibtisch bringt, während das bei einem männlichen Chef schon aufgrund der "natürlich Rangfolge" überhaupt kein Problem ist:

Stets beschreibt die Autorin mit Witz und Ironie auch ihre eigenen Skrupel, die Chefrolle auszufüllen. Männer, heißt es an einer Stelle, hätten die Hierarchie verinnerlicht, "ich reflektiere sie andauernd".

Forderndes Auftreten ist wichtig

Männer können sich anscheinend überhaupt mehr herausnehmen, dürfen sich in der Öffentlichkeit betrinken, derbe Witze reißen oder mit der Kellnerin flirten, was umgekehrt unmöglich sei: "Man stelle sich vor, eine weibliche Führungskraft würde in alkoholisiertem Zustand in eindeutiger Weise mit dem Kellner flirten!"

Männer, so die Autorin, glaubten auch wie selbstverständlich, dass ihnen ein höheres Gehalt zustehe, Frauen hingegen hätten Angst unverschämt zu wirken und gäben sich mit einem Lob zufrieden – nicht weil sie bescheidener sind, sondern weil sie noch nicht kapiert haben, "dass allein ein forderndes Auftreten zum Erfolg führt, der sich in barer Münze auszahlt".

Selbstkritik schadet im Job – laut sein, dröhnendes Selbstbewusstsein zeigen, wird dagegen belohnt.

Im Zoo der Alphatiere

Zu den Glanzstücken des Buch zählt das Kapitel über die Manieren im Zoo der Alphatiere. Sie sind so gut wie nicht vorhanden. Von Ausnahmen abgesehen, heißt es, sind im Berufsalltag der Topmanager Umgangsformen außer Kraft gesetzt, "besonders wenn man sich schon länger kennt".

Grobe Unhöflichkeiten seien an der Tagesordnung, Entschuldigungen nicht vorgesehen. Auch nicht gegenüber Frauen, für die es keine Sonderbehandlung gebe. Dabei hätte sie "gegen eine zuvorkommende Behandlung seitens der Männer gar nichts einzuwenden".

Doch die Dialektik der Emanzipation will, dass der Erfolg im Beruf für weibliche Führungskräfte einen besonders hohen Preis hat: Nicht zuletzt das viele Alleinsein. Nicht nur auf Geschäftsreisen, wo Frauen das Abendessen lieber im Hotelzimmer zu sich nehmen statt im Restaurant oder gar an der Bar, wo "die Atmosphäre einfach zu seltsam ist" und der Kontakt mit einem anderen allein reisenden Geschäftsmann etwas geradezu Anrüchiges hätte.

Auch im Privatleben bedeutet, Karriere zu machen, in jeder Hinsicht "einsame Spitze": Während Männer in den Augen ihrer Gattinnen durch den Erfolg sexy und begehrenswert werden, schreckt er bei Frauen potenzielle Partner eher ab, zumal Frauen nicht gern nach unten heiraten.

Kinder und Karriere

Die Folge: Es wartet niemand auf sie zu Hause. "Männer in meiner Position haben beides, Karriere und Kinder", schreibt die Autorin, "warum sollte ich mich dazwischen entscheiden müssen?"

Sie führt seit vielen Jahren eine Fernbeziehung. Als sie ein Kind von ihrem Freund erwartet, heißt es in der Firma: "Herzlichen Glückwunsch! Freuen Sie sich denn? Ihren jetzigen Job werden Sie nie wieder machen."

Dass Kinder und Karriere nicht vereinbar sind, hat für ihren Vorgesetzten "den Rang eines Naturgesetzes". Genau deshalb würde in deutschen Unternehmen bei gleicher Kompetenz und Qualifikation von Mann und Frau immer der Mann den Top-Job bekommen – weil Männer nicht schwanger werden. Frauen gelten nach wie vor als Risikofaktor.

Manieren fürs Management

Die Autorin, einst eine vehemente Gegnerin der Quote, haben derlei Erlebnisse "zur Verfechterin einer Frauenquote werden lassen, die sich das einzelne Unternehmen als Selbstverpflichtung auferlegt".

Vielleicht würden dann endlich auch Manieren im Management einkehren. Frauen sind gewiss nicht die besseren Menschen, aber sie sollen angeblich etwas Zivilisierendes haben.

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de

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