Albtraum Transparenz Es lebe das Geheimnis!

Regierungen und Unternehmen unterwerfen sich blind den Forderungen nach immer mehr Transparenz – und ernten Misstrauen. Nur wer Geheimnisse achtet, kann auf Vertrauen hoffen. Ein Plädoyer für mehr Intransparenz.

Ferdinand Knauß, wiwo.de | , aktualisiert

Es lebe das Geheimnis!

Foto: Guzel Studio/Fotolia.com

Transparenz ist ein Superstar unter den Begriffen. Sie wird von Institutionen aller Art, Unternehmen, Ministerien, ja selbst von Geheimdiensten ehrfurchtsvoll und einschränkungslos für notwendig erachtet. Und als Superstar duldet sie keinen Widerspruch. Undenkbar, dass ein Unternehmer oder Amtschef verkündet: "Wir werden künftig etwas weniger transparent arbeiten."

Der totale Durchblick

Ja, selbst der Chef des Bundesnachrichtendienstes Gerhard Schindler sagte in diesen Tagen: "Nur wenn wir uns öffnen, wenn wir transparenter werden, in vertretbarem Rahmen unsere Arbeitsweise erklären, können wir unsere Vertrauensbasis in der Gesellschaft verbreitern". In Hamburg gibt es seit Oktober 2012 ein Transparenzgesetz, das auf die "Volksinitiative Transparenz schafft Vertrauen" zurückgeht. In Nordrhein-Westfalen eifert ihr die Initiative "NRW blickt durch" nach, die mit einem ähnlichen Gesetz "Korruption erschweren" und "Vertrauen in Verwaltung und Politik stärken".

Natürlich will kein vernünftiger Mensch Korruption in Behörden erleichtern oder von Unternehmen hinters Licht geführt werden. Und natürlich liebt niemand das Geheimnis des anderen, sondern stets nur das eigene. Aber ist konsequente Transparenz überhaupt möglich? Wohl kaum.

Wir brauchen Geheimnisse

"Gesellschaften wie Einzelne könnten ohne ein Set von Geheimnissen nicht einmal überleben", schreibt der Kulturwissenschaftler Hartmut Böhme. Es ist, wie Böhme schreibt, "eine der großen Selbsttäuschungen unserer Gesellschaft, dass sie, auf Information und Aufklärung, auf Kommunikationstechniken und Massenmedien setzend, Geheimnisse aufzulösen glaubt; sie erzeugt Geheimnisse im selben Maße, wie sie diese beseitigt."

Völlig geheimnisfreie Organisationen sind unter anderem deswegen unrealisierbar, weil Geheimnisse, also nicht öffentliches Wissen, eine der Quellen von Macht sind. Und eine Firma oder einen Staat ohne Macht liegt jenseits des menschlichen Erfahrungsraumes. Daher ist das Versprechen der Transparenz nicht, wie der BND-Chef und die nordrhein-westfälische Durchblicksinitiative behaupten, eine Voraussetzung für Vertrauen. Eher das Gegenteil ist der Fall.

Eine imaginäre Behörde oder ein Unternehmen, das konsequente Transparenz zum obersten Ideal erhebt und damit den Menschen den – letztlich unerfüllbaren – Anspruch erlaubt, braucht nämlich eigentlich gar kein Vertrauen. Vertrauen braucht nur derjenige, der nicht alles preisgibt. Wer alles sieht und weiß, muss nicht mehr vertrauen, denn er weiß ja alles. Aber bekanntlich tut das nur der liebe Gott. Weil der Anspruch auf Transparenz nie völlig einlösbar ist, säht er eher Misstrauen gegen die eben doch nicht ganz durchschaubaren Institutionen und ihre Amtsträger.

Seltsam, wie unreflektiert von der Transparenz geschwärmt wird. Letztlich träumen die unkontrollierten Datensammler der Geheimdienste ebenso wie die globalisierte Allianz der Spionagekritiker von Wikileaks über den Chaos Computer Club bis zum Whistleblower-Netzwerk denselben "Transparenztraum", wie Manfred Schneider in seinem gleichnamigen Buch erkannt hat. Der Unterschied zwischen beiden ist nur, dass erstere alles alleine wissen wollen, während letztere wollen, das alle alles wissen. Beide Wünsche geben totalitäre Ziele vor, die nie endgültig erreichbar sind. Und genau das macht sie gefährlich: Sie haben nie genug.

Kann es eine Welt ohne Geheimnisse geben?

Seltsam, wie kleinlaut sich dagegen der Anspruch auf das Geheimnis im öffentlichen Diskurs gibt. Nicht erst heute. Das Kapitel über das Geheimnis in Georg Simmels Hauptwerk "Soziologie" von 1906, in dem er feststellt, dass es "eine der größten Errungenschaften der Menschheit" ist, hat im Gegensatz zu vielen anderen seiner Erkenntnisse so gut wie keine Resonanz erfahren.

Verschämt melden sich bisweilen Datenschutzbeauftragte zu Wort. Doch bezeichnenderweise reklamieren sie ausschließlich den Schutz der Daten von Einzelpersonen. Für das Recht von Staaten und Regierungen, aber auch von Unternehmen und Kirchen auf Geheimnisse gründen sich keine Bürgerinitiativen. Selbst deren Vertreter trauen sich kaum mehr öffentlich zu verteidigen, dass diese Institutionen überhaupt nur als Black Boxes mit ihren elementaren Geheimnissen bestehen können.

Einer der ersten Politiker, die das Geheimnis aus der Welt schaffen wollten, oder besser: es zu wollen behauptete, war der amerikanische Präsident Woodrow Wilson mit seinem 14-Punkte-Plan zur Beendigung des Ersten Weltkriegs. Die erste seiner Forderungen für eine Friedensordnung lautet: "Offene, öffentlich abgeschlossene Friedensverträge. Danach sollen keinerlei geheime internationale Abmachungen mehr bestehen, sondern die Diplomatie soll immer aufrichtig und vor aller Welt getrieben werden." Daraus wurde bekanntlich nichts. Und man kann froh darüber sein, dass Diplomaten bis heute ihr Geschäft auch im Geheimen betreiben. Der Weltöffentlichkeit ist dadurch viel Heuchelei erspart geblieben.

Weil es eine Welt ohne Geheimnisse nicht geben kann und der Anspruch auf totale Transparenz stets die Gefahr des totalitären Überwachungsregimes in sich birgt, gehört es zu den wichtigsten Errungenschaften eines Rechtsstaates, dass zwischen
öffentlichen und geheimen Angelegenheiten auf der Basis von Gesetzen unterschieden wird.

Große Verschleierung

Nur Organisationen, die dem Geheimnis seinen Platz einräumen und seine Existenz nicht leugnen, können sich Vertrauen verdienen. Je lauter Staaten oder Unternehmen ihre angebliche Transparenz verkünden, desto mehr sind sie gezwungen, ihre überlebenswichtigen oder machtrelevanten Geheimnisse zu verschleiern. Und umso größer ist der Vertrauensverlust, wenn ihre Existenz doch ans Tageslicht kommt.

Vermutlich ist Transparenz auch deswegen ein solcher Superstar der Begriffe, weil die Forderung nach der Aufdeckung von Geheimnissen sich heute immer gegen Behörden und Unternehmen richtet. Man glaubt daher, dass die heute geforderte Transparenz keine Gefahren für den Einzelnen birgt. Die totalitäre Überwachungsgesellschaft, die die kommunistischen Transparenzträumer in der Sowjetunion und anderen Ländern installierten scheint nicht mit der geforderten Transparenz zu tun zu haben.

Kult der Kontrolle

Doch das Misstrauen, das der Anspruch des totalen Durchblicks verursacht, fällt als Bumerang immer auch auf den Menschen zurück. Auf den Arbeitnehmer vor allem. In der Arbeitswelt ist der Transparenztraum bereits für Millionen Menschen Wirklichkeit geworden. Und mit ihm ein Klima des dauernden Misstrauens. In vielen heutigen Unternehmen herrscht ein Kult der Kontrolle.

Hochqualifizierte und vermutlich hoch motivierte Angestellte müssen in Großraumbüros mit gläsernen Wänden und Türen arbeiten, wo jeder verträumte Blick aus dem Fenster, jedes Nasebohren, jeder Anruf des Ehepartners transparent ist. Keine Sekunde kann der Großrauminsasse sicher sein, unbeobachtet zu bleiben. Selbst von der Straße aus sind viele Bürogebäude durchschaubar.

Geheimnisse haben zu dürfen, ist eine der wichtigsten Voraussetzungen von Freiheit. Und Freiheit ist Voraussetzung für jede kreative Arbeit. Die türlosen, gläsernen Büromonster unserer Tage stehen in der Tradition des antiken Steinbruchs, der so angelegt war, dass die darin schuftenden Sklaven, deren Motivation zu Recht bezweifelt werden konnte, stets von Aufsehern beobachtet werden konnten.

Arbeiten ohne Spannkraft

Angesichts des offenen und jederzeit spürbaren Misstrauens, das solche Arbeitsbedingungen offenbaren, muss sich niemand wundern, dass ein wachsender Teil der Büroangestellten längst innerlich gekündigt hat und für seine Aufpasser nur das unbedingt Notwendige und Sichtbare tut.

Eine Welt ohne Geheimnis, so Hartmut Böhme, wäre nicht nur eine "Welt ohne Liebe" und "den Zauber der Attraktion", sondern auch eine "Wüste der Langeweile" und der "Verlust aller Spannkraft". Das kann sich eigentlich auch kein Unternehmen wünschen, das letztlich auf nichts so sehr angewiesen ist, wie auf die Kreativität und Arbeitsfreude seiner Mitarbeiter. ndash;

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de

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