Albrecht Merz "Von Vitamin B halte ich nichts"

Albrecht Merz, Vorstandsmitglied der DZ Bank, im Interview über Karriere, Schulen in Deutschland, seine Kinder und den Preis der DZ Bank, der herausragende Abschlussarbeiten von Studenten im Bereich "Banking and Finance" auszeichnet.

Diana Fröhlich | , aktualisiert

Herr Merz, die DZ Bank verleiht heute zum siebten Mal den DZ-Bank-Karriere-Preis. Was sind die Gründe für Ihr Engagement?

Merz: Wir zeichnen Bachelor-, Master- und Diplomarbeiten aus, um sehr gute Studenten zu fördern und sie für die DZ Bank zu interessieren. Wir profitieren natürlich auch als Bank von den Resultaten der Abschlussarbeiten. Alle Arbeiten kommen aus dem Bereich Banking und Finance.

Wollen Sie damit die Bekanntheit der DZ Bank steigern?

Auf jeden Fall. Wir wollen ausgezeichnete Absolventen frühzeitig gewinnen und sie dann auch an unser Haus binden. Der DZ-Bank-Preis ist eine Form des aktiven Recruitings. Wir sind mit dem Preis sehr präsent an den Hochschulen und steigern so unsere Bekanntheit. Wir haben einen deutlichen Imagegewinn bemerkt.

Wie ist die Resonanz der Studenten in diesem Jahr gewesen?

2008 haben insgesamt 170 Hochschulabsolventen aus ganz Deutschland mitgemacht. Besonders viele Bewerbungen gab es dabei aus Frankfurt.

Sie haben vor rund 27 Jahren als junger Hochschulabsolvent selbst einen Job gesucht. Was hat sich im Vergleich zu heute verändert?

Damals wurden zwar auch schon gute Studenten gefördert, aber sicher nicht in dem Maße wie heute. Das ganze Thema Recruiting hat sich schon sehr stark weiterentwickelt. Was damals üblich war: Kommilitonen von mir haben bei IBM oder Mercedes beispielsweise ihre Diplomarbeit geschrieben und sind danach gleich im Unternehmen geblieben. Sie waren so gut, dass man ihnen direkt einen Job angeboten hat.

Was haben Sie studiert?

Ich habe in Tübingen Betriebswirtschafts- und Volkswirtschaftslehre und Pädagogik studiert. Mein Ziel war es, Lehrer zu werden. Ich war davon überzeugt, ein guter Pädagoge zu werden. Aber sechs Wochen vor dem Examen haben wir Studenten einen Brief von der damaligen Kultusverwaltung in Stuttgart bekommen, dass sie zurzeit keine Lehrer mehr bräuchten. Von 400 Absolventen in Baden-Württemberg sind zehn übernommen worden.

Und was haben Sie gemacht?

Ich dachte: Ja, wenn die mich nicht wollen, muss ich mich wohl umorientieren. Ich habe aber schon noch mein Erstes Staatsexamen gemacht. Danach bin ich zum Genossenschaftsverband in Stuttgart gestoßen und habe als Assistent im Prüfungsdienst meine Karriere begonnen. Banken haben mich auch als Student schon interessiert. Ein paar Jahre später wurde ich dann erst zum Steuerberater, später zum Wirtschaftsprüfer bestellt.

Trauern Sie heute noch der verpassten Chance hinterher?

Ich wäre sehr gerne Lehrer geworden, aber ich bedauere meine Entscheidung von damals trotzdem nicht. Im Gegenteil, mit dem, was ich heute tue, habe ich doch größere Gestaltungsmöglichkeiten als im verwaltungsgetriebenen Schulbetrieb. Die Schule in Deutschland ist mir persönlich nicht kreativ genug.

Wie gehen Sie denn mit Misserfolgen um?

Ich habe mir angewöhnt, die Dinge zu nehmen, wie sie sind - und sie auch nicht groß zu dramatisieren. Ich versuche, Fehler zu analysieren und daraus zu lernen. Bei der Prüfung zum Steuerberater habe ich mich zum Beispiel gefragt: Wenn ich jetzt durchfalle, mache ich den Test dann noch einmal? Ja, natürlich. Aber ich musste das nicht.

Sie haben drei Kinder. Welche Schule besuchen sie?

Alle drei gehen beziehungsweise gingen auf eine Waldorfschule. Das staatliche Bildungssystem war meiner Frau und mir nicht flexibel genug und ging uns nicht ausreichend auf die Bedürfnisse von Jugendlichen ein. Privatschulen müssen dabei nicht Tausende von Euro im Monat kosten, nur um flexibel zu sein. Das pädagogische Konzept der Rudolf-Steiner-Schulen, aus sich selbst heraus Dinge zu entwickeln, kommt uns sehr entgegen, und unsere Kinder haben sich dort wohlgefühlt und sich gut entwickelt.

Was raten Sie Ihren Kindern, nach dem Abitur zu tun?

Die Jüngste macht gerade Abitur und hat sich in den Kopf gesetzt, Juristin zu werden. Ich kann mir gut vorstellen, dass sie das auch packt. Die beiden anderen haben eine Bankausbildung gemacht, allerdings aus freien Stücken. Nicht, weil der Papa auch in einer Bank arbeitet, sondern weil es sie interessiert. Ich unterstütze meine Kinder immer, aber entscheiden müssen sie selbst. Von Vitamin B halte ich überhaupt nichts.

Sie haben noch vor dem Abitur eine Ausbildung zum Industriekaufmann gemacht. Warum?

Ich habe nach der Realschule bei der Firma Head Ski eine Ausbildung gemacht und bin danach wieder zur Schule gegangen, auf ein Wirtschaftsgymnasium. Ich wollte immer praktisch arbeiten - und habe meinen Werdegang im Nachhinein immer als Vorteil empfunden.

Was haben Sie in der Ausbildung gelernt?

Ich wusste zum Beispiel, was eine Inventur ist. Wir Azubis mussten die Skistöcke und die Ski zählen - und haben verstanden, warum man das macht. Nach dem Studium habe ich dann ein Praktikum in einer Bank gemacht, heute würde man das wohl Trainee-Programm nennen. Da habe ich gelernt, was es heißt, eine kleine Zweigstelle zu leiten. Ich musste die ganz alltäglichen Bankgeschäfte selbst machen. Der Bezug zur Praxis ist mir schon immer wichtig gewesen, ich finde das einfach motivierend.

Können Sie sich noch an Ihren ersten Job erinnern, mit dem Sie Geld verdient haben?

Ich war 14 Jahre alt und hatte in den Weihnachtsferien einen Ferienjob. Die Firma hat aus Holz spezielle Gehäuse für Autokonsolen hergestellt. In die wurden dann Radios eingebaut. Ich musste Schleifarbeiten machen und habe danach in einer Butterbrottüte 28 Mark und ein paar Pfennige mit nach Hause gebracht. Das habe ich dann ganz stolz meiner Mutter gezeigt.

Sie sind heute Personalvorstand der DZ Bank. Welche beruflichen Ziele haben Sie noch?

Ich habe nie geplant, Zentralbank-Vorstand zu werden. Bei mir ist ein Schritt nach dem anderen gefolgt, natürlich mit Hilfe der fachlichen Qualifikationen. Das Steuerberater- und auch das Wirtschaftsprüfer-Examen waren immens wichtig für meine Karriere. Aber natürlich war ich auch mal zur richtigen Zeit am richtigen Ort, Glück gehört dazu. Ich war und bin immer offen für neue Dinge. Aktuell füllt mich meine Arbeit hier aus, ich möchte keine Sekunde missen.

Was würden Sie heute anders machen?

Ich würde heute auf jeden Fall für eine gewisse Zeit ins Ausland gehen. Bei mir hat es sich leider nie angeboten. Ich war zweimal beruflich in Ungarn, das war Mitte der 1990er-Jahre. Mehr nicht. Ich rate meinen Kindern auch, mal für ein Jahr oder sogar länger wegzugehen. Das prägt die Persönlichkeit.

Sie arbeiten in Frankfurt, und die Familie lebt in Metzingen. Haben Sie diese Entscheidung ganz bewusst getroffen?

Ja, unsere jüngste Tochter ist fast fertig mit der Schule, und wir wollten sie nicht da rausreißen. Wenn ich nicht in meiner Frankfurter Wohnung übernachte, pendele ich häufig mit dem ICE. Das finde ich nicht so schlimm. Ich setze mich in den ICE und bin knapp zwei Stunden später zu Hause. Dabei kann ich gut noch etwas lesen - verlorene Zeit ist das nicht. Mit der Familie komplett nach Frankfurt zu ziehen haben wir nicht für nötig empfunden. Jetzt, wo die Kinder groß sind, können wir natürlich auch leichter den Wohnort wechseln. Mal sehen, was die Zeit bringt.

Sind Sie ein Karrieremensch?

Ja, ich glaube schon. Ich versuche immer, ein Stück voranzukommen. Mir ist dabei aber wichtig, dass ich meine Karriere nie auf Kosten oder zulasten anderer gemacht habe. Ich muss Dinge aus mir heraus erreichen, das ist mir sehr wichtig. Ich bin ehrgeizig, aber nicht krankhaft ehrgeizig.

Sie arbeiten mehr als 60 Stunden pro Woche. Wie schalten Sie vom Job ab?

Ich bin früher viel Ski gefahren, heute gehe ich lieber auf die Jagd. In den Bergen kann ich richtig gut abschalten. Wenn ich die Schwäbische Alb sehe, macht es bei mir klick, und ich kann wunderbar entspannen. Ich liebe es, mit meinem Hund in der Natur zu sein - und ein bisschen Sport zu treiben.

Der DZ-Bank-Karriere-Preis wird heute in Frankfurt zum siebten Mal verliehen und zeichnet herausragende Abschlussarbeiten von Studenten im Bereich "Banking and Finance" aus. Kooperationspartner sind das Job- und Wirtschaftsmagazin "Junge Karriere" und das Handelsblatt. Seit 2006 wird der Preis in zwei Kategorien verliehen, zum einen bekommen Studenten mit Bachelor- und Diplomarbeiten von Berufsakademien eine faire Chance, zum anderen Absolventen mit Universitätsdiplom oder Masterarbeit. Den Siegern winken heute insgesamt 24 000 Euro. Für den Karriere-Preis 2008 reichten 170 Hochschulabsolventen ihre Arbeiten ein, die Schwerpunktthemen in diesem Jahr waren Investment-Banking und Controlling. In der Jury sind unter anderem Wolfgang Kirsch, Vorstandsvorsitzender der DZ Bank, Sven Scheffler, geschäftsführender Redakteur Handelsblatt Junge Karriere, Marliese Uhrig-Homburg, Universität Karlsruhe und Udo Steffens von der Frankfurt School of Finance and Management vertreten.

Albrecht Merz wurde 1954 in Ilshofen (Baden-Württemberg) geboren. Noch vor dem Abitur entschloss er sich zu einer Ausbildung als Industriekaufmann beim Skihersteller Head. In Tübingen studierte er später Wirtschaftswissenschaften - mit dem Ziel, Lehrer zu werden. Seine berufliche Laufbahn startete Merz 1983 beim Württembergischen Genossenschaftsverband in Stuttgart als Assistent im Prüfungsdienst, seit dem Jahr 1998 ist er Vorstandsmitglied der DZ Bank in Frankfurt. Merz ist verheiratet und hat drei Kinder.

Die DZ Bank, die Deutsche Zentral-Genossenschaftsbank mit Sitz in Frankfurt am Main, ist bundesweit für über 1 000 Volksbanken, Raiffeisenbanken, Spardabanken, PSD Banken und weitere Genossenschaftsbanken zuständig. Als Holding zählt die DZ Bank Gruppe mit einer Bilanzsumme von 431 Milliarden Euro im Jahr 2007 zu den größten deutschen Finanzinstituten. Die DZ Bank beschäftigt mehr als 24 000 Mitarbeiter, Vorstandsvorsitzender ist seit September 2006 Wolfgang Kirsch. Zu den wichtigsten Beteiligungen der DZ Bank Gruppe gehören unter anderem die Bausparkasse Schwäbisch Hall, die DZ Bank International, die DG Hyp Deutsche Genossenschafts-Hypothekenbank, die R+V Versicherung, die ReiseBank, die TeamBank, die das Produkt "Easycredit" vertreibt, die VR Leasing und die Union Investment Gruppe.

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