Ada Lovelace Festival Mehr Frauen in die MINT-Fächer

Trotz Girls' Day studieren Frauen lieber Sozialarbeit als Informatik. Denn Mint-Fächer sind für viele Frauen nur was für Nerds. Beim Ada Lovelace Festival zeigen weibliche IT-Profis, dass die Realität anders aussieht.

Kerstin Dämon, wiwo.de | , aktualisiert

Mehr Frauen in die MINT-Fächer

Foto: andreusK/Fotolia.com

Augusta Ada Byron King, besser bekannt als Ada Lovelace, hat das erste Computerprogramm der Welt geschrieben. Heute, fast 200 Jahre später, tragen Veranstaltungen und Initiativen ihren Namen, die Mädchen und junge Frauen für die sogenannten Mint-Fächer begeistern sollen. Denn trotz Gleichberechtigung und Förderprogramme setzen Mädchen und junge Frauen immer noch lieber auf geisteswissenschaftliche Fächer als auf Informatik. Derzeit liegt der Frauenanteil in den Unternehmen der Informationstechnologie- und Telekommunikationsbranche bei nur rund 15 Prozent, wie der Branchenverband Bitkom berichtet. Auf sechs männliche IT-Spezialisten kommt also nur eine Frau.

Geringer weiblicher Anteil in den MINT-Fächern

Bei Karin Vosseberg, Professorin für IT-Systemintegration und Software Engineering an der Hochschule Bremerhaven, sitzen manchmal nur ein bis zwei Frauen in der Vorlesung. "Wir haben jeweils 40 Informatik- und 40 Wirtschaftsinformatikstudenten, vielleicht zehn Prozent sind Frauen", sagt sie.

Bei den IT-Ausbildungsberufen stagniert der Anteil weiblicher Azubis sogar bei acht Prozent. "Wie bei der Berufswahl insgesamt kommt es auch innerhalb der mathematisch-naturwissenschaftlichen und den Technik-Berufen zu einer geschlechtsspezifischen Wahl", sagt Wilhelm Adamy vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB). Eine Studie des DGB zeigt: Wenn sich junge Frauen schon für eine mathematisch-naturwissenschaftliche Ausbildung entscheiden, dann wählen sie wesentlich häufiger ein Mathematik- (48,2 Prozent Frauenanteil), ein Biologie- (61,8 Prozent Frauenanteil) oder ein Pharmazie-Studium (67,9 Prozent Frauenanteil).

IT-Berufe sind nicht unkommunikativ

Dabei sind die Chancen auf dem Arbeitsmarkt – nicht nur für Frauen – in der IT-Branche besser denn je. Denn Digitalisierung geht nicht ohne fähige Köpfe, die sie umsetzen. Und verschwinden wird die voranschreitende Vernetzung von Menschen und Dingen nicht mehr. "Die Berufsaussichten in der IT-Branche sind hervorragend. Die Unternehmen haben in den vergangenen fünf Jahren mehr als 100.000 neue Arbeitsplätze geschaffen, gleichzeitig gibt es einen anhaltend hohen Fachkräftemangel mit rund 40.000 offenen Stellen für IT-Spezialisten", sagt Bitkom-Hauptgeschäftsführer Bernhard Rohleder. Und die Berufsbilder in der schnell wachsenden Branche sind vielfältig und gehen weit über das reine Programmieren hinaus. Rohleder: "Kommunikation, Kreativität und der Kontakt mit Menschen gewinnen in der IT immer mehr an Bedeutung."

Immerhin: Im Wintersemester 2014/15 ist die Zahl der Studienanfängerinnen und -anfänger in der Informatik auf 34.300 gestiegen. Knapp 7 700 davon sind Frauen. Allerdings kommt es auf den Teilbereich an, denn Informatik ist nicht gleich Informatik. "Bei der Bindestrich-Informatik, also bei Bio-Informatik, Medizin-Informatik oder Medien-Informatik oder Wirtschafts-Informatik ist der Frauenanteil höher, vielleicht muss man Informatik also mehr an Anwendungsbereiche und Themen binden", sagt Vosseberg.

Sie erlebt aber leider auch, dass viele, die ein Informatikstudium beginnen, es nicht durchhalten. "Wir haben hohe Abbrecherquoten. Mein Eindruck ist, dass die Quote bei den Frauen noch höher ist, als bei den Männern", sagt sie.

Das Vermarktungsproblem

"IT hat ein Vermarktungsproblem", ist Vosseberg ist überzeugt. Das Gerücht vom Nerd mit seiner Brille, der mit Pizzakarton und Cola im Keller sitzt und in seinem Computer verschwindet, halte sich hartnäckig. Und so wollen viele Frauen nicht sein. "Wenn man sich die Teilnehmerinnen des Ada Lovelace Festivals anschaut, sind das ganz viele faszinierende, vielseitige, erfolgreiche Frauen, aber das Gerücht hält sich", sagt Vosseberg, die selbst neben anderen IT-Spezialistinnen auf der Veranstaltung als Keynote-Speaker auftritt. Ziel der nach der ersten Programmiererin benannten Konferenz ist es, IT-Profis und Tech-Expertinnen von heute und morgen zusammen zu bringen. Zwei Tage lang geht es in Berlin um Wissenstransfer, Erfahrungsaustausch und Inspiration. Solche Veranstaltungen können helfen, das Image der Branche zu verändern, denn keine der Frauen, die dort auftritt, ist ein Nerd ohne Sozialkompetenzen.

Frauenaffine Ansprache

Auch Vosseberg findet, dass sich das Image des Informatikers ändern muss, damit der Beruf für mehr Frauen attraktiv wird. "Wahrscheinlich muss man auch an der Ausrichtung des Studiums, am Curriculum, etwas ändern, damit es Männer und Frauen anspricht. Derzeit ist es sehr an den Interessen von Männern orientiert. Aspekte wie Teamarbeit und konkrete Projekte müssen noch besser hervorgehoben werden", sagt sie.

An der Ansprache von Schülerinnen arbeiten die Universitäten, Verbände und Bildungsministerien bereits. Trotzdem: "Wir müssen unsere Anstrengungen weiter erhöhen, Mädchen, aber auch Jungen, schon in der Schule für technische Berufe zu begeistern ", sagt Rohleder von Bitkom. So informiert der Verband mit seiner Initiative "erlebe IT" in Schulen über die Chancen in IT-Berufen und richtet sich dabei speziell auch an Mädchen. Auf der CeBIT hat Bitkom zusammen mit dem Potsdamer Hasso-Plattner-Institut (HPI) zahlreiche Veranstaltungen für Schülerinnen und Schüler durchgeführt und ihre Berufschancen in der IT erklärt.

Das Problem ist laut Vosseberg, dass man die Mädchen in der Mittelstufe noch sehr gut erreichen und auch begeistern könne. Sie selber habe entsprechende Ferienkurse begleitet. Doch in der Oberstufe lasse das Interesse nach. Wenn zum ohnehin vollen Terminkalender noch der Abistress hinzu kommt, landet Programmieren auf dem Haufen der abgelegten Hobbies. "Die Entscheidungen sind im Einzelfall alle sehr gut nachvollziehbar – ein Mädchen hat sehr gut programmiert, aber auch noch Geige und Tennis gespielt und konnte eben nicht alles machen – aber in der Masse finde ich es schwierig, wenn sich die Mädchen von der Technik abwenden", sagt sie.

Schließlich handele es sich nicht nur um eine spannende Branche, sondern auch um eine, mit der sich Frauen ihren Lebensunterhalt verdienen können und der eine entsprechende Perspektive bietet. Deshalb könne Sie nicht verstehen, warum so wenige Frauen Informatik studieren. Bis es in dieser Hinsicht einen Gleichstand zwischen den Geschlechtern gibt und es keine speziellen Women in Tech-Veranstaltungen mehr brauche, werde es noch sehr lange dauern, ist Vosseberg überzeugt. Trotzdem: "Ich bin einfach gerne Informatikerin und werde nicht aufgeben, Mädchen und jungen Frauen für das Fach zu begeistern."

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de

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