Active Sourcing Erst das Vergnügen, dann das Jobangebot

Fußballturnier, Pokernacht oder Abenteuerreise – mit immer ausgefalleneren Aktionen bemühen sich die Arbeitgeber um neue Mitarbeiter. Zunehmend sind dabei sogar Geschäftsführer oder Vorstände mit von der Partie, damit künftige Kollegen vorab checken können, ob die Chemie stimmt.

Claudia Obmann | , aktualisiert

Erst das Vergnügen, dann das Jobangebot

Erst das Vergnügen, dann das Jobangebot – Recruiting-Events werden immer bunter!

Foto: JackF/Fotolia.com

"Sie haben eine Lernkurve, die kriegen Sie sonst nirgends. Und jeden Morgen wird gelacht", versprach Allianz-Vorstand Alexander Vollert seinem künftigen Assistenten. Diese Zusage machte er jedoch nicht in einem Vorstellungsgespräch unter vier Augen, sondern in einem Minivideo – für jedermann im Internet sichtbar.

Chef sucht Mitarbeiter

Vollert und acht seiner Vorstandskollegen suchten dringend fähige Nachwuchskräfte für Spitzenpositionen im Topmanagement des Münchener Versicherungskonzerns und wählten dafür einen ungewöhnlichen Weg: Je zwei Minuten lang präsentierten sie sich selbst per Video als mögliche Chefs.

Verkehrte Welt: Spitzenmanager bewerben sich um neue Mitarbeiter? Der demografische Wandel, der den raren Nachwuchs zur umworbenen Spezies werden lässt, macht's möglich. Denn Studien zufolge fehlen im Jahr 2025 bis zu 6,5 Millionen Arbeitskräfte in Deutschland, darunter rund 2,4 Millionen Akademiker.

Professionelle Talentscouts  

Daher sorgen sich Arbeitgeber nicht nur zunehmend um ihr Image bei Hochschulabsolventen, sondern buhlen zudem mit immer ausgefalleneren Aktionen um Talente – egal, ob Einsteiger oder Profis mit Berufserfahrung gebraucht werden. Das Kalkül: Mit aufsehenerregenden Events lässt sich der Radius der Personalsuche deutlich ausweiten. "Active Sourcing" nennen Experten diese Art, Personal zu gewinnen. In gut 140 der 1 000 größten deutschen Unternehmen gibt es bereits spezielle Talentscouts, zeigt eine Studie der Universitäten Bamberg und Frankfurt am Main. Diese Personaler suchen Kandidaten abseits von Stellenbörsen und Personalmessen. Sie schaffen sich ihren eigenen, exklusiven Talentpool. 

Auf Tuchfühlung 

Darin landen die besten Teilnehmer ungewöhnlicher Karriere-Events. Immer öfter sind bei diesen extravaganten Veranstaltungen Chefs oder hochrangige Manager selbst vor Ort, damit künftige Kollegen vorab checken können, ob die Chemie stimmt.

So winkte den 38 vielversprechendsten unter den insgesamt 550 Bewerbern, die sich auf eines der Onlinevorstandsvideos der Allianz hin meldeten, dann auch eine Einladung zu einem exklusiven Wochenende in Kempfenhausen am Starnberger See. Dort, im feinen Managementinstitut der Firma, lernten die Toptalente die Vorstände der Versicherung ganz zwanglos kennen und schnupperten Unternehmensluft.

Gelegenheiten für Gespräche gab es reichlich: Ob nach der Podiumsdiskussion zwischen Allianz-Deutschland-Vorstandschef Markus Rieß und Karl-Heinz Rummenigge, dem Vorstandsvorsitzenden des FC Bayern. Der berichtete als Gast, wie Talent- und Nachwuchsförderung bei seinem Fußballklub funktioniert. Oder beim anschließenden Dinner und danach bei einem Glas Rotwein gemütlich am Kamin.

Doch aller Nähe zu den Spitzenmanagern zum Trotz: Die Ansprüche an Bewerber für das Einsteigerprogramm sind hoch – denn aus diesem Talentpool sollen nicht nur künftige Vertriebsdirektoren und Fachbereichsleiter, sondern am besten sogar die Versicherungsvorstände von morgen hervorgehen. Und so mussten die Kandidaten dann am Sonntag anhand von Fallbeispielen ihr Talent als Querdenker, Innovator oder Problemlöser praktisch beweisen.

Erfolgreiches Abchecken

In diesem Punkt ähnelte das Allianz-Prozedere üblichen Auswahlverfahren fernab des Büroalltags wie sie auch Unternehmensberatungen à la McKinsey und Boston Consulting Group betreiben, um festzustellen, welche Bewerber am besten zu ihnen passen und das Zeug zum Partner haben.

Für den Versicherungskonzern war die Aktion "Check den Chef" ein Erfolg: Insgesamt konnten die Münchener so nicht nur neun Vorstandsassistenten gewinnen, sondern fast doppelt so vielen Nachwuchsführungskräften einen Arbeitsvertrag anbieten. Der erste neue Vorstandsanwärter hat bei Markus Faulhaber, Chef der Lebensversicherung in Stuttgart, gerade seine erste Arbeitswoche hinter sich gebracht.

Personal-Poker

Solche extravaganten Karriere-Events, die Jobinteressenten mehr bieten als Prospekte und Kugelschreiber, veranstalten aber nicht nur Konzerne. "All-in – willkommen zur Poker-Nacht" hieß es erst kürzlich bei Goodgame Studios: Kai und Christian Wawrzinek, die beiden Chefs des Anbieters von Browser-Spielen mit rund 800 Mitarbeitern, luden 30 Interessenten aus dem Internet ins Casino Esplanade in Hamburg ein, um dort gegen die Weltmeisterin Katja Thater zu zocken. Zwei Turnierteilnehmern gefiel dieser Mix aus Kartenspiel und Kontakt mit potenziellen Chefs und Kollegen bei Cocktails und guter Laune so gut, dass sich die Marketingspezialisten gleich für zwei von rund vierzig Vakanzen bewarben – und genommen wurden.

"Wir müssen solche alternativen Wege der Personalgewinnung gehen", sagt Chef Christian Wawrzinek. Denn speziell Informatiker oder promovierte Mathematiker mit Berufserfahrung zögen von sich aus einen Spieleanbieter nicht als Arbeitgeber in Betracht. Gegen das verbreitete Klischee, Mitarbeiter von Spielefirmen seien unkommunikative Nerds, die zwischen Pizzakartons in abgedunkelten Räumen vor ihren Bildschirmen hockten, sei nur schwer anzukommen.

Neben guten Jobaussichten sollen Bewerber auf solchen Events vor allem eins haben: Spaß. Denn "Spaß an der Arbeit und die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben werden wichtiger für Berufseinsteiger", weiß Birger Meier. Er ist beim Pharmaunternehmen Boehringer Ingelheim dafür verantwortlich, neues Personal zu gewinnen.

Spaß, Teamgeist und Fairness

Auf diesen Trend müssen Arbeitgeber reagieren. Mit flexibleren Arbeitsmodellen zum Beispiel, aber auch schon beim ersten Treffen mit potenziellen neuen Mitarbeitern. Und so geht es, losgelöst von konkreten Aufgaben aus dem Unternehmensalltag, etwa beim Football Career Cup 2014 für Studenten, Absolventen und junge Berufstätige der Fachbereiche Ingenieurwesen und IT vor allem um Spaß, Teamgeist und Fairness. Das Fußball-Turnier wird von großen Unternehmen ein- bis zweimal pro Jahr ausgerichtet, um sich einen Tag lang in zwangloser Atmosphäre mit Nachwuchstalenten zu treffen.

Zusammen mit Unternehmensvertretern bilden die jeweils rund 40 Jobinteressenten Mannschaften und treten dann gegeneinander um den Pokal an. Alexander Antretter war im vergangenen Jahr einer von ihnen. Der 27-jährige Wirtschaftsingenieur mit dem Schwerpunkt Chemie- und Verfahrenstechnik von der TU Kaiserslautern kickte im Boehringer-Team mit. Er trat gegen Mannschaften von BMW, der Deutschen Bahn und General Electric an und landete nach dem Elfmeterschießen auf dem dritten Platz. 

Erfolgreicher Karrierekick

In den Spielpausen sprach er in der Players Lounge mit Personalmanager Birger Meier und mit seinen Mannschaftskollegen über Einstiegs- und Aufstiegschancen. Dem jungen Ingenieur gefiel, was er hörte. "Im Fußballdress waren alle ganz locker. Es gab keine steifen Präsentationen oder Standardfloskeln wie auf manchen Firmenkontaktmessen", erzählt der junge Akademiker von der Veranstaltung.

Die in der Indoor-Halle vermittelte Firmenkultur hat ihn offenbar so begeistert, dass er wenig später seine Bewerbungsunterlagen abschickte: Seit September 2013 ist er als Trainee beim Pharmakonzern in Ingelheim beschäftigt. Ein Erfolg für beide Seiten. Auch in diesem Jahr will Personalchef Birger Meier daher wieder mit am Start sein, wenn es im Dezember in Kaiserslautern heißt: "Kicken für die Karriere".

Über Spaß, Sport und Spiel kommen Arbeitgeber an Talente, die sie auf üblichen Karrieremessen wohl niemals kennen lernen würden. Und so entsendet auch der Leverkusener Chemiekonzern Bayer inzwischen seine Personalmanager zu Sporturlauben mit Studenten, die Abenteuer buchen.

Outdoor das Unternehmen erleben

Urlaub gepaart mit Jobbörse, das gibt es etwa bei Simsalabim Reisen, dem Veranstalter von "Students of Sports". Hier gehen Nachwuchsakademiker in den Semesterferien auf Mountainbiketour, klettern in den Alpen oder wedeln Skipisten hinab. Und parallel zu ihrer Reisebuchung reichen sie ihren Lebenslauf ein. Die mitreisenden Manager können dann vorab bestimmen, welche Studenten sie genauer kennen lernen möchten. "Auf solchen Veranstaltungen treffen wir viele junge Talente, die offen für Neues sind und einen ausgeprägten Pioniergeist haben", sagt Bernd Schmitz. Er leitet das Hochschulmarketing bei Bayer. Sein Ziel: Auch der Leverkusener Konzern möchte sich unterwegs als spannender Arbeitgeber präsentieren.

Denn nicht allen Unternehmen geht es nur darum, Absolventen direkt vom Klettersteig oder Mountainbike weg einzustellen. Sie wollen beim Nachwuchs vor allem einen guten Eindruck hinterlassen. "Wenn die Studenten sich einige Jahre später auf Jobs bewerben, werden sie sich an das Unternehmen erinnern", sagt Reiseveranstalter Jörg Orlowski.

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