Action-Learning Ran an die Arbeit!

Prototypen basteln, Apps entwickeln, Katastrophenhilfe leisten – mit "Action-Learning" wird das MBA-Studium kreativer und praxisorientierter.

Axel Gloger | , aktualisiert


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Integrierte Bastelstunde im akademischen Lehrprogramm

Die Szene könnte aus einem Kindergarten stammen: Schere, farbiger Karton, Klebstoff und Stifte liegen bereit. "Bastelt jetzt", lautet der Auftrag. Aber so ziel- und zweckfrei wie bei den Kleinen ist diese Aktion nicht. Das Team, das um den Tisch sitzt, besteht aus 20 MBA-Studenten. Alle über 30 Jahre alt und berufserfahren. Sie sollen einen Fahrkartenautomaten für Senioren bauen, als Modell aus Pappe.

Der Kurs "Servicedesign" mit integrierter Bastelstunde ist Teil des akademischen Lehrprogramms, das die Studenten der österreichischen Limak-Business School absolvieren.

Die Idee dahinter: Wie man Service gestaltet, der bei Kunden ankommt, sollten die Studenten durch direktes Anwenden erlernen – und nicht nur theoretisch per Lehrbuch und Vorlesung.
 
Raus aus dem Hörsaal

Mit dieser Praxis ist die Limak nicht allein. Im gesamten MBA-Markt gibt es einen großen Trend: weg von der Vorlesung, Verzicht auf reine Lehrbuchweisheiten, raus aus dem Hörsaal.

"Action-Learning" heißt das in der Werbesprache der Schulen. Der neue Stoff soll nicht nur gelesen oder gehört, sondern erfahren und erlebt werden. Mal wird ein Fahrkartenautomat gebastelt, mal eine App für das Smartphone programmiert und mit Videos vermarktet, mal eine Expedition unternommen.


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Patrick Simon zum Beispiel arbeitete konkret im Fach "Strategie". Mit 40 Kommilitonen von der Harvard Business School reiste er nach China. Mehr als drei Wochen lang begleiteten die MBA-Studenten die Produktion einer chinesischen Sofafabrik und machten die Sorgen des Unternehmers zu ihren.

"Absatzzahlen eingebrochen, internationales Geschäft fehlt", schildert Simon die Diagnose der Harvard-Studenten. Sie befragten Unternehmer und Mitarbeiter, untersuchten die Absatzkanäle im chinesischen Einzelhandel und brachten neue Ideen auf den Tisch.

"Es war ein Stück harte Arbeit, aber wir haben sehr viel gelernt, vor allem auf der kulturellen Seite", sagt Simon, der inzwischen seinen Abschluss gemacht hat und bei einer Strategieberatung arbeitet. Die drei Wochen in der Möbelfabrik brachten ihm mehr als drei Wochen Studium von Fachbüchern.

Schluss mit waghalsigen Manövern

"Als Business-School müssen wir uns verstärkt darauf konzentrieren, noch näher an der Praxis zu sein", begründet Sandra Sieber, akademische Direktorin des Global Executive MBA an der IESE Business School, warum die Branche das Lernen durch eigene Erfahrung ausbauen will.

Die Finanzkrise steckt den Schulen immer noch in den Knochen. Mancher Topmanager, der sein Unternehmen mit waghalsigen Manövern in den Abgrund trieb, hatte seine Werkzeuge im MBA-Kurs erhalten. Um solche Übertreibungen künftig zu verhindern, sollen Studenten bei allem, was sie tun, den Hauch der Praxis spüren – und die Folgen ihres Handelns so besser abschätzen können.


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Das IMD zeigt exemplarisch, wie vorgegangen wird: 32 Prozent der gesamten Unterrichtsstunden laufen hier jenseits von Seminarraum und Lehrbuch. "Zwar kann man fundamentale Themen wie Rechnungswesen relativ geradeaus mit Büchern lernen", sagt Martha Maznevski, MBA-Programmdirektorin der Schule am Genfer See, "aber nicht jede Situation aus dem echten Leben lässt sich im Hörsaal vorwegnehmen."
 
Deshalb sei es wichtig, Herausforderungen des Geschäfts mit allen Sinnen zu erfahren.

Klarer als früher erkennen Professoren die Grenzen der althergebrachten Formate. Als Begründung wird immer wieder die 70-20-10 Regel genannt. "70 Prozent des Lerneffekts entstehen durch Arbeit an echten Aufgaben, Lösen von Problemen und Umsetzen im Beruf", erläutert Karlheinz Schwuchow, Professor an der Hochschule Bremen, die Kernaussage der Regel.

Schluss mit der klassischen Vorlesung

Weitere 20 Prozent erzeugt das Feedback der Umgebung – und nur klägliche 10 Prozent der Lernwirkung kommen aus Lehrbüchern und dem Unterricht selbst. "Die Vorlesung ist eine Informationsveranstaltung, mehr nicht", sagt auch Helge Löbler.

Der Marketingprofessor der Uni Leipzig befasst sich mit der Theorie des Lernens. Das Ergebnis seiner Forschung: "Am wirksamsten ist es, wenn Studenten aus dem Leben im Leben für das Leben lernen." Deshalb hat Löbler die klassische Vorlesung abgeschafft.


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Die drei Semesterwochenstunden im Fach "Marktforschung" etwa füllt er mit Projektarbeit. Beispiel: Das örtliche Museum beklagt, dass so wenig junge Leute in die Ausstellung kommen.
 
In Löblers Unterricht entwickeln die Studenten ein Design für eine Untersuchung dazu. Anschließend schwärmen sie aus – und erarbeiten gemeinsam mit der Museumsleitung eine neue Strategie. Ihr Professor ist als Koordinator und Unterstützer dabei.
 
Diese Praxis passt zum Zeitgeist. Sie bereitet die Studenten auf eine Welt vor, in der es keine Lösungen mehr nach dem Muster "Aus A folgt B" gibt. In unsicheren Zeiten erfindet sich die Realität jede Woche neu, die Lösung für aufkommende Fragen findet sich selten in der Fachliteratur.

Fallstudien sind toter Lehrbuchstoff

"Für ihr Wirken im Unternehmen von morgen brauchen die MBAs kreativ-kritisches Denken. Sie müssen in der Lage sein, hinter ein Problem zu blicken", sagt IESE-Professorin Sieber. Damit gerät auch das Monopol der Fallstudienmethode ins Wanken.

Zwar ist sie immer noch im Einsatz, wie Harvard-Absolvent Simon berichtet: "100 Prozent unserer Vorlesungen basierten auf Fallstudien." Aber deutlicher als früher sind ihre Grenzen erkennbar. "Die Studenten sehen die Fallstudie nicht als Extrakt der Realität, sondern als toten Lehrbuchstoff", sagt Lernforscher Löbler.


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Zwar ließe sich über solches Material gut diskutieren, aber ob der Inhalt auch in der Praxis anwendbar ist, können die Studenten weder erleben noch einschätzen.

Kai Peters hat daraus Konsequenzen gezogen. An der Ashridge Business School, der er vorsteht, sind die toten Fälle abgeschafft. Denn dieses Material, irgendwann von einem Fallstudienautor aufgeschrieben, bringt zu wenig Effekt. "Wir setzen nur Life-Fallstudien ein. Studenten arbeiten an echten Aufgaben aus echten Unternehmen", sagt Peters.

So solle so viel Action-Learning wie möglich in das Curriculum einfließen. Für die MBA-Schulen ist die Betonung des Action-Learnings eine Flucht nach vorn. "Zu viel Analyse, zu verkopft, zu viel unechte Laborsituationen", fasst Professor Schwuchow die Kritik am MBA zusammen.
 
Abenteuer Praxis

Deshalb setzt selbst die Harvard Business School (HBS), Erfinder der Fallstudien-Methode, auf neue Wege. Seit 2005 gibt es ein Format ohne Hörsaal, ohne Pflichtlektüre. Es setzt nur auf Erfahrungslernen: Jedes Jahr im Januar brechen mehrere Hundert HBS-Studenten für drei Wochen in das Abenteuer Praxis auf.

Als der Hurrikan Katrina New Orleans verwüstete, beteiligte sich ein Team von MBA-Studenten zum Beispiel an der Organisation des Wiederaufbaus. Für Professoren ist Action-Learning nicht selten Neuland. "Bisher wurden sie für ihre Forschung und als Autor von Aufsätzen bewertet", sagt Ashridge-Chef Peters.


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Nun sollen die akademischen Koryphäen raus aus ihrem Intellektuellen-Idyll – und Projekte in der Praxis organisieren. "Das kann nicht jeder", so die Erfahrung von Schwuchow.

Das Lernen im neuen Format habe kein vordefiniertes Ergebnis mehr, der Professor gebe seine Macht über die Inhalte ab, wisse am Anfang oft auch nicht mehr als die Studenten.
 
Das setzt ehrgeizige Action-Learning-Vorhaben oft Grenzen.

Deshalb rät Marktkenner Schwuchow jedem MBA-Interessierten, genau hinzuschauen. "Auf der Homepage der Schulen lässt sich Lernen durch Erfahrung prächtig ankündigen. Aber manchmal ist diese Werbung nicht mehr als ein Versprechen, das kaum eingelöst wird."

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