Absturzgefahr Die Illusion der gefallenen Helden

Viele Spitzenmanager, die ihren Job verlieren, rechnen damit, in kürzester Zeit eine vergleichbare Position zu finden. Ein Trugschluss mit starken emotionalen Folgen, wie Gespräche mit Betroffenen zeigen.

Claudia Obmann | , aktualisiert

Die Illusion der gefallenen Helden

Foto: alphaspirit/Fotolia.com

Sie sind mächtige Entscheider. Sie leiten globale Geschäftsbereiche, erobern Märkte und bestimmen über das Schicksal ganzer Mitarbeiterscharen – und wähnen sich als unverzichtbar für ihr Unternehmen. Umso größer ist der Schock, wenn es plötzlich für solche Topmanager großer Unternehmen oder Konzerne heißt: "Wir wollen uns von Ihnen trennen."

Plötzlich kommt die Krise

Die Ursachen sind vielfältig: Unternehmen werden gekauft, fusioniert oder umstrukturiert. Oder es haben plötzlich neue Kräfte von außen an der Firmenspitze das Sagen – die nicht selten ihre Gefolgsleute in Stellung bringen wollen. So oder so: Der plötzliche Verlust des Arbeitsplatzes stürzt auch Manager auf den höchsten Hierarchierängen wie jeden anderen Arbeitnehmer in eine persönliche Krise. Sie sind im ersten Moment ebenso vor den Kopf gestoßen und gekränkt wie alle anderen. Doch ihre weitere Krisenbewältigung verläuft danach überraschend anders als beim Durchschnittsangestellten. Denn Topmanager unterliegen offenbar einer "Wiedereinstellungsillusion".

Claus Verfürth, Mitglied der Geschäftsleitung der Düsseldorfer Outplacement-Beratung von Rundstedt, erklärt das Phänomen so: "Diese Spitzenkräfte rechnen damit, in kürzester Zeit eine neue vergleichbare Position zu erhalten." So fassen sie nach dem ersten Schock vergleichsweise rasch neuen Mut, denn ihre unerschütterliche Überzeugung, ein für die Wirtschaft wichtiger Leistungsträger zu sein, sorgt für einen emotionalen Aufschwung.

Ungewollte Umbruchsphasen

Wenn dann jedoch Tage, Wochen, ja Monate vergehen und kein Headhunter anruft, wenn keiner der hochkarätigen Kontakte ein Angebot unterbreitet und kein neuer Job in Sicht ist, "dann fallen sie in ein zweites, längeres emotionales Tief", sagt Sebastian Debnar-Daumler von der HPO Research Group. Der Wirtschaftspsychologe hat im Auftrag von Verfürth und der Kölner Hochschule Fresenius in je etwa zweistündigen Tiefeninterviews 21 Manager mit mindestens 20 Jahren Berufserfahrung zu ihrer persönlichen Trennungserfahrung befragt. Die Ergebnisse wurden unter dem Titel "Gefallene Helden: Kognitionen, Emotionen und Bewältigungsstrategien von Senior-Executives in ungewollten Umbruchphasen" zusammengefasst.

Hartmut Lüker ist einer derjenigen, die diese emotionale Berg-und-Tal-Fahrt durchgemacht haben. Auf der Höhe seiner Karriere war der promovierte Chemiker Vorstandsvorsitzender der Basell Orlen Polyolefins in Polen, die mit Kunststoff für Tupperwaren und Plastiktüten mehr als 500 Millionen Euro Umsatz pro Jahr erzielte und 450 Menschen beschäftigte. Vor fünf Jahren, mit 53, kam für Lüker plötzlich das Aus. Der gebürtige Hamburger, der in 28 Jahren Karriere in Unternehmen der einstigen Hoechst AG unter dem neuen Gesellschafter LyondellBasell gemacht hatte, sagt: "Das hat mich in eine existenzielle Krise gestürzt, denn ich habe mich stark über meinen Job definiert."

Sekretärin, Dienstwagen, Reisen, Einladungen – daran war er gewöhnt. Und damit sollte auf einmal Schluss sein? Unvorstellbar. "Ich habe doch als Manager jahrzehntelang exzellente Arbeit geleistet und bis auf Finanzen alles gemacht." Doch in der Liga über 300 000 Euro Brutto-Jahresgehalt wird es eng, und die entsprechenden General-Manager-Positionen werden nicht ausgeschrieben, sondern meist über Headhunter vergeben. "Und mich rief keiner an. Das war schrecklich." Da rächte es sich, dass Lüker seine Sekretärin all die Jahre zuvor angewiesen hatte, entsprechende Anrufer abzuwimmeln, schließlich fühlte er sich damals unverzichtbar. "Ein Fehler", wie er im Nachhinein eingesehen hat. "Solche Gespräche hätten mich über meinen Marktwert informiert."

Frust, Enttäuschung und Desillusionierung

Auch Ralf Gehlen*, der eine 19-jährige Karriere in einem Dax-Konzern hinter sich hat und zuletzt als Finanzvorstand der IT mit über 2 000 Mitarbeitern tätig war, gehört zu den Managern, die von ihrem überraschenden Durchhänger nach der Trennung vom Unternehmen berichten. Der heute 50-Jährige, der 2013 den Arbeitsplatz verlor, sagt: "Ich dachte, ich bin doch gut vernetzt. Da ergibt sich ganz schnell eine neue Chance." Doch die Enttäuschung war groß, als er feststellen musste, "dass diese Kontakte zu ehemaligen Kunden und Geschäftspartnern zu nah an meinem Ex-Arbeitgeber waren und mir keine neue Einstiegsperspektiven boten."

Frust, Enttäuschung und Desillusionierung kennt auch Wilhelm von Trott zu Solz. Der promovierte Veterinär ist stolz auf seine mehr als 25 Jahre Berufserfahrung in Konzernen, davon die letzten acht Jahre als globaler Marketingchef für Tiergesundheit bei Boehringer Ingelheim. "Mein Traumjob", sagt er rückblickend. Mit 55 dann der Nackenschlag: Ein neuer Vorstand übernahm das Ruder, die Chemie stimmte nicht mehr. Neben der Aufhebung plus Abfindung bot der Arbeitgeber ihm sogar den vorzeitigen Ruhestand an. "Das hat mich regelrecht umgehauen", erzählt der heute 60-Jährige. Der einstige Vielflieger, der als "das Gesicht der Marke" galt, konnte sich nicht vorstellen, von heute auf morgen die Hände in den Schoss zu legen. Genauso klar war auch, dass er nicht zur Konkurrenz wechseln konnte, sondern dass für den Vater von drei Kindern ein Branchenwechsel anstand. Von Trott zu Solz erinnert sich noch gut: "Wenn man Familie hat, bedeutet das schlaflose Nächte."

Verunsicherung und Orientierungslosigkeit

Persönliche Schwäche, Selbstzweifel, Versagensangst sind dem Spitzenpersonal der Wirtschaft häufig fremd. Nun aber kommt noch die bittere Erkenntnis dazu: Das Zuvorkommen, Einladungen oder der Presserummel – das war der Funktion, nicht der eigenen Person geschuldet. "Das zweite Tief ist gekennzeichnet durch Verunsicherung und Orientierungslosigkeit", fasst Psychologe Debnar-Daumler zusammen. Denn die Führungskräfte realisieren in dieser Phase noch etwas: Der feste Rahmen für ihre Handlungen ist weggebrochen. Claus Verfürth, der Manager bei der beruflichen Neuorientierung begleitet, sagt: "Als Manager bestimmt der Unternehmenserfolg und die dazu vorgegebene Strategie das Handeln. Es gibt Pläne, Prozesse und Mitarbeiter, auf die sie sich stützen. Doch dann ist auf einmal alles offen – vom Tagesablauf bis zur eigenen Rolle in der Gesellschaft."

Und neben der Vergangenheitsbewältigung gilt es, die wichtigste Frage von allen zu beantworten: Wie soll es im Berufsleben weitergehen? Hartmut Lüker bringt es so auf den Punkt, was die meisten befragten Ex-Manager durchgemacht haben: "Ich musste mich komplett neu erfinden. Das hat unglaublich viel Energie gekostet." Psychologe Debnar-Daumler sagt: "Wer sein Selbstbild und seine Identität hauptsächlich aus seiner Rolle als Topmanager speist, den trifft der Verlust seiner beruflichen Position deutlich härter. Wer sich hingegen auch als Vater, Politiker, engagiertes Vereinsmitglied oder als guter Musiker sieht, greift auf ein komplexeres Selbstbild zurück und rappelt sich schneller wieder auf."

Schwer erkrankt oder sogar zerbrochen an der beruflichen Wende ist von den Studienteilnehmern keiner. "Die Schilderungen der befragten Manager deuten darauf hin, dass sich ein solcher Umbruch gut verarbeiten lässt, wenn eine tiefgehende, manchmal auch langwierige und für viele der Befragten schwierige Auseinandersetzung mit den eigenen Zielen und Werten stattfindet", sagt der Psychologe. Und dennoch kann das Erlebnis lange nachwirken: 29 Prozent der ehemaligen Manager-Elite geben an, sich noch heute, mitunter Jahre später, durch den Umbruch belastet zu fühlen.

Abschied von der Macht

Dennoch scheint der Abschied von der Macht auch etwas Gutes zu haben: Alle Befragten sagen rückblickend, insgesamt gleich viel oder sogar mehr Lebensfreude zu empfinden als zuvor auf ihrer Spitzenposition. Über die Hälfte, nämlich 56 Prozent der Teilnehmer, tragen heute weniger Verantwortung und bewerten ihren sozialen Status geringer als in ihrer vormaligen Position. 89 Prozent bejahen aber gleichzeitig, dass sich die Qualität ihrer privaten Beziehungen verbessert hat, und 75 Prozent freuen sich über mehr Freiheiten und Gestaltungsspielraum bei ihrem aktuellen beruflichen Einsatz – nicht selten, weil sie sich entschlossen haben, künftig ihr eigener Chef zu sein. Allerdings mussten 44 Prozent der Befragten dafür auch finanzielle Einbußen in Kauf nehmen.

So wie Hartmut Lüker und Wilhelm von Trott zu Solz, die sich beide selbstständig gemacht haben – als Unternehmensberater für Personal- und Organisationsentwicklung der eine, als Berater im Pharmabereich für Tiergesundheit und für Investoren bei internationalen Firmenübernahmen der andere. Und auch wie Ralf Gehlen, der einen Geschäftsführerposten im Mittelstand übernommen hat.

So klappt der Neustart

Vor dem beruflichen Neustart ist es also nötig, eine Standortbestimmung zu machen, sich Fragen ehrlich zu beantworten wie: "Was kann ich? Was kann ich nicht, und welche Unternehmenskultur hat meinen Erfolg überhaupt erst ermöglicht?" Denn "ein Manager, der viele Jahre in einem Konzern tätig war und dort über drei, vier Stationen Karriere gemacht hat, verliert leicht die Bodenhaftung und überschätzt, was er persönlich geleistet hat", warnt Richard Fudickar.

Der geschäftsführende Partner der Personalberatung Boyden Global Executive Search sagt: "Ich habe öfter mit Managern zu tun, die noch gar nicht wieder geerdet sind. Viele haben Illusionen, wie es für sie beruflich weitergeht." Ein Coaching mit einem neutralen Profi kann hilfreich sein. "Es ist mühsam, sich zu erden, aber unerlässlich, sonst wird man nicht reüssieren." Egal ob mit oder ohne Sparringspartner, Fudickars Rat an gefallene Helden lautet: "Tabula rasa machen und dann neuen Mut für die Zukunft fassen." *Name von der Redaktion geändert

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