Absolventen Goldene Zeiten für den Nachwuchs

Maschinenbauer, IT-Firmen, Banken und Unternehmensberatungen suchen verstärkt Akademiker. 2011 hält der Boom an und bietet beste Einstiegschancen.

Frank Burger | , aktualisiert

Mit dem Gassenhauer „Man müsste noch mal 20 sein“ feierten die Deutschen 1953 ihr Wirtschaftswunder. Heute, 57 Jahre später, erlebt Deutschland einen ähnlichen Boom – der passende Songtext müsste allerdings lauten: „Man müsste noch mal Student sein“.

Denn die Berufsaussichten für Universitätsabsolventen sind so gut wie seit langem nicht mehr, viele Branchen verzeichnen massive Vakanzen, die sie unbedingt mit Akademikern besetzen wollen. „In vielen Branchen gieren die Unternehmen geradezu nach Einsteigern“, sagt Stefan Fischhuber, Geschäftsführer der Kienbaum Executive Consultants. Besonders gefragt seien derzeit Ingenieure, Ärzte und IT-Spezialisten.

Darüber hinaus profitieren Absolventen aller Fachrichtungen vom demografischen Wandel: Ab 2013 gehen die geburtenstarken Jahrgänge in Rente. Bis 2030 wird das zusätzliche Lücken in die Belegschaften der Deutschland AG reißen. Und zwar quer durch alle Branchen. Über alle Akademiker-Fachrichtungen hinweg, prognostiziert das Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW), werden bis zum Jahr 2014 knapp 1,27 Millionen Hochschulabsolventen benötigt.

Bei den größten Mangelberufen rechnet das IW zum Beispiel bis 2015 jährlich mit einem Bedarf von 70000 bis 80000 neuen Ingenieuren. Der IT-Branchenverband Bitkom meldet 18000 offene Positionen bei seinen Mitgliedsunternehmen. Und die Ärztevertretung Marburger Bund geht von 10000 fehlenden Ärzten in Deutschland bis 2015 aus.

Dieser erhöhte Bedarf bedeutet jedoch nicht, dass die Ansprüche der Arbeitgeber an Universitätsabgänger drastisch sinken würden: „Trotz des drohenden Fachkräftemangels wollen die Unternehmen immer noch die Besten“, sagt Personalberater Fischhuber. „Ein zügiges Studium mit guten Noten, Auslandserfahrung, ausgezeichnete Fremdsprachenkenntnisse und Kommunikationsfähigkeit sind Voraussetzungen für Top-Jobs.“ Zum Beispiel im Maschinenbau, wo „hochqualifizierte Absolventen derzeit absolute Mangelware“ sind, so Fischhuber. Nach einer Umfrage des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau wollen 46 Prozent der Branchenunternehmen bis einschließlich 2012 neue Stellen für Ingenieure schaffen, die in Forschung, Entwicklung und Konstruktion sowie Vertrieb und Produktion eingesetzt werden sollen.

Der zusätzliche Bedarf hängt mit dem personellen Kahlschlag des Vorjahres zusammen: 2009 wurden im deutschen Maschinenbau 34000 Beschäftigte entlassen. Für Fischhuber spielt aber auch eine Rolle, dass „an den Hochschulen zu wenige Maschinenbauer ausgebildet werden“. Der Studiengang leide nach wie vor unter einem „trockenen Image“, was vor allem Frauen von einem Studium abhalte.

Viele Branchen suchen Querdenker

Ungleich höher als im Maschinenbau ist der Anteil weiblicher Absolventen der Humanmedizin, laut Statistischem Bundesamt liegt er bei mehr als 60 Prozent. Aber egal ob Mann oder Frau: Frisch approbierte Ärzte haben beste Chancen. Zum einen in den Kliniken, die seit Jahren unter einem Mangel an Jungmedizinern leiden. Zum anderen in nichtheilenden Berufen, etwa als Manager in der pharmazeutischen Industrie oder in der Krankenhausverwaltung - für Stefan Fischhuber erfordert der anhaltende Rationalisierungs- und Konzentrationsprozess im Krankenhauswesen Führungskräfte, die Managerqualifikationen und eine fundierte medizinische Ausbildung vereinen.

Kenntnisse auf mehr als einem Fachgebiet sind auch bei den Telekommunikationsunternehmen gefragt - sie setzen auf Wachstum durch branchenübergreifende Kooperationen. „Klassische Telekommunikationsfirmen wollen ihre Umsätze in den kommenden Jahren weltweit durch Verknüpfung mit den Bereichen Gesundheit, Mobilität oder Energie steigern. Telekom-Chef René Obermann zum Beispiel rechnet auf diesen Feldern mit einem Wachstum in Milliardenhöhe“, sagt Adrian Fischer, Partner bei der Personalberatung Odgers Berndtson in München.

Smart Grid, also intelligente Stromnetze, sind solch ein Megatrend, der neue ArbeitsmarktImpulse gibt. Ein Beispiel ist die flächendeckende Verbreitung von Elektroautos. „Wenn in einer Stadt wie Hamburg nur 20 Prozent aller Autos mit Elektroantrieb fahren sollen, braucht es entsprechende Fahrzeuge mit Fotovoltaikanlagen auf dem Dach, Stromtankstellen, Wartungsservices sowie Buchungs- und Abrechnungssysteme. Da entsteht ein ganz neuer Industriezweig mit Zehntausenden von Arbeitsplätzen für Absolventen zahlreicher Fachgebiete“, sagt Fischer. Was die Bewerber mitbringen sollten: exzellentes Fachwissen, Teamfähigkeit, Internationalität und interkulturelle Kompetenz.

Offenheit für Neues

Der Anforderungskatalog lässt sich noch ergänzen: Offenheit für Neues und die Bereitschaft, querzudenken, werden immer wichtiger. Etwa für Einsteiger, die Karriere in der IT-Branche machen wollen. Dort rechnen 60 Prozent der Unternehmen in den kommenden fünf Jahren mit einem stark wachsenden Bedarf an Nachwuchs. In der IT herrscht ein Umstrukturierungsprozess, „die Firmen setzen immer mehr auf Komplettlösungen aus Hard- und Software sowie Service“, sagt Fischer.

Hinter dem Prinzip „Alles aus einer Hand“ steht eine stärkere Kundenorientierung, die auch Banken und Versicherungen umtreibt. Dazu wollen sie unter anderem ihre Leistungen internationalisieren: Wer von München nach Madrid zieht, soll seine Versicherungspolice oder sein Konto künftig einfach mitnehmen und weiternutzen können. Das zieht tiefgreifende Veränderungen in den Geschäftsstrukturen nach sich und erfordert wiederum Informatiker, Betriebswirte, Juristen und andere Absolventen mit internationaler Ausrichtung.

Internationalität ist schließlich in der Beraterbranche unabdingbar. Nach Einbruch des Stellenmarkts in den vergangenen beiden Jahren sehen die Chancen für Neulinge hier wieder gut aus – wenn sie zu den Besten zählen und felxibel sind. Gerade Strategieberatungen wie McKinsey oder die Boston Consulting Group suchen Hochleistungsnachwuchs, der bei der Arbeit nicht auf die Uhr schaut.

Wer bereit ist, sein Privatleben hintenanzustellen, verdient als Beratungsneuling im Schnitt knapp 44000 Euro. Das zeigt eine Studie des Personalmarketingspezialisten Staufenbiel. Auf dem gleichen Niveau bewegen sich die Einstiegsgehälter im Maschinenbau, Jung-Banker beginnen im Mittel bei 45000 Euro, Ärzte bei 44000 Euro, Steuerberater und Wirtschaftsprüfer kommen auf gut 40000 Euro. Fischhuber: „Die Unternehmensgröße und der akademische Grad des Einsteigers können einen Unterschied von bis zu 20000 Euro ausmachen.“ Bachelor-Absolventen seien im Gehaltspoker gegenüber Diplom- oder Master-Absolventen im Nachteil.

Wirtschaftsprüfer sind gefragt

Es gebe aber viele Stellen, so Staufenbiel-Geschäftsführerin Judith Oppitz, für die ein Bachelor-Abschluss vollkommen genüge, etwa für Vertriebsexperten im Handel. Generell seien hier die Karriere-Bedingungen, unabhängig vom akademischen Grad der Bewerber, derzeit sehr gut, besonders für BWLer, VWLer und Wirtschaftsingenieure.

Großen Einsteigerbedarf vermelden auch die Wirtschafts- und Steuerprüfungsgesellschaften. Weil hier traditionell eine hohe Fluktuation herrscht und viele Unternehmen der Branche neben dem etablierten Prüfergeschäft auf die lukrativen Beratungsaufträge schielen. Dafür brauchen sie junges Personal.

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