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Abservierte Manager Zum Sterben ins Büro

Wenn Unternehmen altgediente Manager loswerden wollen, wird es oft unschön. Da wird degradiert und drangsaliert. Die fiesen Tricks der Chefetage.

Claudia Obmann | , aktualisiert

Zum Sterben ins Büro

Abgeschoben: Am Ende sind die abservierten Manager ganz allein.

Foto: Rawpixel/Fotolio.com

An einem Frühlingstag um 17.05 Uhr brach Michael Weilers'* Welt zusammen: Der 52-jährige stellvertretende Bereichsleiter hatte sich auf das für 17 Uhr vereinbarte Jahresgespräch gefreut, denn er rechnete mit einer Beförderung. Ohne Vorwarnung eröffnete ihm sein Vorgesetzter stattdessen, dass Weilers ab sofort von seiner Führungsaufgabe entbunden sei. Fassungslos hörte der Manager, wie ihn sein Chef noch aufforderte, sein Büro zu räumen, denn man werde ihn künftig nur noch als Sachbearbeiter beschäftigen. "Diese fünf Minuten waren ein Schock, mir wurde der Boden unter den Füßen weggerissen", erzählt der Manager. Wie in Trance packte er seine Sachen, zu hause bei seiner Familie brach Weilers dann weinend zusammen: "Ich war total fertig."

Nachträgliche Rufschädigung

Doch damit nicht genug, sein Arbeitgeber demontierte ihn öffentlich. Kollegen, die dabei waren, als Weilers' Abberufung verkündet wurde, berichten, sie hätten nicht glauben können, dass von ihm die Rede gewesen sei. Der Manager, der zwanzig Jahre tadellos seine Aufgaben erledigte und dessen Personalakte beste Noten in Sachen Führungskompetenz dokumentiert, wurde als Manager verunglimpft, der Angst und Schrecken verbreitet. Gut vernetzt, wie Weilers in der Firma war, erfuhr der Unbescholtene außerdem, dass seine Personalakte frisiert und ihm die ein oder andere Verfehlung nachträglich angehängt wurde.

Michael Weilers ist kein Einzelfall. Und das Prozedere, verdiente Manager loszuwerden, keine Frage der Branche: Vom Anlagenbau über das Finanzwesen bis zur Zulieferindustrie – "unschöne Trennungen nehmen zu", bestätigt Ulrich Goldschmidt, Vorstandsvorsitzender des Verbands Die Führungskräfte, den alarmierenden Trend. Der Essener Verband berät seine rund 25 000 Mitglieder in Rechtsfragen, und Goldschmidt, selbst Jurist, stellt "einen Verfall der Sitten fest. Es wird mit bösen Tricks gearbeitet". 

Rausekeln mit Kalkül

So gibt es schon Seminare für Arbeitgeber, wie sich gestandenes Führungspersonal am besten rausdrängen lässt, und es kursieren Tipps, um hartnäckige Fälle weichzukochen. "Es gibt eine ganze Palette fieser Methoden, die Manager zermürben", bestätigt auch Christoph Abeln, Fachanwalt für Arbeitsrecht in Berlin. Am häufigsten greifen Arbeitgeber zur Versetzung: vom Heimbüro ins Headquarter etwa. Oder in die Provinz, wo die Familie unerreichbar wird.

Warum aber kommt es überhaupt zu solchen Manövern? Dahinter steckt Kalkül: Den meisten Arbeitgebern ist eine reguläre Kündigung zu teuer. Denn altgediente Manager haben oft sehr lange Kündigungsfristen. Da kann leicht ein Millionenbetrag zusammenkommen. Weil Unternehmen jedoch Managern, die sie loswerden wollen, so viel Geld nicht hinterherwerfen wollen, wird alles versucht, damit diese von selbst gehen – "das kommt billiger", weiß Abeln. Die Zahl all dieser unerfreulichen Fälle wird nirgendwo erfasst. Zumal nur wenige vor Gericht landen.

Grund für die Querelen sind oft Chefwechsel. Dann will der Neue seine eigenen Leute auf wichtigen Posten um sich scharen, die aber besetzt sind. So war es bei Michael Weilers, und so erlebte es auch Lars Reimann*: in der Unternehmenshierarchie runtergestuft, der Verantwortung beraubt, das interne Netzwerk zerstört. Als der Chef, der Lars Reimann für das EDV-Unternehmen engagierte, die Firma verlies, wurde der ehemalige Direktor Reimann, der Millionenprojekte einfädelte, langsam, aber sicher aufs Abstellgleis geschoben. "Mein neuer Chef, ein junger Inder, konnte mit mir nichts anfangen. Für den bin ich mit 59 steinalt, und Kontakte in die asiatische Geschäftswelt hat der selbst", sagt der Münchener.

"Und so war plötzlich meine Lobby weg, und ich konkurrierte mit Managern, die der indische Vorgesetzte einschleusen wollte." Reimann zog den Kürzeren: "Ich wurde bewusst vom internen Infofluss abgeschnitten." Erst wurde er vom Headquarter ins Homeoffice verbannt, dann mit Reisesperre belegt. Angeblich alles, um Kosten zu sparen. Nach zwei Jahren der Isolation findet sich Reimann nun auf einer Stelle wieder, auf der er Berichte produziert – "für die Tonne", wie er sagt. "Die wollen mich sauerfahren", glaubt der Manager, "damit ich von mir aus kündige."

Kurz vorm Burnout

Beinahe ist es auch so weit: Kopfschmerzen und Schlaflosigkeit sind Warnsignale dafür, dass die Situation unerträglich wird. Doch die Taktik des Managers, dem früher kein Wochenende heilig und der auch im Urlaub verfügbar war, lautet: durchhalten – irgendwie. Reimann: "Ich hab 15 Jahre loyal für die Firma geschuftet, nun fehlt mir die Kraft, um noch in eigener Sache zu kämpfen. Ich bin nur noch an einer vernünftigen Vorruhestandsregelung interessiert."

Zur Degradierung kommen oft noch gezielte Schikanen hinzu, um den Leidensdruck zu erhöhen: Der Manager bekommt ein mieses Büro – gern ohne Computer und Telefon und daher auch als "Elefantenfriedhof" oder gar "Sterbezimmer" verrufen. Der bestellte neue BMW wird storniert, stattdessen gibt es nur noch einen gebrauchten Dienstwagen. Oder der Manager wird überraschend von der Einladungsliste der Führungskräfte-Tagung gestrichen. Das alles ist demütigend und rufschädigend zugleich.

Gefährliche Abwärtsspirale

Schon seine Degradierung traf auch Michael Weilers zutiefst, der Hausarzt verordnete Beruhigungspillen. "Doch ich habe keine Ruhe gefunden, denn ich war ein Workaholic – meine Arbeit verlieh meinem Leben Sinn und Bedeutung." Als er dann noch erfuhr, wie sein Ruf ruiniert wurde, "war das so vernichtend für mich, dass ich sogar daran dachte, mir etwas anzutun", sagt der Manager. "Es war, als ob man mir mein Herz herausgerissen hätte."

Egal, ob mit oder ohne gezielte Repressalien: "Eine Abwärtsspirale kommt in Gang", weiß Anwalt Abeln. Dadurch drohen Betroffenen auch massive Gehaltseinbußen, denn entsprechend den geringer bewerteten Aufgaben reduziert sich die variable Vergütung. "Kommt es später zu Abfindungsverhandlungen, führt diese gesenkte Gesamtvergütung auch zu einer niedrigeren Abfindungssumme", warnt der Arbeitsrechtler. "Solche Tricks sparen den Unternehmen Geld, weil viele Betroffene sich nicht wehren oder die fiesen Motive dahinter nicht erkennen – oder noch schlimmer: sie nicht wahrhaben wollen." Zunächst wirke ja alles völlig natürlich. Besonders perfide sei es, wenn das Ganze verkauft werde als das Ergebnis einer Analyse von Wirtschaftsprüfern oder Strategieberatern. Beschließt der Manager erst viel später zu klagen, "hat er auch noch schlechte Karten", weiß Abeln. Denn der Richter wird fragen, warum der Kläger allen Veränderungen zugestimmt hat.

So widerstandslos wie viele Leidensgenossen wollte sich Weilers nicht abschieben lassen. Er setzte sich zur Wehr, verklagte seinen Arbeitgeber – und gewann. Es dauerte gerade mal eine Viertelstunde, da verkündete der Richter, die Versetzung sei ungültig und Weilers sofort auf der alten Position weiterzubeschäftigen. So schnell Weilers' Welt zusammengebrochen war und so unendlich ihm die Zeit bis zum Urteil schien, so heilsam waren die 15 Minuten im Gerichtssaal. Weilers: "Da fühlte ich mich schlagartig besser." Prozesse gegen Arbeitgeber dauern etwa sechs bis neun Monate. Eine emotional sehr belastende Zeit für Weilers, vor allem, weil der Ex-Manager pflichtschuldigst seinen neuen Job als Sachbearbeiter erledigte. Außerdem plagten ihn Selbstzweifel: "Ich habe immer einen fairen und vertrauensvollen Umgang mit Mitarbeitern gepflegt, aber sicher habe ich auch Fehlentscheidungen getroffen." Weiter in die Firma zu gehen, war "ein schrecklicher Spießrutenlauf". Weilers musste zudem feststellen, dass die meisten seiner Kollegen Angst hatten, sich mit ihm sehen zu lassen – "aus Furcht, der nächste auf der Abschussliste zu sein".

Nicht persönlich nehmen

Auf die alte Stelle zurückzukehren, blieb jedoch Theorie. Denn "meine Vorgesetzten im Vorstand, die das angezettelt hatten, wussten nicht, was sie sagen sollten, als sie mir nach dem Prozess begegneten". Und auch Weilers Vertrauen in seinen Arbeitgeber war "komplett zerstört". Aber wenigstens stimmte nach dem Richterspruch zum ersten Mal das Abfindungsangebot, und so unterschrieb Weilers den Aufhebungsvertrag.

Eine wichtige Erkenntnis habe er aus diesen Erlebnissen gewonnen, sagt Weilers: "Es lag nicht an mir persönlich, sondern es gibt viele loyale Führungskräfte, die Ähnliches erleiden. Denn es existiert inzwischen eine regelrechte Manager-Maschinerie, gegen die ein Einzelner kaum eine Chance hat."

*Name von der Redaktion

1. Rasch handeln

Es drohen Gehaltseinbußen, denn durch niedriger dotierte Aufgaben oder weniger Budget- und Personalverantwortung auf der neuen Stelle reduziert sich die variable Vergütung. Kommt es danach zu Abfindungsverhandlungen, führt die reduzierte Gesamtvergütung auch zu einer niedrigeren Abfindung.

2. Rechtsbeistand suchen

Der Anwalt kann einschätzen, ob eine Klage gegen den Arbeitgeber wegen Herausdrängens aus dem Arbeitsverhältnis Aussicht auf Erfolg hat und ob sogar Schadensersatzforderungen erhoben werden sollten.

Beweise sammeln Gesprächsnotizen zu Umstrukturierungsplänen, Jobofferten und Gehaltszusagen anfertigen und als Protokoll an den betreffenden Vorgesetzten versenden und dieses auch ausdrucken. Auch organisatorische Änderungen, die stutzig machen, sofort schriftlich bei den Vorgesetzten hinterfragen, um im Konfliktfall die Chance zu erhöhen, Recht zu bekommen.

3. Manipulation verhindern

Personalakte anfordern und Inhalt kopieren, um sicherzugehen, dass das Dokument nicht nachträglich zu Ungunsten erweitert wird.

4. Ungleichgewicht beseitigen

Wenn es zum Prozess kommt, ist der klagende Manager Prozessbeteiligter und kann kein Zeuge in eigener Sache zum Inhalt eines Vieraugengesprächs sein. Der beteiligte Personalchef dagegen schon. Daher vor Gesprächen mit Vorgesetzten und Personalern nach Inhalt fragen und eine Vertrauensperson mitnehmen.

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