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Die Deutsche Bahn poliert am Image
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Wie sexy ist die Deutsche Bahn?

Teil 3: Zufriedene Mitarbeiter

Der Umsetzung dieses Ziels stehen die Konzernregularien im Weg. "Das geht ja schon bei der Stellenbewertung los. Was verdient denn ein Agility Master im Vergleich zu einem Abteilungsleiter? So was will auch der Betriebsrat wissen. Noch haben wir da nicht für jede Frage eine formal saubere Antwort", sagt Gemeinder. Aber man arbeite daran.

Die Unterstützung der Mitarbeiter dürfte er haben. Denn das Gros findet die veränderte Arbeitswelt offenbar gut, wie die jüngsten Mitarbeiterbefragung durch die Marktforscher der GfK zeigt, an der mehr als 194.000 Bahner teilgenommen haben. Insgesamt gaben 67 Prozent an, dass sie mit dem Job zufrieden sind, 63 Prozent sind es mit der Bahn als Arbeitgeber. Zwölf Prozent sagten, sie seien unzufrieden. Zum Vergleich: Deutschlandweit sagen im Schnitt 15 Prozent der Mitarbeiter, dass sie eine hohe Bindung zu ihrem Job beziehungsweise Arbeitgeber haben.

Maximale Automatisierung im Güterverkehr

Im Februar eröffnete außerdem in Frankfurt das digitale Lab "amspire" im "House of Logistics & Mobility". Dort arbeiten rund 50 Data Scientisten, Entwickler und Querdenker gemeinsam mit Logistikexperten an Automatisierungs- und Digitalprojekten im Güterverkehr der DB Cargo. Was dort passiert, hat wenig mit Güterzügen, Fahrplänen und Rangierbahnhöfen zu tun, sondern mehr mit Automatisierung, Sensortechnik und Predictive Analytics, also Vorhersagen, wann eine Lok in die Werkstatt muss und was kaputt sein könnte. Der Rangierbetrieb läuft schon automatisiert. In den nächsten drei bis vier Jahren sollen Züge überall automatisiert Fahren.

50 bis 60 verschiedene Sensorwerte gibt jede der rund 3000 Loks von sich. Die Daten dieser Triebfahrzeuge laufen in einer Plattform zusammen, auf die Mitarbeiter in der Werkstatt, der Produktion, Technik, im Kundenkontakt und der Planung zugreifen sollen. Die Plattform betreibt die Cargo selbst. "Wir können schlecht die Daten aller unserer Fahrzeuge über einen Hersteller – zum Beispiel durch Siemens – sammeln und verwalten lassen. Deshalb laufen diese Fahrzeugdaten bei uns zusammen und werden dort mit betrieblichen Daten korreliert und für Analysen und Anwendungsfälle bereitgestellt", sagt Fabian Stöffler, Vice President Asset Digitization bei DB Cargo. So richtig rund läuft das allerdings noch nicht.

Transformierungswille der Bahn zieht Bewerber an

Der Kupferproduzent Aurubis beklagte sich gegenüber der WirtschaftsWoche, dass die Cargo ihnen die bestellten Waggons zwar zur Verfügung stellt – aber leider viel zu spät. Auch das Stahlwerk Thüringen und der Stahlkonzern Salzgitter beschwerten sich über Verspätungen und hohen Organisationsaufwand. Aurubis sei zum Teil auf Lastwagen umgestiegen, um seine Güter zu transportieren, die Situation sei "unbefriedigend". Bei Salzgitter habe man "verstärkt mit Wettbewerbern der Deutschen Bahn und Lkw-Versand" gearbeitet. Die Unzufriedenheit und Unzuverlässigkeit schlägt sich im Ergebnis der Bahnsparte nieder: DB Cargo ist seit Jahren ein Sanierungsfall. Zwar lag der Umsatz im ersten Halbjahr 2017 bei 2,3 Milliarden Euro, trotzdem macht DB Cargo weiter hohe Verluste. Hier schlägt zudem die monatelange Sperrung der Rheintalstrecke ins Kontor. Bisherige Sanierungskonzepte scheiterten.

Für Fachkräfte ist die Cargo trotzdem ein attraktiver Arbeitgeber, wie Stöffler sagt. Das Lab suche allerdings keine klassischen Eisenbahner, sondern Leute, die die Eisenbahn transformieren wollen. Die findet die Cargo auch, so Stöffler. "Wir haben Erfolg bei Bewerbern. Tatsächlich bekommen wir auch Leute aus namhaften IT-Unternehmen, die bei uns arbeiten wollen, um die Veränderungen mit zu gestalten." Denn auch hier gehen neue IT-Projekte mit einer veränderten Arbeitsweise einher. "Anstatt nur mit neuen Systemen zu arbeiten, binden wir die Mitarbeiter eng ein und fragen ganz gezielt auch: Wie stellt ihr euch die Veränderung eures Arbeitsplatzes vor?", sagt Stöffler.

Auf dem Weg zu Deutschlands beliebtestem Arbeitgeber?

Tiefrote Zahlen, teure neue Labs, IT-Projekte und Thinktanks – im Controlling dürfte die Cargo trotz aller Begeisterung der Mitarbeiter für Kopfschmerzen sorgen. "Neuentwicklungen bei der IT sind grundsätzlich erst mal Kostentreiber", räumt Stöffler ein. Deshalb sei es so wichtig, den Mehrwert sichtbar zu machen. Den sieht er unter anderem darin, die Arbeitsvorbereitung verbessert werde, weil die Werkstatt weiß, welche Teile sie vorbestellen muss, bevor der Zug dort ankomme. Der könne dann schneller repariert und dem Kunden schnell wieder zur Verfügung gestellt werden. Außerdem lassen sich die Daten vielfältig monetarisieren, wie Stöffler sagt. "Wir können uns schon vorstellen, die Informationen, die wir von unseren Loks bekommen, an Infrastrukturbetriebe zu verkaufen. Noch ist das aber nur eine Idee."

Informationen zum Ladegut werden bereits verkauft, aber auch bei Lärmdaten wäre das künftig denkbar. Ob die Bahn damit ihr Ziel erreicht, 2020 Deutschlands beliebtester Arbeitgeber zu werden? Stöffler hält die Chancen für gut. Er sagt: "Es war noch nie so sexy, bei der Deutschen Bahn zu arbeiten, wie heute." 


Zuerst veröffentlicht auf: wiwo.de
Dieser Artikel ist erschienen am 03.11.2017
 

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