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Die Deutsche Bahn poliert am Image
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Wie sexy ist die Deutsche Bahn?

Teil 2: Flexible Arbeitszeiten im Rahmen des Möglichen

Er gibt ein Beispiel: "Die Mitarbeiter, die sich um die Entstörungen und Instandhaltung kümmern, sind früher morgens früh zur Arbeit gekommen, haben ihre Aufträge für den Tag abgeholt und sind losgefahren. Heute bekommen sie ein Paket mit Aufträgen und können sich selber einteilen, wann sie welchen Bahnübergang kontrollieren", sagt Kraller. Taucht eine Störung auf, werden die Kollegen natürlich weiterhin angefunkt und zu der entsprechenden Anlange beordert. Einen regulären Arbeitstag können sich die Mitarbeiter aber selbst einteilen. "Es hat doch wenig Sinn, den Kollegen vorzuschreiben, bei strömendem Regen eine Anlage zu warten, die nicht überdacht ist. Wenn die sich das flexibel über die Woche einteilen und ihre Touren planen können, ist das doch viel sinnvoller. Das merken wir auch bei der Produktivität", begründet Kraller die Entscheidung.

Auch die Mitarbeiter im Reisebüro am Bahnhof Mühldorf können sich ihre Arbeit selber einteilen. Die Arbeitszeiten seien zwar festgelegt, aber wer im Reisebüro welche Aufgabe übernimmt, können die Kollegen sehr wohl selbst entscheiden.

Zeit, Kommunikation und starke Nerven

Für die Mitarbeiter bedeutet das: mehr Freiheit, aber auch mehr Verantwortung. Das gefalle nicht jedem. Auch für die Führungskräfte sei das neue Arbeiten sehr anstrengend, gibt Kraller zu. "Wenn ich etwas ändern möchte – zum Beispiel, dass sich die Kollegen aus dem Reisebüro auch um die Mobilitätshilfen für Rollstuhlfahrer kümmern – kann ich das nicht mehr anordnen. Ich muss es in die Abstimmung geben." Wenn es schlecht läuft für ihn, sagen die Kollegen dann "Nein."

Deshalb brauche dieses Arbeitsmodell Zeit, Kommunikation – und starke Nerven, bis es rund läuft. "Wir haben am Anfang viele Fehler gemacht. Wir haben zum Beispiel nicht zu Beginn als Rahmenbedingung festgelegt, dass die Fahrgäste immer an erster Stelle stehen müssen", sagt Kraller. "Wenn das nicht klar geregelt ist, werden Sie bei einer Abstimmung zum Thema Mehrarbeit den Kürzeren ziehen. Solche Dinge mussten wir lernen." Trotzdem: Für die 60 Mitarbeiter des Regionalnetzwerkes, die selbstorganisiert arbeiten, sei es eine große Verbesserung. Gerne möchte Kraller die Arbeitsweise auf so viele Mitarbeiter wie möglich ausweiten. Für alle könne und werde agiles Arbeiten aber nicht funktionieren. "Bei uns gibt es rund 200 Lokführer. Da ist sehr klar geregelt, was die wann zu tun haben", sagt er. Diese Kollegen könnten eventuell flexiblere Schichtpläne bekommen oder die Urlaubsplanung selbst organisieren.

Bei der DB Systel, der IT-Tochter der Bahn, arbeitet viele Teams möglichst selbstorganisiert, wie Marcus Gemeinder erzählt. Er ist seit mehr als zehn Jahren als Projekt- und Programmleiter im Bahnkonzern tätig, heute ist er für das agile Arbeiten bei der Systel zuständig. "Es geht heute bei uns um Selbstorganisation, um kurze Entscheidungswege, Verantwortungsübernahme und damit letztlich mehr Flexibilität und Geschwindigkeit. Früher haben wir Entscheidungen immer weit nach oben durchgereicht, das dauert viel zu lange", sagt er. Methoden wie Scrum oder Kanban spielen bei der Arbeitsweise dagegen eine nachgelagerte Rolle, wie er sagt.

Transformation ist noch nicht vollständig abgeschlossen

"Scrum passt nicht überall hin. Da legt man ja zu Beginn eines ein- bis vierwöchigen Sprints fest, womit man sich beschäftigen wird. Wenn jetzt aber am zweiten Tag eines Sprints der CIO eines Kunden anruft und sagt: es gibt da ein Problem, das dringend gelöst werden muss können wir das ja schlecht ins Backlog schreiben und sagen: Wir kümmern uns vielleicht in drei Wochen darum." Allgemein hält er wenig davon, sich beim Arbeiten auf Methoden zu fixieren. Gerade, da jedes Team andere Herausforderungen habe, könne es nicht eine Methode für alle geben. "Sonst heißt die Arbeitsweise nachher vielleicht anders, aber man steht sich mit den gleichen starren Strukturen weiter selbst im Weg." 

Bei Bewerbern zieht das, wie auch die Auswertung der Marktforscher von Trendence belegt. Bei den Entwicklern und sonstigen Computerexperten hat die Deutsche Bahn als Arbeitgeber in den vergangenen Jahren an Attraktivität stark zugenommen. 2017 belegte die Bahn bei den IT-Experten Platz 28 von 100 Unternehmen. "Wir bekommen sehr gute Bewerber", bestätigt Gemeinder. "Wir sind auch in der Szene bekannt dafür, dass wir nicht nur in einzelnen Projekten agil arbeiten, sondern unsere gesamte Organisation transformieren." Noch sei allerdings kein Team komplett in die neue Arbeitswelt transformiert. Dann nämlich soll es keine klassischen Führungskräfte mehr geben, sondern nur noch Rollen: Der Product Owner, der bestimmt, was gemacht werden soll, das Team, das bestimmt, wie es die Aufgabe umsetzt und der Agility Master, der das Team und die Mitarbeiter in ihrer Arbeit unterstützt und sich beispielsweise um individuelle Weiterbildung kümmert.
 

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