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Finanztechnologie
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Vorsicht Banken: Start-ups auf dem Vormarsch

Kerstin Dämon, wiwo.de
FinTechs lassen Banken alt aussehen. Die Unternehmensberatung Roland Berger beziffert nun erstmals den möglichen Schaden: Erobern Start-ups das digitale Feld, könnte das die Banken 30 Prozent der Erträge kosten
Während Banken ihre Mitarbeiter entlassen und Filialen schließen müssen, machen Finanz-Start-ups im Netz das große Geld mit dem Kreditgeschäft. Sie bieten Gratiskonten, die sich schnell und einfach online eröffnen und verwalten lassen, individualisierte Versicherungen per App und sie vermitteln Kredite von Privat an Privat – ohne große Bonitätsanforderungen, dafür mit hübscher Rendite. Das können Banken schon allein wegen der Regularien nicht leisten: Sie müssen beraten, müssen Einlagen bis zu einer gewissen Höhe garantieren und können sich nicht mehr mit dem Verweis aufs Kleingedruckte aus der Affäre ziehen, wenn sich das investierte Geld der Kunden in Luft auflöst.

Trotzdem sind Banken im Vergleich zu FinTechs aus Sicht der Kunden nicht die sichere Blackbox, sondern behäbig und gestrig. Auch wenn bei vielen Finanz-Start-ups mittlerweile Katerstimmung herrschen mag. Der Finanzdienstleister Catella Research hat nachgezählt: Gab es in Deutschland vor einem Jahr noch etwa 40 FinTech-Start-ups, waren es Anfang November 2015 schon gut 250, rund 40 Prozent davon sitzen in Berlin. Weltweit gibt es derzeit mehr als 12.000 Finanz-Start-ups. Der Großteil ist in Großbritannien, hauptsächlich London, beheimatet, gefolgt von Schweden und Finnland. Und die neuen Finanzdienstleister sitzen nicht in billigen Büros am Rande der Stadt oder im Gewerbegebiet, sondern im traditionellen Bankenviertel – also direkt vor der Nase der analogen Wettbewerber.

Es droht ein Drittel Ertragsverlust

Die Unternehmensberatung Roland Berger hat nun einmal ausgerechnet, wie teuer es die klassischen Banken zu stehen kommt, wenn sie das Digitalgeschäft an die Konkurrenz verlieren. Zwar bieten Deutsche Bank, Sparkassen, Volksbanken und Co. einfache Bankgeschäfte schon heute online oder mobil an. Nur bei der Abwicklung komplexer Finanzprodukte zucken viele Banken die Schultern. Laut der Studie "Executive Retail Banking Survey: Digital Transformation" könnte das Retail Banken jedoch bis zu 30 Prozent ihrer Erträge kosten.

Die Studie basiert auf einer Umfrage von 65 europäischen Banken, darunter neun deutsche Finanzinstitute. "Wenn es um Kontoeröffnungen oder Kreditkartenanträge über Online- oder Mobile-Kanäle geht, haben deutsche Banken ein besseres Leistungsspektrum als europäische Banken", sagt Wolfgang Hach, Partner von Roland Berger.

Das Banken-Dilemma

Das Online-Verhalten ihrer Kunden werten allerdings nur 45 Prozent der Institute aus. Entsprechend hat mehr als die Hälfte der Banken schlicht keine Ahnung, was der Kunde nutzt und was er will. Und das ist gefährlich. "Die Banken kommen unter Druck, denn Kunden erwarten die gleiche schnelle, flexible und zuverlässige Abwicklung ihrer Geschäfte wie bei Online-Händlern", ergänzt Co-Autor Sebastian Steger. Schnelle und flexible IT-Lösungen verhindern jedoch wieder die Regularien.

Hinzu kommt eine zurückhaltende Investitionspolitik der Banken. Zudem sehen die Studienteilnehmer in der Digitalisierung weniger einen zusätzlichen Umsatztreiber als vielmehr eine Ergänzung zum traditionellen Geschäft. Ein Drittel der befragten deutschen Banken rechnet mit Umsatzzuwächsen von weniger als zwei Prozent. "Ohne innovative Angebote geht es aber nicht. Die Kunden wandern früher oder später zu digitalen Wettbewerbern ab. Das zieht die Umsätze nach unten", erklärt Hach.

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de
Dieser Artikel ist erschienen am 20.12.2015

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