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Bewerbern fehlt im Recruitingprozess der direkte Kontakt ins Unternehmen.
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Digitale Bewerbung

Unternehmen hinken der Moderne hinterher

Nora Schareika, wiwo.de
Ein prüfender Blick auf die Karriere-Webseiten namhafter Unternehmen bringt große Unterschiede im Recruiting-Prozess zutage. Digitale Tools, die es Bewerbern leicht machen, sucht man noch viel zu oft vergeblich.
Die Karriere-Webseiten großer Unternehmen sind nach wie vor nicht bewerberfreundlich aufgemacht. Das zeigt eine Studie des Beratungsunternehmens Net Federation, für die 75 Unternehmen aus Deutschland mit Konzernstruktur auf 157 relevante Kriterien abgeklopft wurden. Auffälligster Befund: Auch große Unternehmen tun sich schwer damit, Bewerbungsprozesse an gängige Online-Standards anzupassen – und sich dafür von ihren eigenen, gewohnten Standards zu verabschieden.

Die Tester der Beratungsfirma gingen dabei ähnlich vor, wie es Bewerber tun würden: Wenn sie nach 30 Sekunden nicht die gewünschte Information auf einer Unternehmensseite gefunden hatten, wurde der Aspekt als nicht vorhanden vermerkt.

Ein Beispiel: Nur 13 von 75 Firmen bieten im Bewerbungsprozess leicht auffindbar die Möglichkeit, einen Lebenslauf als Datei hochzuladen. Für Bewerber gehört das zu den zeitsparenden Varianten – mühsames Übertragen in Online-Formularbaukästen dagegen kann sogar zum Abbruch einer Bewerbung führen. Noch seltener wird die sogenannte One-Click-Bewerbung angeboten, bei der Bewerber ein Linkedin- oder Xing-Profil mit relevanten Informationen für Recruiter freigeben können. Nur acht Prozent der für die Studie geprüften Unternehmen bieten diesen Service an. Immerhin rund 20 Prozent der Bewerberportale lassen ein Login per Linkedin-Account zu. Das erleichtert es Bewerbern, die sich sonst weitere Nutzernamen und Passwörter merken müssten. Zudem fällt die lästige Registrierung weg.

Großer Mangel: Kein persönlicher Kontakt zum Unternehmen


Zugeknöpft präsentieren sich die meisten der getesteten Unternehmen in puncto Bewerberchat. Die Möglichkeit, Fragen kurz und formlos zu beantworten, was oftmals sicher im Sinne der Bewerbung wäre, fällt damit weg. 98 Prozent der Bewerber wünschen sich laut Net Federation einen festen Ansprechpartner. Das bietet nur rund die Hälfte der Unternehmen. Lediglich acht Prozent bieten eine digitale Kontaktmöglichkeit oder Online-Rückfragen an. Vorbildlich zeigt sich hier BASF mit seinem Bewerberchat: Ohne aufwendige Registrierung kann man hier unter Angabe von Name und Mailadresse Fragen zu Stellenausschreibungen, aber auch technische oder sonstige Fragen stellen.

Manchmal wollen Bewerber auch selbst herausfinden, worauf es bei dem Unternehmen ankommt. Dann wünschen sie sich leicht auffindbare Angaben dazu auf der Karrierewebsite. Auch hier vergibt jedes zweite Unternehmen eine Chance – 49 Prozent bieten keine Tipps zur Bewerbung.

Bewerber auf der Suche nach Benefits

Seit Jahren wird bei Jobsuchenden auch das Thema Work-Life-Balance immer wichtiger. Sie machen vielleicht sogar ihre Bewerbung davon abhängig, ob das Unternehmen ihrer Wahl Angebote für Familien macht, Teilzeit ermöglicht und andere Benefits bereithält. Hervorzuheben wäre hier das Versandhaus Otto, das umfänglich über alle Möglichkeiten für Beschäftigte informiert – schon vor der Bewerbung. Dort heißt es: "Wir unterstützen dich in deiner individuellen Arbeitszeiteinteilung, um dir Platz und wertvolle Zeit für deine Familie zu ermöglichen." Den Punkt haben 64 Prozent der ausgewerteten Unternehmen zwar im Auge – 36 Prozent aber nicht.

Wenn man sich bewirbt, können Erfahrungsberichte eine Hilfe sein. Im Karrierebereich der Deutschen Bahn haben Interessenten Glück und finden eine Reihe davon in Bild, Text und Videos. Andere Unternehmen bieten deutlich weniger. Vorbildlich fanden die Tester, dass im Testimonial-Bereich auch gleich ein Button "hier bewerben" ins Auge springt.

Als Serviceplus gilt zudem, wenn Bewerber sich nach Absenden ihrer Bewerbung selbst über den Bearbeitungsstand informieren können. Im Ranking der 75 Unternehmen erreicht die Telekom mit 587 von 1000 möglichen Punkten den besten Wert und stach dabei vor allem im Bereich Dialog und Interaktion hervor. Das gesamte Ranking ist zu finden auf www.hr-benchmark.de.

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de
Dieser Artikel ist erschienen am 06.04.2018
 

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