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Start-ups
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Start-up-Szene

Stimmung top, Politik Flop

Jens Tönnesmann, zeit.de
Start-up-Gründer fühlen sich von der Politik noch immer nicht verstanden – trotz aller Annäherung.
Einmal im Jahr stellen die Start-up-Gründer der Republik den Politikern des Landes ein Zeugnis aus. In diesem Jahr ist es fast so niederschmetternd wie im vergangenen: Drei von vier Jungunternehmern sind nach wie vor überzeugt, dass die Politik die speziellen Belange von Start-ups bestenfalls "ausreichend" verstehe. Fast jeder zweite hält das Verständnis gar für "mangelhaft" oder "ungenügend". Das zeigt der gerade erschienene Deutsche Startup Monitor, für den die Lobbyorganisation Bundesverband Deutsche Startups zusammen mit der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin rund 1.000 Start-up-Unternehmer befragt hat. Auch die Förderung des Gründerstandorts durch die Bundesregierung bewerten die Unternehmer darin nur als "ausreichend".

Parteien suchen Nähe zu Gründern

Das ist bemerkenswert, denn ansonsten sind die Gründer recht guter Dinge: Der Studie zufolge sind sie zufriedener als Arbeitnehmer, schätzen ihre Geschäftsaussichten mehrheitlich als günstig ein, wollen in den kommenden zwölf Monaten durchschnittlich acht Stellen pro Firma schaffen und arbeiten mit etablierten Unternehmen heute besser zusammen als noch vor einem Jahr. Die schlechten Noten für die Politik sind aber auch deswegen erstaunlich, weil Vertreter aller Parteien in den vergangenen Jahren die Nähe zu Start-ups gesucht haben – auf Konferenzen, auf Start-up-Rundfahrten und bei Ausflügen ins kalifornische Silicon Valley genauso wie bei Gesprächen in Hinterzimmern. Mitten in der Flüchtlingskrise etwa nahm sich Kanzlerin Angela Merkel neulich Zeit, um die Gründerinitiative UnternehmerTUM der TU München und der BMW-Großaktionärin Susanne Klatten zu besuchen.
 
Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel hat diese Woche die Berliner Gründerszene zu einem Gespräch mit dem Elektroauto-Pionier Elon Musk geladen; im Grußwort zur Studie schwärmt er von Gründungen als dem "Lebenselixier für unsere Wirtschaft". Und wenn am Sonntag in München Bits and Pretzels eröffnet wird, das größte Gründerfestival der Republik, dann lädt Bayerns Wirtschaftsministerin Ilse Aigner zum Empfang.

Das Lebenselixier der Wirtschaft

Sich mit innovativen, jungen Unternehmen zu umgeben gehört für Politiker in Berlin und anderswo zum guten Ton. Es zahlt aufs Image ein und ist zumeist ein dankbares Unterfangen: Man schüttelt Hände, macht Selfies und lässt sich innovative Erfindungen erklären. Deutschlands Gründer wiederum schätzen es, wenn Politiker auf ihren Konferenzen Reden halten, selbst wenn sie dabei manchmal Mühe haben, ihre eigenen Förderprogramme richtig zu benennen. Die jungen Unternehmen mögen das Lebenselixier der Wirtschaft sein – die Zutaten dafür liefert die Politik bisher noch zu selten.
 

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