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Respektloser Umgang mit Bewerbern
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Recruitingprozess

Schlechter Umgang mit Bewerbern

Teil 3: Diskriminierung, keine Zeit und Entscheidungsdruck

Zu alt/zu jung

Mit 30 noch eine Ausbildung machen? Geht gar nicht. Bekamen jedenfalls 30-Jährge zu hören, die eine Ausbildung machen wollten. So berichtet ein Bewerber, dass er sich sehr über eine Einladung zu einem Vorstellungsgespräch geärgert habe, "bei dem es dann darauf hinauslief, dass ich zu alt für die Ausbildung sei – das hätte man sich von vornherein sparen können." Andere Bewerber berichten vom umgekehrten Fall. Sie seien mit 17 zu jung für eine Lehrstelle.

Sie sind überqualifiziert

Viele hören auch, sie seien zu gut für eine bestimmte Ausbildung. So wie dieser Kandidat: "Als mich mein Gegenüber während eines Vorstellungsgespräches bei einer großen bekannten Krankenkasse, sehr deutlich darauf aufmerksam machte, wie sinnentleert er es finde, dass ich mich mit Fachhochschulreife um einen Ausbildungsplatz beworben und kein Studium in Angriff genommen habe. Nachdem ich Ihm meinen bisherige Situation erläutert und eine Vielzahl von Gründen genannt hatte, hat er begonnen mit mir zu diskutieren. An dieser Stelle wurde es mir zu bunt und ich Ihm höflich zu verstehen gegeben dass dies meine Entscheidung ist."

Azubi mit zu wenig Praxisbezug

Kein Scherz: Vielen Unternehmen sind angehende Azubis zu jung – und haben zu wenig Berufserfahrung für eine Ausbildung. "Das mir am Ende eines Gesprächs fehlende Praxiserfahrung gesagt wurde, was man aber bereits aus der Bewerbung hätte sehen können", habe ihn am meisten geärgert, sagt ein Befragter.

Nicht so, wie Sie aussehen

Für eine Ausbildungsplatz bei einer bestimmten Behörde hätte sie sich eine kleine Tätowierung am Unterarm entfernen lassen müssen, erzählt eine Bewerberin. Sie findet das unverständlich. Eine andere Teilnehmerin erzählt, dass sie im Vorstellungsgespräch nur gefragt worden sei, wie sie sich in ihrer Freizeit kleide und "ob ich auch vorhätte so ins Unternehmen zu kommen".

Zu kurze Bewerbungsgespräche

Viele Bewerber berichten außerdem von Vorstellungsgesprächen, die nur fünf oder zehn Minuten lang dauerten. "Ich weiß nicht, wie eine Firma einen Bewerber oder Bewerberin in unter 10 Minuten kennen lernen kann", sagt einer davon. Ein anderer nennt es "eine Frechheit mich zu einem Gespräch einzuladen um zu gucken, ob ich zwei Sätze geradeaus sprechen kann und dann war`s das!"

Verhör statt Gespräch

Viele, gerade sehr junge Bewerber, beklagen, in einem Gespräch mit fünf oder mehr Personalern und potentiellen Kollegen gesessen zu haben. So berichtet einer: "Ich fand es manchmal komisch, wenn beim Bewerbungsgespräch 10 bis 15 Personen im Raum mit saßen, die einen nur beobachtet haben. Ich fühlte mich dadurch sehr unwohl und war noch aufgeregter."
Andere beschwerten sich über das, was abgefragt wurde. Nämlich ging es in den meisten Fällen wenig um die Person an sich. So schildert eine Bewerberin: "In einigen Betrieben wurde beim Bewerbungsgespräch nur reines Wissen abgefragt. Man hat nicht versucht den Bewerber als Person kennen zu lernen. Ich finde, dass ein gutes kollegiales Verhältnis auf der Arbeit wichtig ist und man deshalb auch versuchen sollte, die Bewerber als Person kennen zu lernen."

Wollen Sie nicht lieber einen anderen Job bei uns?

Vielen Bewerbern wurde im Vorstellungsgespräch ein anderer Job angeboten – meist zu schlechteren Konditionen und oft in ganz anderen Fachbereichen. "Mir wurde im Vorstellungsgespräch ein ganz anderer Ausbildungsberuf angeboten, als der auf den ich mich beworben habe. War für mich eine Enttäuschung", beschwert sich ein Teilnehmer.

Danke, wir haben die Stelle intern besetzt

Viele Bewerber mussten erleben, dass sie nur pro forma zum Vorstellungsgespräch eingeladen wurden. Tatsächlich habe längst fest gestanden, wer die Stelle oder die Ausbildung bekommt. "Teilweise waren die Stellen bereits besetzt und als ich dann zu meinem Gesprächstermin erschienen bin, hat man sich nicht wirklich für mich interessiert. Es gab keine Fragen an mich und es wurde praktisch nur Werbung für das eigene Unternehmen gemacht", beschreibt ein Teilnehmer das Erlebte.

Entscheiden Sie sich bitte jetzt

Dafür, dass manche Unternehmen erst nach Wochen, Monaten oder sogar Jahren auf Bewerbungen reagieren, erwarten sie von ihren Bewerbern – auch von angehenden Azubis – mitunter binnen zwei Tagen eine feste Zusage, wie viele Umfrageteilnehmer erzählen. So erzählt ein Kandidat: "Mein kuriosestes Erlebnis war, dass ich eine Zusage per Telefon von einem Rechtsanwalt bekam, aber mich sofort entscheiden musste ob ich die Ausbildungsstelle antrete oder nicht. Obwohl ich vorher in einem Brief erklärt habe, dass ich noch eins zwei Wochen um Zeit bitte, weil ich noch auf eine andere eventuelle Zusage gewartet habe."

Erst Zu-, dann Absage

Auch das Stichwort Unsicherheit kommt sehr häufig in den Antworten der Bewerber vor. Einer der Befragten sagt, er habe die Einladung zum Vorstellungsgespräch rund vier Wochen vor Ausbildungsbeginn bekommen. Und ein anderer erzählt, dass viele Unternehmen die Bewerbungen zwar bereits ein Jahr vor Beginn der Ausbildung erwarten, dafür war "die Vertragsunterzeichnung erst 2 Wochen vor Arbeitsbeginn."


Das ist, gerade für Unternehmen, die über Fachkräftemangel klagen, ein Armutszeugnis – und nicht gut für die Reputation bei weiteren Bewerbern. Die informieren sich nämlich online in Bewertungsportalen über potentielle Arbeitgeber. Wie die online dastehen, wenn sie so mit ihren Bewerbern umgehen, kann man sich vorstellen. Der Eingangs zitierte Bewerber, der sich bei dem "Sauhaufen" beworben hat, erzählt: "Drei Wochen nach Absendung der Bewerbung habe ich angerufen und wurde nur pampig abgewimmelt. Habe daraufhin meine Bewerbung zurückgezogen und in Foren nur schlechte Bewertungen über das Unternehmen hinterlassen."


Zuerst veröffentlicht auf: wiwo.de
Dieser Artikel ist erschienen am 12.07.2017
 

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