Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche
Respektloser Umgang mit Bewerbern
Foto: Andrey Popov / Fotolia.com
Recruitingprozess

Schlechter Umgang mit Bewerbern

Teil 2: Vorurteile, schlechte Organisation und mangelnder Respekt

Reaktionen kommen spät – oder nie

U-form Testsysteme, ein Anbieter von Eignungstests in der Ausbildung und bei Bewerbungen, hat bei 950 Bewerbern und Azubis nachgefragt, was sie bei ihrer Bewerbung auf eine Stelle im öffentlichen Dienst am meisten geärgert hat. Mehr als 300 Teilnehmer beschwerten sich, dass sie sehr lange auf eine Antwort von der Behörde warten mussten – falls überhaupt eine kam. So sagt einer der Befragten: "Bis heute (4 Jahre später) keine Unterlagen zurück bekommen, keinerlei Reaktion. Auf Anrufe hin wurde man stets vertröstet."
Ein anderer bekam die Absage immerhin nach einem Jahr.

Online-Bewerbung katastrophal

"Die schlecht strukturierte Internetadresse und die oft auch komplizierte, umständlich auszufüllende oder zu allgemeine Online-Bewerbung" stört viele Bewerber. So es überhaupt die Möglichkeit gebe, sich online zu bewerben. So moniert ein weiterer Teilnehmer, "die weiten Wege, die man teilweise auch unnötig oft in Anspruch nehmen muss, etwa um Unterlagen zum Unterschreiben abzuholen." Er fragt: "Geht das nicht per Post/Mail?"

Unternehmen arbeiten schlampig

Viele Bewerber berichten, dass Schreiben an sie – egal ob Absagen oder Einladungen zum Vorstellungsgespräch – an andere Personen adressiert oder die Namen falsch geschrieben waren, oftmals stimmte die Anrede Herr/Frau nicht. Einer der Bewerber mokiert sich, dass er eine "Absage mit zahlreichen Rechtschreibfehlern erhalten" habe. Ein anderer berichtet, von ein und demselben Unternehmen dreimal zum Vorstellungsgespräch eingeladen worden zu sein.

Wir wollen nur Bewerber aus unserem Ort

"Ich wurde von einer Behörde nicht in die nächste Bewerbungsrunde aufgenommen, weil mein Hauptwohnsitz nicht in der Gemeinde ist. Es bestünde das Risiko, dass ich nach der Ausbildung in die Nachbargemeinde gehen würde und nicht beim Ausbildungsbetrieb bleiben würde", berichtet ein Teilnehmer.
Ein anderer beklagt "die Ungleichbehandlung aufgrund der Herkunft aus einem ostdeutschen Bundesland", der nächste, dass er nicht eingeladen wurde, weil er im "falschen Bundesland" seinen Schulabschluss gemacht habe.

Unkonkrete Absagen

Viele Bewerber, gerade die frisch von der Schule kommen, wünschen sich Feedback, warum sie abgelehnt werden. Sie wollen sich schließlich verbessern. Konkreter als "aufgrund der Vielzahl der Bewerbungen konnten wir Ihre Bewerbung nicht weiter berücksichtigen" sei es jedoch nicht geworden.

Vorstellungstermin vergessen

"Ich bekam eine E-Mail mit dem Hinweis, dass ich aus dem Bewerbungsprozess ausgeschieden bin, da ich einen amtsärztlichen Termin nicht wahrgenommen hätte. Jedoch hatte ich zuvor keine Einladung per Email zu diesem Termin erhalten", erzählt ein anderer Umfrageteilnehmer. Und auch dass die Personalabteilung das Vorstellungsgespräch ganz vergisst, passiert nicht gerade selten. "Der Betrieb hatte mich eingeladen und am Tag des Termins wusste keiner etwas davon, das Gespräch war dann provisorisch auf dem Flur", berichtet einer, dessen Bewerbungsgespräch vergessen wurde.

Respektloser Umgang mit Bewerbern im Vorstellungsgespräch

Viele Bewerber, die es zum Vorstellungsgespräch geschafft haben, berichten von desinteressierten und arroganten Gesprächspartnern: "Meine 'Gesprächspartner' haben immer die Augen verdreht, wenn ich etwas gesagt habe und auf meine anschließend gestellten Fragen wurde mir gar nicht erst geantwortet. Verabschiedet wurde ich mit den Worten 'War ja nicht so dolle.' Ein paar Tage später kam die Absage", erzählt einer der Teilnehmer.
Ein anderer berichtet, dass ihm erst am Ende des Bewerbungsgesprächs ein Glas Wasser angeboten wurde. "An einem Sommertag mit 35 Grad im Schatten im einem Dachgeschossbüro, wo die gesamte Zeit die Sonne auf mich schien, während die Gesprächsführer im Schatten saßen."

Privat ist nicht privat

Fragen nach der Gesundheit, Familienplanung, Schwangerschaft? Keine Seltenheit. "Eine Freundin beispielsweise wurde nicht angenommen, weil sie vor 4 Jahren in einer Klinik für Essstörungen war – da war sie 14! Das ist einfach beschämend", sagt eine Bewerberin auf einen Ausbildungsplatz.

Kind und Job? Das geht nicht

Außerdem beklagen viele Mütter, dass ihnen die Eignung für einen Job oder eine Ausbildung abgesprochen wurde, weil sie Kinder hätten. Am meisten geärgert habe sie, "dass ich mich rechtfertigen musste, wie ich meine Ausbildung mit 2 Kindern schaffen will", sagt eine junge Frau. Eine Teilnehmerin an der Umfrage sei auch explizit nach ihrem Kinderwunsch gefragt worden und einer anderen habe man deutlich zu verstehen gegeben, dass Teilzeit in einer Behörde nicht möglich sei.

Wir wollen keine Männer – oder keine Frauen

Am meisten hat einen Bewerber (Geschlecht: unbekannt) ein Auswahlgespräch geärgert, "bei dem mir sehr offen gesagt wurde, dass ich aufgrund meines Geschlechts, selbst bei besserer Eignung wohl eher keinen Platz bekäme, da dies einen größeren (logistischen) Aufwand bedeutet hätte."
 

Fair Company | Initiative