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Nachfolger gesucht – und gefunden
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Nachfolger gesucht

Plötzlich Unternehmer

Sven Prange
Tausende von Firmenbesitzern suchen Nachfolger. Milliarden Euro suchen Anlagechancen. Und viele wollen ihr eigener Chef sein. All das soll nun zusammenfinden. Die Geschichte einer Unternehmerwerdung.
Es musste erst etwas ganz Gewöhnliches im Leben von Till Bossert passieren, damit er daraus etwas Ungewöhnliches macht. Bossert, 29, war einer dieser Überflieger, deren Lebensläufe einige Jahre nach dem Abitur so austauschbar klingen, wie ihre Leistungen einmalig erscheinen: Studium des Wirtschaftsingenieurwesens an der Universität Karlsruhe, danach Einstieg bei der Beratung Oliver Wyman, erste Projekte, Auslandsaufenthalte – das perfekte Leben.

Wenn da nicht immer die Erinnerung an diese eine Vorlesung gewesen wäre: Götz Werner, der Gründer der Drogeriekette DM, hatte dem jungen Studenten Bossert den Wert des Unternehmertums nähergebracht: Verantwortung übernehmen, Entscheidungen treffen. Vor allem: eigenständig sein.

Bossert war fasziniert von diesen Gedanken, sie ließen ihn nicht los. Die Faszination wuchs umso stärker, je eintöniger der Berateralltag wurde. "Die Beratung war eine gute Schule. Aber irgendwann möchtest du nicht mehr Fälle in der Theorie bearbeiten, du möchtest umsetzen – und dafür am Ende die Verantwortung tragen", sagt er.

Kapital-Kuppler

Er sitzt, um seine Geschichte zu erzählen, in einem Café fünf Minuten vom Paradeplatz in Zürich entfernt. Und das sagt schon einiges über die ungewöhnliche Wendung aus, die Bosserts Leben genommen hat. Er arbeitet und lebt jetzt im Zentrum des Geldes, hat dort eine Wohnung und zusammen mit seinem Geschäftspartner Tobias Raeber ein kleines Büro. Hier wollen sie vereinen, was eigentlich zusammengehört und dennoch oft nicht zueinanderfindet: Kapital und Unternehmergeist.

Bossert und Raeber gehören zu einer Spezies, die im deutschsprachigen Wirtschaftsraum sehr rar ist: Sie wollen ein Unternehmen besitzen und leiten, ohne ein Unternehmen zu gründen. Dieser scheinbare Widerspruch ist beim Blick auf die derzeitige Lage der deutschen, österreichischen oder Schweizer Wirtschaft lösbar: Seitdem die Notenbanken die Zinsen an den Rand der Nullgrenze geführt haben, suchen Billionen an billigem Geld irgendein gewinnversprechendes Anlageziel.

Gleichzeitig steht der Mittelstand, mit dem die deutsche Wirtschaft zum Exportweltmeister wurde, vor einem Generationenwechsel: Jene Männer, und einige Frauen, die nach dem Zweiten Weltkrieg begannen, lauter stille Weltmarktführer zu formen, müssen ihr Lebenswerk in jüngere Hände geben.

 

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