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Arbeitszeitmodell Japan
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Arbeitszeitmodell

Modekette bricht japanische Arbeitsethik auf

Tina Groll, zeit.de
Die arbeitswütigen Japaner wollen mehr Zeit für Familie: Die Modekette Uniqlo will Mitarbeitern die Vier-Tage-Woche anbieten, wenn sie zehn Stunden am Tag arbeiten.
Die Modekette Uniqlo will einem Teil ihrer Beschäftigten in Japan die Vier-Tage-Woche ermöglichen. Fast Retailing, das Unternehmen hinter der Marke, möchte seinen Mitarbeitern so mehr Zeit für Kinder oder die Pflege Angehöriger geben. Auf diese Weise will die Firma einerseits attraktiver für Frauen werden und andererseits ihre Mitarbeiter generell an sich binden.

Das Arbeitszeitmodell sieht vor, dass die Beschäftigten an vier Tagen zehn Stunden arbeiten und daraufhin drei Tage frei haben. Es soll für 10.000 der rund 50.000 Beschäftigten in den rund 840 japanischen Filialen gelten.

Feierabend erst nach dem Chef

Der Vorstoß ist für Japan ein Novum: In kaum einem anderen Land gibt es eine solch strenge Arbeitsethik. Fast ein Viertel der Japaner arbeitet 50 Stunden in der Woche – regulär. Oft liegt die tatsächliche Arbeitszeit sogar noch höher. Viele Beschäftigte fühlen sich verpflichtet, täglich zwölf bis 13 Stunden in der Firma zu verbringen, sagt der Unternehmensberater und Japan-Experte Franz-Hermann Hirlinger. Es gehöre seiner Erfahrung nach zum guten Ton, den Arbeitsplatz erst nach dem Chef zu verlassen.

Zugleich spielt sich ein Großteil des sozialen Lebens bei der Arbeit ab. Viele Japaner verbringen auch ihre Wochenenden und ihre Freizeit mit Kollegen bei Firmenaktivitäten. Nicht wenige verzichten freiwillig ganz auf ihren Urlaub. Diese Arbeitsmoral ist allerdings ein Problem, das die japanische Regierung unter Ministerpräsident Shinzo Abe verändern möchte. Denn keine andere Industrienation hat eine so stark alternde Bevölkerung wie Japan. Seit 2005 ist die Bevölkerungsentwicklung rückläufig. Waren 1989 rund zwölf Prozent der Japaner über 65 Jahren alt, werden es im Jahr 2030 mehr als ein Viertel sein. Viele junge Beschäftigte stehen vor der Herausforderung, Job und die Pflege ihrer Eltern unter einen Hut zu bekommen – bei einer regulären 50-Stunden-Woche fast unmöglich.
 

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