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Nachwuchssorgen in der Finanzbranche
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Nachwuchssorgen

"Leider dominieren ältere Männer die Finanzbranche"

Teil 2: Arbeit an der Unternehmenskultur

Sie halten anonyme Bewerbungen für eine Möglichkeit, mehr Frauen in die Finanzwelt zu bringen. Aber spätestens beim Vorstellungsgespräch sieht der Personaler doch, welches Geschlecht oder Alter jemand hat. Und stellt keine jungen Frauen ein, wenn er das nicht möchte.

Das ist richtig. Doch möglicherweise sind Sie von den Qualifikationen und Fähigkeiten in einer anonymisierte Bewerbung schon so überzeugt, dass Sie offener in das Vorstellungsgespräch gehen und das Geschlecht, Alter etc. dann in den Hintergrund rücken. Die Chance ist größer, einen Bewerber zu rekrutieren, der es sonst noch nicht einmal in das Vorstellungsgespräch geschafft hätte. Einem Personalverantwortlichen, für den bestimmte personenbezogene Merkmale ein Ausschlusskriterium für Bewerber darstellen, ist natürlich auch mit anonymen Bewerbungen nicht geholfen.
 
Können die Unternehmen davon ab grundsätzlich etwas tun, um für Frauen attraktiver zu werden?

Grundsätzlich ist es wichtig, im Kern jedes einzelnen Finanzinstituts anzusetzen und nach außen hin eine neue Kultur zu implementieren, in der Frauen über alle Levels hinweg gefördert werden. Eine von außen aufgesetzte Regelung ist hingegen nur wenig sinnvoll und wird auch nicht im Handumdrehen Wirkung zeigen.

Es liegt nun an den Unternehmen, eine nachhaltige Diversitätsstrategie über alle Hierarchieebenen hinweg zu implementieren, sodass jeder Mitarbeiter die gleichen Chancen hat und dies auch weiß. Zudem können Maßnahmen wie flexiblere Arbeitszeitmodelle oder Unterstützung bei der Kinderbetreuung ausschlaggebend bei der Wahl des Unternehmens sein. Schließlich ist vor allem die Finanzbranche für lange Arbeitszeiten bekannt.

Im Dezember stellte Deloitte eine Studie vor, wonach Absolventen folgende Bilder von Versicherungen vor Augen haben: langweilige Zahlenschubser, Klinkenputzer als Vertreter und fragwürdige Incentives wie bei Ergo vor ein paar Jahren. Mit Bordellbesuchen lassen sich junge Frauen nicht unbedingt ködern...

Aus unserer Beratungspraxis wissen wir, dass Versicherungsunternehmen sich bereits um ein gutes Image bemühen und gezielt nach qualifizierten Frauen suchen. Und durch die fortschreitende digitale Transformation wandelt sich auch das Bild des Vertreters als Klinkenputzer: Online-basierte Angebote und Kommunikation werden zunehmend wichtiger. Es gilt aber auch auf lange Sicht, nachhaltig an der Unternehmenskultur zu arbeiten und die Chancen herauszustellen. Nur so geraten Incentives wie bei Ergo bald in den Hintergrund und die Versicherungsbranche strahlt im neuen Glanz.

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de
Dieser Artikel ist erschienen am 10.03.2016
 

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