Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche
Nachwuchssorgen in der Finanzbranche
Foto: Kzenon / fotolia.com
Nachwuchssorgen

"Leider dominieren ältere Männer die Finanzbranche"

Interview: Kerstin Dämon
"Versicherungen? Laaaaangweilig!" Junge Talente haben keine Lust auf die Finanzbranche. Besonders Frauen haben kein Interesse. Das liegt am Imageproblem der Branche – und verbohrten Personalern, sagt Expertin Tanja Apel-Mitchell.
Die Finanzindustrie hat Nachwuchssorgen. Besonders Frauen machen einen Bogen um Banken und Versicherungen. Am Zahlenverständnis kann es ja nicht liegen – ein Großteil der Mathematikstudenten ist weiblich.

Am Zahlenverständnis wird es durchaus nicht liegen. Tatsächlich gibt es inzwischen keine großen Unterschiede mehr zwischen dem Anteil männlicher und weiblicher Studenten, bei den relevanten Fächern wie Betriebswirtschaftslehre oder Wirtschaftsinformatik sogar seit Jahren.

Die Finanzindustrie ist dagegen mehr ein Spielplatz für "old white men"...

Leider trifft es immer noch zu, dass ältere Männer die Finanzindustrie dominieren. So schätzen in einer eFinancialCareers-Studie zum Thema Diversität Finanzexperten aus Deutschland, dass 53 Prozent der Angestellten in ihrem Unternehmen über 50 Jahre alt sind. Und vor allem auf der Führungsebene sind überwiegend Männer zu finden.


Zur Person: Tanja Apel-Mitchell Tanja Apel-Mitchell ist bei eFinancialCareers, einem Karriereportal für den Finanzdienstleistungssektor, für den Bereich Europa und mittlerer Osten verantwortlich.

Unserer Studie zufolge sind lediglich zwei von zehn Finanzprofis der Ansicht, dass Frauen gleichermaßen wie Männer in Führungspositionen vertreten sind. Selbst die Frauenquote konnte die eingefahrene Personalstrategie im deutschen Finanzsektor nur mäßig bewegen.

Dem Deutschen Institut für Wirtschaft zufolge liegt der Frauenanteil in Aufsichtsräten der größten Banken und Versicherungen nach wie vor unter den vorgeschriebenen 30 Prozent.

Woran liegt es? Ist der Sektor für Frauen unattraktiv oder werden Männer bevorzugt?

Die – zum Teil unbewusste – Bevorzugung der Männer trägt möglicherweise dazu bei, dass der Finanzsektor für Frauen weniger attraktiv ist. In unserer Studie betrachten 63 Prozent der deutschen Finanzexperten das Thema Gendergerechtigkeit im Finanzsektor als unzureichend umgesetzt. Mehr als die Hälfte der Befragten meint, dass Frauen durchschnittlich zwischen elf und 20 Prozent weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen.

Also werden Frauen in der Branche beim Gehalt bewusst diskriminiert?

Aus unserer täglichen Beratungspraxis wissen wir zwar, dass Finanzinstitute bei Gehaltsverhandlungen nicht zwischen Mann und Frau unterscheiden. Doch sie lassen sich vom Verhandlungstalent oftmals beeinflussen – und hier ist die Mehrheit der Männer forscher. Unserer Studie zufolge glauben sieben von zehn der Befragten, dass Männer erfolgreicher darin sind, eine bessere Gesamtvergütung für sich zu beanspruchen.

Fair Company | Initiative