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Korruption kann Unternehmen teuer zu stehen kommen
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Korrupte Manager

Gefahr aus den eigenen Reihen

Teil 2: Skandal um Siemens veränderte das Denken

Dabei sind Korruption und Compliance seit langem Gegenstand der Nachrichten. "Spätestens seit dem Fall Siemens ist das Thema Compliance in Deutschland in aller Munde und das dringt von den DAX-Unternehmen bis hinunter ans unterste Ende der Lieferkette zu den kleinen, mittelständischen Unternehmen", sagt Geiß. Der Fall Siemens – damit meint der ehemalige Compliance-Experte der Fraport AG den milliardenschweren Schmiergeldskandal des Elektronikkonzerns, der im November 2006 mit einer Razzia der Münchner Staatsanwaltschaft öffentlich wurde. Der Vorwurf gegen Siemens: Über Jahre hinweg sollen rund 1,3 Milliarden Euro in schwarze Kassen geflossen sein, um mit dem Geld im Ausland schmieren zu können und so lukrative Auslandsaufträge an Land zu ziehen.

Die Aufarbeitung des Skandals kam Siemens teuer zu stehen: 2,5 Milliarden Euro Strafe mussten bezahlt werden, zahlreiche Beteiligte verloren ihren Job. Siemens etablierte daraufhin eine strikte Compliance-Strategie im eigenen Haus. Viele Compliance-Experten wie Geiß sind sich heute sicher – die Konsequenzen aus dem Siemensskandal durchdringen heute viele Teile der Wirtschaft und haben viele Antikorruptionskonzepte überhaupt erst möglich gemacht. Eine Folge laut Geiß: Der Umgang mit Firmen, die mit Korruption auffällig geworden sind, ist rigoroser geworden.

So werden bei öffentlichen Auftraggebern mittlerweile schwarze Listen geführt, in der Unternehmen aufgeführt sind, die wegen Korruptionsdelikten auffällig wurden. Durch ihre Auflistung werden sie von öffentlichen Auftrags-Vergaben ausgeschlossen. "Es gibt zwar noch nicht sehr viele – aber in einigen Bundesländern tut sich da etwas – und das trifft natürlich auch den Mittelständler", sagt Geiß. Die Stadt Frankfurt mache etwa bei jeder Vergabe eine Abfrage beim hessischen Finanzministerium, ob die Firma, an die der Auftrag gehen soll, in dieser Liste steht. Darunter befinden sich laut Geiß auch klassische Mittelständler.

Ethische Unternehmenskultur als Schritt in Richtung Korruptionsprävention

Um den Mittelstand für das Thema Korruptionsprävention zu sensibilisieren, hat Rabl mit ihrem Team im Rahmen des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Projekts RiKo ein Workshop-Konzept entwickelt. Druck von Kunden, Geschäftspartnern und des Gesetzgebers sind ein wichtiger Faktor dafür, dass die Notwendigkeit erkannt wird, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Anstrengungen werden jedoch gescheut, wenn Manager nicht über das notwendige Wissen und die notwendigen Ressourcen zu verfügen glauben, um vorbeugend tätig zu werden.

"Korruptionsprävention muss nicht unbedingt zeit- und kostenaufwändig sein", sagt Rabl. Ihr Rat: Über eine individuelle Risikoanalyse sollen Mittelständler ermitteln, an welchen Stellen im Unternehmen für sie Korruptionsrisiken bestehen. Darauf zugeschnitten müssten dann entsprechende individuelle Vorkehrungen und Warnmechanismen erarbeitet werden. "Es macht keinen Sinn ein Bündel von Maßnahmen einfach auf das eigene Unternehmen zu übertragen. Eine One-Size-fits-all-Lösung gibt es für Korruptionsprävention in kleinen und mittleren Unternehmen nicht."

Um Korruption vorzubeugen, ist eine ethische Unternehmenskultur unerlässlich. Dazu gehören ein entsprechendes Leitbild und schriftliche Vereinbarungen zum Umgang mit Korruption. "Damit Mitarbeiter eine gewisse Handlungsorientierung haben, kann ein Verhaltenskodex hilfreich sein, in dem spezifisch Situationen aufgenommen werden, die im eigenen Unternehmen auftreten könnten, und der Ratschläge gibt, wie man sich in einer solchen Situation verhalten sollte", sagt Rabl.

Das allein reicht dennoch nicht aus. Interne Kommunikation ist bei der Wertevermittlung entscheidend – und hierbei haben gerade kleinere und mittlere Unternehmen einen entscheidenden Vorteil gegenüber großen Konzernen: "Der Mittelständler kann durch klares Handeln und Haltung viel mehr erreichen als es Kommunikationsorgien wie Hochglanzmagazine und Compliance-Klauseln im Arbeitsvertrag je könnten", sagt Compliance-Experte Geiß.

Themen wie Compliance nicht totschweigen

Dem stimmt auch Rabl zu: "Beim Mittelständler hat der Geschäftsführer eine Vorbildrolle. Lebt er das richtige Verhalten vor und steht für Antikorruptions-Politik ein, ist diese präsenter und wird für die Mitarbeiter verbindlicher." Compliance sollte deshalb in die verschiedenen Prozesse im Unternehmen integriert werden und regelmäßig Thema sein. Sei es im Mitarbeiter-Newsletter, spezifischen Trainings oder regelmäßigen Diskussion über Leitbild und Verhaltenskodex. "Bei Besprechungen oder Veranstaltungen besteht im Unternehmen auch immer die Möglichkeit, das Thema aufzubringen und sich zu Compliance zu bekennen – so wird schon im Kleinen eine große Wirkung erzeugt", ist sich Geiß sicher.

Wer als KMU Unterstützung für seinen individuellen Risiko- und Aktionsplan sucht, findet diese sowohl bei Unternehmensberatungen als auch Organisationen wie dem Institut für Compliance im Mittelstand, dem Deutschen Netzwerks Wirtschaftsethik oder Initiativen, wie die von Professorin Rabl und ihrem Team. Sie alle bieten Beratungen, Workshops, Infomaterial und Seminare, die Antikorruptions-Konzepte vermitteln und Wegweiser sein können.

Wer bereits Fehlverhalten im eigenen Haus entdeckt, rät Geiß zu klaren Konsequenzen: "Denn durch konsequentes Handeln wird das Wertebewusstsein klarer vermittelt als durch das Beschriften von Papier." So wie Magnus Meier. Seine Niederlassungsleiter und er haben ein Programm erarbeitet, das Meier künftig überraschende Mails ersparen soll.


Zuerst veröffentlicht auf: wiwo.de
Dieser Artikel ist erschienen am 27.09.2017
 

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