Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche
Unkonventionelle Führungsmethoden
Foto: Mickeing / Fotolia.com
Trivagos Erfolgsrezept

Deutsches Einhorn auf ungewöhnlichen Pfaden

Sven Prange, wiwo.de
Rolf Schrömgens hat Trivago, das einzige an der US-Börse erfolgreiche deutsche Start-up, gegründet. Mit eher unkonventionellen Methoden will er die Menschenführung neu erfinden.
Da steht er vor einem Bürotrakt und kommt nicht rein. Schlüsselkarte vergessen. Rolf Schrömgens hopst in die Luft, um über dem Milchglasstreifen der Tür sichtbar zu werden. Er klopft gegen das Glas. Ein Angestellter schaut vom Bildschirm auf und wieder runter. Schrömgens hopst und klopft noch mal. Ein Mitarbeiter steht auf, schlurft zur Tür, öffnet. "Sorry, I forgot my keycard", sagt Schrömgens. Der andere zuckt mit den Schultern und geht zurück an die Arbeit.

Dass hier der Gründer und Chef des einzigen deutschen Einhorns, also eines Start-ups mit mindestens einer Milliarde Dollar Börsenwert, versucht, seine Zentrale zu betreten, lassen sich weder Chef noch Mitarbeiter anmerken. Wieso auch? Für die mehr als 1200 Mitarbeiter der Düsseldorfer Hotelsuchplattform Trivago ist der unaufgeregte Umgang über alle Hierarchien hinweg die tägliche Selbstvergewisserung, dass man nicht ist, was man nie werden wollte: ein klassisch geführter Konzern.

Vor einem halben Jahr ging dieses Google für Hotels, das zum größten Teil dem US-Reisekonzern Expedia und den drei Gründern Rolf Schrömgens, Peter Vinnemeier und Malte Siewert gehört, an die US-Technologiebörse Nasdaq. Der Kurs liegt bis zum Doppelten über dem Ausgabepreis, der Konzern ist 5,1 Milliarden Dollar wert. Wer in der Techszene Unternehmen in dieser Dimension führt, folgt gemeinhin zwei Regeln: Sei ein egozentrisches Großmaul. Und damit dennoch die Besten für dich arbeiten, setze deine Leute auf bunte Bananen statt biedere Bürostühle.

Unkonventionelle, moderne Führung

Rolf Schrömgens hält das für Unsinn. Seine Art der Führung ist gleichzeitig ein Blick in die Zukunft der Arbeit, in der sich Wissen, Macht, Motivation und Geld neu sortieren. "Jeder von uns hat eine Vorstellung, was der Wert der Firma ist, vermutlich sogar jeder eine andere", sagt Schrömgens. "Aber keiner dieser Werte hängt vom Börsenkurs oder von klassischen Kennzahlen ab."

Der Wert, den Schrömgens in seiner Firma sieht, sind seine Führungsmethoden. Er will das Prinzip der Menschenführung neu erfinden. "Wie in konventionellen Unternehmen Arbeit organisiert ist, das ist absurd", findet er. Deswegen führt er seine Firma nach vier Prinzipien.

An einem der ersten heißen Frühsommerabende steht Schrömgens in der Parteizentrale der CDU auf einem Podium neben Bundeskanzlerin Angela Merkel. Schrömgens trägt wie meist einen dieser Pullover, die man schon nach wenigen Minuten wieder vergessen hat. Es soll darum gehen, wie Deutschland im Generellen und die CDU im Speziellen gründerfreundlicher werden. Die Kanzlerin hält eine Eingangsrede, in der sie das Rad "eine besonders gute Entwicklung" nennt. In der Diskussion mit Schrömgens soll sie sich nun dem Thema Digitalisierung noch weiter nähern.

"Je älter Unternehmen werden, desto festgefahrener werden Strukturen"

Der 41-jährige Gastronomensohn könnte nun das wohlige Rahmenprogramm zur Regierungschefin bilden. Aber Schrömgens sagt: "Ich glaube, dass wir nicht besonders gut aufgestellt sind in Deutschland." Es folgt dann eine scharfe Argumentation, warum er nicht mehr an Transformation, sondern nur an Disruption glaube und deswegen doch eher radikale politische Anpassungen empfehle. "Ich mache mir weniger Gedanken über die technologische Innovationskraft der Deutschen, eher um die unternehmerische Verwertung danach", sagt Schrömgens.

"Je älter Unternehmen werden, desto festgefahrener werden Strukturen, weil das Ziel der Besitzstandswahrung der Führungsetagen größer ist als der Drang nach Neuem." Wie er da steht, ohne das Wort "ich" zu benutzen, ohne Bullshit-Gründer-Denglisch zu reden, nimmt ihm die Kanzlerin die Worte offenbar nicht übel. Nach der Diskussion plaudert sie noch eine Stunde bei Wein und Buletten mit ihm.
 

Fair Company | Initiative