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Abfahren auf die Provinz
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Arbeiten im Mittelstand

Abfahren auf die Provinz

Frank Burger
Der deutsche Mittelstand ist voll von Hidden Champions. Hinter den Firmennamen verbergen sich Weltmarktführer, die dringend Verstärkung suchen. Um Bewerber anzulocken, punkten Chefs mit kreativen Ideen: Sie bieten flexible Arbeitszeiten, haben Sinn für Familie und spendieren Mitarbeitern Weiterbildungsreisen.
Ein Talent wie Franz Becker hätten international begehrte Arbeitgeber wie Apple oder Microsoft sofort eingestellt – wenn sich der 26-jährige IT-Spezialist denn bei ihnen beworben hätte. Hat er aber nicht. Statt bei einem Konzern von Weltrang fing der gebürtige Rheinländer, der seinen Master-Abschluss am renommierten Hasso-Plattner-Institut in Potsdam als einer der Jahrgangsbesten gemacht hat und mit Erfahrung bei Siemens in Indien punktet, im August 2013 lieber in der Hamburger Niederlassung von Itemis an.

Das 2003 im westfälischen Lünen gegründete Unternehmen mit rund 170 Mitarbeitern hat sich zu einem europaweit führenden Spezialisten für modellbasierte Softwareentwicklung und Beratung gemausert. Zu den Kunden gehören der Luft- und Raumfahrtkonzern EADS, der Elektronikriese Siemens, der Energiekonzern RWE, Stahlmulti Thyssen–Krupp und die Deutsche Post.

Itemis ist einer von rund 1300 sogenannten Hidden Champions in Deutschland.

Unbekannte Spezialisten

Diese mittelständischen Unternehmen sind auf ihrem Gebiet sehr erfolgreich, oft sogar europa- oder weltweite Marktführer. Geprägt hat den Begriff der Unternehmensberater Hermann Simon, der sich seit Jahren mit den heimlichen Helden der deutschen Wirtschaft beschäftigt.

Doch die breite Öffentlichkeit kennt sie kaum. Auch Hochschulabsolventen haben sie nur selten als Arbeitgeber auf dem Schirm.

Als Spezialisten bieten Hidden Champions häufig Nischenprodukte und noch viel öfter haben sie ihren Firmensitz abseits der Großstädte und Ballungsräume. Ein zusätzliches Manko – denn welcher Bewerber will schon in die Provinz? Im Wettbewerb mit den Konzernen um die fähigsten Köpfe ziehen die Hidden Champions daher oft den Kürzeren.

Schwieriger Stand gegenüber Marken-Unternehmen

Laut der aktuellen Absolventenstudie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY möchten fast zwei Drittel der 483 befragten jungen Frauen und Männer am liebsten bei einem Großunternehmen ins Berufsleben starten. Nur ein Drittel kann sich vorstellen, bei einem Mittelständler oder einer inhabergeführten Firma zu beginnen.

Das Berliner Personalforschungsinstitut Trendence hat sogar mehr als 28.500 angehende Absolventen der Wirtschaftswissenschaften und Ingenieursstudiengänge nach ihrem Traumarbeitgeber gefragt – auf den ersten vier Plätzen landeten Kaliber wie Audi, BMW, Volkswagen und Porsche. Hidden Champions tauchten unter den Top 100 dagegen überhaupt nicht auf.

 

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