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Sind BWL-Absolventen etwa nur
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BWL-Studium

"Wir züchten akademische Sachbearbeiter heran"

Jan Guldner, wiwo.de
Für Axel Gloger ist die BWL in ihrem aktuellen Zustand kein zukunftssicheres Studium mehr. Das Fach muss reformieren, fordert der Buchautor.
Herr Gloger, in Ihrem kürzlich erschienen Buch "Betriebswirtschaftsleere" stellen Sie den Nutzen des Studienfachs Betriebswirtschaftslehre infrage. Was hat Sie dazu gebracht, die BWL so kritisch unter die Lupe zu nehmen?

Axel Gloger: Wir haben weit über 200.000 Studenten in diesem Fach. Kein Fach wird so häufig studiert wie die BWL. Sie reklamiert für sich, unsere Unternehmen mit Mitarbeitern zu versorgen, die zukunftsfit sind. Wir sprechen von Disruption, Automatisierung, Digitalisierung. Aber können Unternehmen diese Herausforderungen meistern mit Absolventen, die fünf Jahre nur Auswendiglern-Wissen gepaukt haben?


Zur Person

Axel Gloger ist Chairman der Denkfabrik Trend Intelligence und arbeitet als Aufsichtsrat und Beirat. Als Wirtschaftsjournalist war er viele Jahre Autor der "Frankfurter Allgemeine Zeitung". Seinen Abschluss machte er in Köln – als Diplom-Volkswirt. Sein aktuelles Buch heißt "Betriebswirtschaftsleere. Wem nützt die BWL noch?".


Was denken Sie? Können sie es?

Ich bezweifle das. Wir züchten akademische Sachbearbeiter heran, nicht Lösungsfinder für unsichere Zeiten.

Woran machen Sie diesen Eindruck fest?

Ich selbst bin Diplom-Volkswirt, ein Fünftel des Studiums Bestand aus BWL-Stoff. Die Klausuren habe ich durch stumpfes Auswendiglernen von Karteikarten bestritten und Bestnoten erzielt. Das hat mich nachhaltig geprägt.

Das ist bislang nur Ihre eigene Anschauung.

Das stimmt, aber meine persönliche Motivation sollte hier auch keine so große Rolle spielen. Ich habe für mein Buch mit Professoren und Unternehmern gesprochen, ich habe mir Vorlesungen zum Beispiel in Kosten- und Leistungsrechnung angehört. Und ich habe mir die Grundlagenwerke gekauft, darunter den "Wöhe", das meistverkaufte BWL-Lehrbuch der Welt.

Was haben Sie an der "Einführung in die Allgemeine Betriebswirtschaftslehre", deren Urfassung 1960 von Günter Wöhe verfasst wurde, zu beanstanden?

Da wäre zum einen die Form: Ich glaube nicht, dass man diese "Bibel der BWL", wie sie gerne genannt wird, noch unbedingt in gedruckter Form braucht. Digital könnte das Wissen darin schöner und vor allem praktischer aufbereitet werden. Außerdem setzt das Buch auf reines Faktenwissen. Das wird dann vor den Klausuren in Stichpunktlisten zusammengefasst, danach auswendig gelernt und wenige Tage nach der Prüfung wieder vergessen.

Welche inhaltlichen Probleme sehen Sie darin?

Von Familienunternehmen, die den Kern des zweiten deutschen Wirtschaftswunders bilden, ist dort auf keiner Seite die Rede. Diese Unternehmen sind Primärkunden des Faches – etwa Würth, Kärcher, Trumpf oder Mennekes, eine Welt, in der es einen Unternehmerwillen gibt, die Bilanzen voller Eigenkapital stecken und Verträge noch mit Handschlag geschlossen werden. Das bildet die Wöhe-BWL überhaupt nicht ab.

BWL studieren aber immer noch viele, die gerne eine Unternehmenskarriere hinlegen würden. Welchen Einfluss hat das auf die Jobchancen der Betriebswirte?

In einer Wissenschaft sollte man lernen, wie man Muster erkennt, wie man neue Sachverhalte versteht und Dinge, die man noch nie gesehen hat richtig einordnet. Das lernt man im BWL-Studium nicht. Ich befürchte, dass diese akademischen Sachbearbeiter in den nächsten Jahren durch Roboter im weißen Kragen abgelöst werden

Sie raten also vom Studium der BWL ab?


Ich will nicht die Nützlichkeit des Fachs in Abrede stellen. Aber das müssen wir nicht fünf Jahre lang lehren. Wir züchten uns ein BWL-Prekariat heran, das in der nächsten Dekade seiner eigenen Überflüssigkeit in die Augen sehen wird. Jetzt, wo es in der Wirtschaft so blendend läuft, ist die beste Zeit, der BWL die überfällige Runderneuerung zu geben.

Fünf Jahre sind Ihnen also zu lang. Denken Sie also eher an ein verkürztes Wirtschaftsstudium, wie es viele private Business Schools anbieten?

Business Schools vermitteln in ihren MBA-Studiengängen inhaltlich meist auch nur BWL und sie sind dazu teurer als öffentliche Hochschulen. Allerdings machen sie eine Sache gut: Sie sind schnell. Ähnlich machen es auch viele Unternehmensberatungen. In dieser Branche rekrutieren die Firmen oft Absolventen, die keinen wirtschaftlichen Hintergrund haben, die dann drei Wochen Druckbetankung in BWL bekommen. Dieser Mini-MBA plus "learning on the Job" reicht dort offensichtlich aus.

Und was macht man dann mit der freigewordenen Zeit?

Wichtiger wäre es, Wissen mit längerer Halbwertszeit zu lernen. Wer BWL in einem Jahr schafft, könnte sich in der Zeit, die er spart, in Mathematik, Politik oder Philosophie vertiefen.

Ihre Kritik trifft diejenigen, die das Fach seit Jahren an den Hochschulen unterrichten im Kern. Wie war bislang die Resonanz aus der Wissenschaft auf Ihre Thesen?

Ich habe bei einer Tagung des Verbandes der Hochschullehrer für BWL den Eröffnungsvortrag gehalten. Meine Angst war, dass die Professoren mich steinigen werden. Aber das Gegenteil war der Fall. Ich trug meine Kritik ohne Häme und vorwurfsfrei vor. Am Ende der Diskussion spürte ich: die sind Feuer und Flamme für die Idee einer Erneuerung.


Zuerst veröffentlicht auf: wiwo.de
Dieser Artikel ist erschienen am 02.10.2017
 

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