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Studieren im Ausland

Willkür bei der Anerkennung

Anne Koschik
Nur 16 Prozent der deutschen Studenten legen ein Auslandssemester ein. Bachelor und Master sollen das Studium im Ausland vereinfachen. Aber oft werden die Leistungen nicht anerkannt.
Im Ausland studieren? Oft werden die Leistungen nicht anerkanntFoto: © Daniel Muller - Fotolia.com
An fast alles hatte Anja Loosen gedacht, im vergangenen Herbst, als sie das Flugzeug nach Malta bestieg. Selbst das Fahrrad war mit an Bord, schließlich wollte die Bachelor-Studentin möglichst flexibel sein während ihres viermonatigen Aufenthalts. Und was sind schon ein paar steile Anstiege auf einer Insel? Hindernisse sind da, um überwunden zu werden - mit dieser Einstellung wollte sie ihr Studium im Ausland anpacken. Knapp ein Jahr später ist die 24-Jährige schlauer. Jetzt weiß sie: Ob man Hürden nimmt, hängt nicht immer nur von einem selbst ab. Obwohl die Studentin der FH Gelsenkirchen ihr Semester in der Ferne gut vorbereitet hatte, gibt es jetzt, nach ihrer Rückkehr, Probleme bei der Anerkennung ihrer Studienleistungen. Zwar nicht bei den Pflicht- und Wahlfächern, wie Loosen erklärt. Die hatte die Studentin nämlich von Malta aus mit ihren Professoren in Deutschland abgestimmt. Aber: Keiner weiß, wie die im Ausland erhaltenen Noten umgerechnet werden. Und das, obwohl die maltesische Universität genau wie die FH Gelsenkirchen das ECTS-System anwendet. ECTS, also das European Credit Transfer and Accumulation System, wurde in ganz Europa eingeführt und sollte die Leistungen vergleichbar machen. Aber nur drei Viertel aller Hochschulen wenden es an, manchmal werden nur Teile des Systems richtig umgesetzt.Nicht einmal die Häfte der Leistungen aus dem Ausland wird anerkannt

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"In meinem Fall waren die Notenskalen unterschiedlich und konnten nicht eins zu eins umgerechnet werden", sagt Loosen. Wenn die ECTS-Notenskala nicht angewandt wird, muss jede Hochschule ihre eigene Regelung für die Umrechnung finden. "Bei mir hat sich am Ende ein Professor hingesetzt und eine Skala entwickelt, eigentlich sollte das aber international festgelegt sein." Da in Bachelor-Studiengängen jede Einzelleistung in die Endnote einfließt, wäre dies besonders wichtig. Natürlich: Solche Schwierigkeiten sind älteren und ehemaligen Studenten längst bekannt. Anerkennungsprobleme gibt es, seitdem Studenten begannen, ein oder mehrere Semester ins Ausland zu verlegen. Aber der Bologna-Prozess sollte die verschiedenen internationalen Standards endgültig abschaffen: durch einheitliche Bachelor- und Masterstudiengänge, vergleichbare Fächer und transparente Notensysteme. Noch aber stockt die Umsetzung.Wie der Deutsche Akademische Austausch Dienst (DAAD) in einer Umfrage ermittelte, ist die problemlose Anerkennung von im Ausland erbrachten Studienleistungen in Deutschland nicht die Regel. Sie liegt bei 41 Prozent und damit elf Prozentpunkte unter dem europäischen Durchschnitt. Bemerkenswert ist das besonders angesichts der sehr hohen Zahl von "Learning Agreements", also Verträgen zwischen den Studenten, der Heimat- und der Gasthochschule, und "Transcripts of Records", in denen erbrachte Leistungen dokumentiert werden. Das führt dazu, dass inzwischen nur 16 Prozent aller deutschen Studenten ein Auslandsstudium einlegen. "Die Zuwächse an Interessenten fürs Auslandsstudium sind in ganz Europa weniger geworden", sagt Siegbert Wuttig, Leiter der Nationalen Agentur für EU-Hochschulzusammenarbeit beim DAAD.Die kompakteren, vor allem dreijährigen Bachelor-Studiengänge verunsicherten die Studierenden. Martina Hempel wollte sich davon ursprünglich nicht abschrecken lassen. Die 23-jährige Politikstudentin ging gleich für zwei Semester mit dem Erasmusprogramm nach Schweden. "Dort belegt man Kurse nicht parallel, sondern hintereinander - pro Semester in vier Modulen". Acht Kurse bestand sie, aber ihr Professor in Deutschland wollte - trotz Learning Agreements, die für das Erasmusprogramm verpflichtend sind - nicht alles anerkennen. "Pauschal wollte er nur 50 Prozent gelten lassen. Da war ich perplex. Ich hätte mir ja das zweite Semester sparen können." Hempel wehrte sich, wandte sich zunächst an die Fachschaft, dann an den Studiendekan des Fachbereichs, der wiederum erkundigte sich beim Prüfungsamt. Und dort hieß es, jeder Fachstudienberater könne die Kurse anerkennen. So schaffte sie es, immerhin sieben Kurse anerkannt zu bekommen. Ernüchtert stellt sie aber fest: "Ich hatte bei meinem Professor den Eindruck, dass er dachte, was nicht in Deutschland geleistet wird, ist auch nicht so viel wert.""Qualität durch Internationalität"Diesem Denken versucht der DAAD entgegenzuwirken. So mahnt er mit einem neuen Aktionsprogramm mehr "Qualität durch Internationalität" an und meint damit nicht nur, dass hoch qualifizierte, weltweit umworbene Nachwuchswissenschaftler für Deutschland gewonnen werden müssen. Auch deutschen Studenten müssen Anreize geschaffen werden, sich noch internationaler zu qualifizieren. Mittelfristig solle jeder zweite Studierende eine längere Auslandserfahrung machen. "Für die Zukunft der deutschen Hochschulen ist die Internationalisierung ein Schlüsselthema", betont DAAD-Präsident Stefan Hormuth. Die Erfahrung von Martina Hempel kann auch Imke Buß, Vorstandsmitglied beim Freien Zusammenschluss von StudentInnenschaften (fzs), bestätigen: "Die Lehrenden haben selbst wenig Auslandserfahrung und wollen nicht anerkennen, dass auch andere Professoren gut arbeiten." Sie kennt zahlreiche Fälle, in denen Studienleistungen nicht anerkannt wurden. Ihr Standpunkt: "Man hat ja mit Kreditpunkten das Lernziel erreicht, da kann man nicht hingehen und einfach wieder Punkte abziehen."Hoffnung auf mehr Transparenz Jetzt ruhen Buß' Hoffnungen auf der Lissabon-Konvention, die Deutschland endlich ratifiziert hat und die die Anerkennung von im Ausland erworbenen Studienleistungen verbessern soll: "Sie gilt für alle Hochschulen und dreht die Beweislast um. Das heißt, jetzt müssen die Professoren schriftlich belegen, warum sie eine Leistung ablehnen." Deutschland hatte die Lissabon-Konvention bereits 1997 unterzeichnet. Aufgrund verschiedener Bedenken der Justizminister bezüglich der Auswirkungen auf den Zugang zu reglementierten Berufen verzögerte sich die Ratifizierung im Bundestag um ein Jahrzehnt. Bis zum Jahr 2009 sollen nun nach Möglichkeit alle Hochschulen die Lissabon-Vereinbarungen in ihre Qualitätssicherung aufgenommen haben. Dazu will die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) Handreichungen an Prüfungsämter und Auslandsbeauftragte geben. Doch zu hohe Erwartungen dürfen Studierende nicht hegen. Wenn es zwischen den Hochschulen keine Austauschprogramme gibt, müsse geprüft werden, ob eine Gleichwertigkeit der Studieninhalte vorliegt, erklärt Jan Rathjen, HRK-Referatsleiter Studium, Lehre und Prüfungswesen. "Die Lissabon-Konvention sagt, dass Anerkennungsverfahren sein müssen und auch weiterhin bleiben.Sie müssen nur transparenter sein und klareren Kriterien folgen." Leistungen müssen dann offiziell anerkannt werden, wenn in vier Punkten keine wesentlichen Unterschiede bestehen bei: 1.) den Lernergebnissen, die die Studienleistung belegen; 2.) der akademischen oder beruflichen Berechtigung, die aus dem jeweiligen Abschluss folgt; 3.) der Beschaffenheit der Bildungsprogramme (Lernmethoden); und 4.) der Qualität der Programme (qualifiziertes Personal, vorgegebene Standards). "Es muss auch geprüft werden, ob die Leistungen komplett oder nur teilweise anerkannt werden und ob gewisse Nachprüfungen möglich sind", so Rathjen. International orientierte Studierende wie Anja Loosen oder Martina Hempel müssen also vorerst damit rechnen, dass nicht alles so glatt läuft, wie sie hoffen. Auf der Suche nach der verlorenen Zeit bleibt - wie bei Martina Hempel - dann die Erkenntnis: "Die Kurse und Hausarbeiten in Englisch haben mich wirklich weitergebracht, und ich habe jetzt Freunde in Japan, Südamerika, Afrika und ganz Europa." Ganz nebenbei hatte die Politikstudentin natürlich auch ihren Traumjob im Visier: Sie will in der Friedens- und Konfliktforschung oder in der Entwicklungszusammenarbeit tätig sein. "Und dafür war die Auslandserfahrung schon elementar."
 

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