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MBA in turbulenten Zeiten

Warum das Management-Studium Querdenker braucht

Axel Gloger
Das Standardwerk der Betriebswirtschaftslehre, das alle Studenten nur „der Wöhe“ nennen, kam vor gut 50 Jahren auf den Markt und wird noch heute verlegt und gelesen. Es ist die „Einführung in die Allgemeine Betriebswirtschaftslehre“ von Günter Wöhe und Ulrich Döring.
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Roland Deiser, Leiter des Netzwerks European Learning Forum (ECLF)
Foto: Privat

BWL liefert nur begrenztes Rüstzeug

Das Werk beschreibt, wie stabile und berechenbare Märkte funktionieren. Das Problem: Märkte sind nicht immer stabil und berechenbar. Das haben nicht erst die jüngsten Turbulenzen an den Finanzmärkten gezeigt. Deshalb sollten Studenten von Wirtschafts- und MBA-Studiengängen nicht nur BWL lernen. „Wenn es um erfolgreiches Handeln in komplexen und mehrdeutigen Umgebungen geht, greifen die von der Betriebswirtschaftslehre vermittelten Kompetenzen bei weitem zu kurz“, sagt Professor Roland Deiser, Leiter des Netzwerks European Corporate Learning Forum (ECLF).
 
BWL gelangt an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit. Überall dort, wo weiche Faktoren über den Erfolg entscheiden, kann das klassische Lehrfach wenig beitragen: Kreativität, Inspiration und Risikofreude vermittelt das Fach nicht. Gerade darauf aber komme es in turbulenten Zeiten an, sagt Deiser: „Für das managen in hoch innovativen Umgebungen, die sich sehr schnell verändern, und wo sich Unternehmen ständig neu erfinden müssen, liefert die BWL kaum Rüstzeug.“

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Messbarkeit und analytische Methoden, auf die die BWL setze, griffen in Zeiten der Unvorhersagbarkeit zu kurz. Führung und Management bräuchten unter solchen Bedingungen eher die Geisteshaltung eines Künstlers, sagt der Lernexperte.

Bestehendes infrage stellen

Ein guter Beleg für seine These sei das Mobiltelefon von Apple, das iPhone von Apple. Konventionelle Denkweise mit Marktstudien und Wettbewerbsanalysen hätte dieses Erfolgsprodukt nie hervorbringen können, sagt Deiser: „Ein Produkt von der Eleganz eines iPhone benötigt die Vision und den Mut eines Künstlers und ein tiefergehendes Verständnis von Emotion und Inspiration.“ Dieser Ansatz jedoch komme in der Denkweise eines Betriebswirtschaftlers nicht vor – zumindest nicht in der eines konventionellen Betriebswirtschaftlers.
 
Zwar will auch Deiser die BWL keineswegs abschaffen. Die von ihr vermittelten Kompetenzen blieben nach wie vor wichtig. Aber im Unternehmen von morgen würden Fähigkeiten und eine Geisteshaltung verlangt, die nur noch wenig mit BWL zu tun haben: „Die Organisation des 21. Jahrhunderts braucht Querdenker, Leute mit Leidenschaft, Neugier, Mut und der Offenheit, Bestehendes infrage zu stellen.“
Dieser Artikel ist erschienen am 17.10.2011
 

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