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Studium

Universität für Frankreichs Staatsdiener

Holger Alich
Wer in Frankreich eine Spitzenposition im Staatsdienst anstrebt, kommt an ihr nicht vorbei: an der École Nationale d'Administration (ENA), was übersetzt so viel heißt wie „Nationale Verwaltungsschule“.
Die École Nationale d'Administration in StraßburgFoto: © bobroy20 - Fotolia.com
Die École Nationale d'Administration wurde 1945 von Charles de Gaulle gegründet, um den Zugang zur Staatselite zu demokratisieren. Doch Kritiker werfen der ENA vor, dass ihre Absolventen – die sogenannten „Enarque“ – selbst eine neue Kaste bilden, die Frankreichs Politik und Wirtschaft dominiert: Zwei Staatspräsidenten und sieben Premierminister sowie zahlreiche Konzernchefs sind Absolventen dieser renommierten Elite-Schmiede.Die größte Hürde der ENA ist ihr Aufnahmetest, der berüchtigte Concours: Es gibt drei verschiedene Versionen: Für Staatsbedienstete, für Hochschulabsolventen und für Quereinsteiger aus der Wirtschaft. Rund 1500 Bewerber konkurrieren um insgesamt 80 Plätze eines Jahrgangs, 30 weitere Studienplätze sind für Ausländer reserviert. Spezialkurse bereiten die Kandidaten auf die Tests vor – durchgearbeitete Nächte sind garantiert.

Die besten Jobs von allen

Ist der Eingangstest erfolgreich geschafft, herrscht der Leistungsdruck 27 Monate lang weiter: Theorievermittlung, Prüfungen und diverse Praktika folgen aufeinander, zum Schluss werden die ENA–Absolventen nach Leistung aufgelistet. Und nur die Bestplatzierten ergattern die angesehensten Staatsjobs, etwa im Rechnungshof oder in der Finanzinspektion. Letztere gilt auch als Kandidatenpool für die französische Finanzindustrie. Sowohl Henri de Castries, Vorstandsvorsitzender des französischen Versicherungskonzerns Axa, als auch Société-Générale-Chef Frédéric Oudéa, der eine der drei wichtigsten Geschäftsbanken Frankreichs leitet, haben nach der ENA in der Finanzinspektion ihre Karrieren begonnen.Die ENA gilt aber auch als wichtige Netzwerk-Schmiede. Viele Top-Manager und Spitzenpolitiker Frankreichs kennen sich aus ihrer gemeinsamen ENA-Zeit. Beispiel Jahrgang 1980: Ex-Premierminister Dominique de Villepin, Ex-Präsidentschaftskandidatin Ségolène Royal und der Chef der Börsenaufsicht, Jean-Pierre Jouyet, drückten mit Axa-Chef de Castries gemeinsam die Schulbank.Pflicht-ÜbungIn der Wirtschaft sinkt dagegen die Bedeutung der ENA als Pflicht-Übung für künftige Konzernchefs, auch wenn noch rund ein Viertel der 40 größten börsennotierten Konzerne Frankreichs von einem „Enarque“ geführt werden. Doch Ausländer und Quereinsteiger gewinnen an Bedeutung. Mit Denis Hennequin hat der Hotelriese Accor zum Beispiel einen Manager mit einem ungewöhnlichen Profil an die Spitze geholt: Nach seinem Abschluss als Wirtschaftsprüfer machte er Karriere beim US-Fastfood-Riesen McDonald's.
Dieser Artikel ist erschienen am 31.01.2011
 

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