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Technische Frauenstudiengänge auf dem Vormarsch
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Women only

Technische Frauenstudiengänge auf dem Vormarsch

Lisa Oenning, wiwo.de
In Technik- und IT-Berufen sind Frauen immer noch unterrepräsentiert. In Deutschland gibt es deshalb sechs IT-nahe Studiengänge – nur für Frauen. Warum die Geschlechter-Trennung im Hörsaal nötig ist und was sie bringt.
Die Hemmschwelle ist hoch: Technik, Ingenieurwesen, IT – das sind immer noch klare Männerdomänen. Bis heute sind Frauen in diesen Branchen eine seltene Spezies: Laut Bitkom sind gerade einmal 15 Prozent aller Fachkräfte in IT-Unternehmen und ein Viertel aller Informatikstudenten im ersten Semester in Deutschland weiblich. "Das sind viel zu wenig Frauen, auch weil die Branche dringend Fachkräfte braucht", sagt Jana Bracklow, Referentin im Bereich Personalentwicklung und Diversity des Branchenverbandes.

Dabei gibt es keinerlei Beweise dafür, dass Männer die besseren Techniker, Informatiker oder Ingenieure sind. Doch trotz guter Jobaussichten und hoher Vergütung überlassen die meisten Frauen den Männern widerstandslos das Feld – oftmals aus der Angst heraus, unter all den Männern unterzugehen.

Andere Atmosphäre

Deshalb gibt es in Deutschland mittlerweile sechs IT-nahe Studiengänge, die sich ausschließlich an Frauen richten. Laut Branchenverband stellen sie zwar die gleichen fachlichen Anforderungen wie andere Studiengänge, aber die Lernatmosphäre ist eine andere.

In gemischten Studiengängen gehen Frauen oftmals davon aus, dass die männlichen Kommilitonen viel Vorerfahrung mitbringen, weil sie viel Zeit vor dem PC verbringen – und halten sich deshalb zurück: Sie protokolliert, er schraubt, werkelt oder programmiert. "In den Frauenstudiengängen sind die Studentinnen nicht dem ständigen Druck ausgesetzt, beweisen zu müssen, dass sie technik- oder IT-affin sind", sagt Bracklow. Die Konsequenz: Sie gehen viel unbeschwerter mit Themen um, entwickeln und programmieren selbst – und sind nach einigen Monaten selbstsicherer.
 
Aus diesem Grund hat sich Katharina Diekmann (Name geändert) 2009 bewusst für den Studiengang Wirtschaftsingenieurwesen für Frauen an der Jade Hochschule Wilhelmshaven entschieden. Anfangs war sie unsicher, ob Ingenieurwesen überhaupt ihr Ding ist. Mittlerweile arbeitet sie als Trainee in der Produktion einer Papierfabrik, nachdem sie ihre Bachelorarbeit bei einem großen Maschinenbau-Unternehmen in Süddeutschland absolvierte und einen Abschluss im Masterstudiengang Holzwirtschaft oben drauf setzte.
 
In gemischten Studiengängen völlig unterrepräsentiert

In Deutschland ergeht es vielen Studienanwärterinnen ähnlich wie Diekmann – sie machen ihre Studienwahl abhängig vom anderen Geschlecht. "Bei einer Befragung unserer Studierenden hat sich herausgestellt, dass die Hälfte nicht Informatik studiert hätte, wenn es nur einen gemischten Studiengang gegeben hätte", sagt Juliane Siegeris, die für den Studiengang Informatik und Wirtschaft für Frauen an der Fachhochschule Berlin verantwortlich ist.

Auch die Studentenzahlen geben ihr Recht: Jedes Jahr bewerben sich ausreichend Frauen auf die 40 ausgeschriebenen Studienplätze, während die Anwärterinnen für vergleichbare Studiengänge prozentual vollkommen unterrepräsentiert sind – und bislang eine Minderheit bilden.

Laut Bitkom-Prognose wird das noch eine Weile so bleiben: "Das Ziel, dass mindestens ein Drittel aller Studierenden im Fachbereich Informatik Frauen sein sollen, wird, realistisch betrachtet, vor 2025 nur sehr schwer zu erreichen sein", sagt Bracklow.

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de
Dieser Artikel ist erschienen am 05.05.2016
 

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